Land vor Zerreissprobe Putin, Trump und Maga-Stars mischeln bei historischer Abstimmung im Nachbarland mit

Philipp Dahm

13.5.2026

Wladimir Putin (links) und Donald Trump im Juni 2019 im japanischen Osaka: Ein Bericht warnt, dass Moskau Seite an Seite mit Washington daran arbeitet, die Unabhängigkeitsabstimmung in Alberta zu beeinflussen.
Wladimir Putin (links) und Donald Trump im Juni 2019 im japanischen Osaka: Ein Bericht warnt, dass Moskau Seite an Seite mit Washington daran arbeitet, die Unabhängigkeitsabstimmung in Alberta zu beeinflussen.
Bild: Keystone

Es ist eine Wahl in Alberta, die Folgen für ganz Kanada haben könnte: Am 19. Oktober stimmt die Provinz über ihre Unabhängigkeit ab. Akteure aus Russland, aber auch aus den USA versuchen neben Dritten, die Wahl zu beeinflussen, warnen Experten.

Philipp Dahm

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Die Provinz Alberta stimmt am 19. Oktober über ihre Unabhängigkeit von Kanada ab.
  • Der Report «Entscheidungsfindung & nationale Einheit unter Beschuss» von IT-NGOs warnt vor Einflussnahme aus dem Ausland.
  • So verstärken Russland, aber auch die USA, das Narrativ der Separatisten und erwecken den Eindruck, es gehe um eine Massenbewegung.

Als die Proteste gegen das Regime im Iran Überhand nehmen, greift Teheran durch. Während Demonstrierende auf der Strasse erschossen werden, verhängt das Land am 8. Januar eine Internetsperre.

Die Folgen sind in Grossbritannien zu spüren. «Social-Media-Accounts für Schottlands Unabhängigkeit schweigen nach dem Internet-Blackout im Iran», titelt der «Telegraph».

User, die sich als «schottische Burschen» verkaufen und für die Unabhängigkeit der Region starkmachen, posten plötzlich gar nichts mehr. Dass der Iran Separatisten in Grossbritannien unterstützt, um London insgesamt zu schwächen, kann kaum überraschen.

Auch in Kanada gibt es eine Unabhängigkeitsbewegung – namentlich in der Provinz Alberta. Auch hier mischen ausländische Akteure mit, besagt ein neuer Bericht. Russland soll dort seine Finger im Spiel haben. Die USA sollen ebenfalls mitmischen.

Doch worum geht es eigentlich?

Die kanadische Provinz Alberta (rot markiert) an der Grenze zu den USA.
Die kanadische Provinz Alberta (rot markiert) an der Grenze zu den USA.
Google Earth

Nach einem erfolgreichen Referendum wird Albertas Bevölkerung am 19. Oktober über eine Unabhängigkeit vom Bundesstaat Kanada abstimmen. Ein Bericht von verschiedenen IT-NGOs warnt nun, dass ausländische Kräfte versuchen, den Urnengang zu manipulieren. Der Titel: «Entscheidungsfindung & nationale Einheit unter Beschuss».

Separatismus in der Provinz Alberta

  • Alberta ist Kanadas reichste Provinz. 2023 wurde dort 15 Prozent von Kanadas Bruttoinlandsprodukt erwirtschaftet.
  • In den 1940er-Jahren werden in Alberta grosse Ölvorkommen entdeckt.
  • In den 80ern wird mit dem Western Canada Concept erstmals eine Partei gegründet, die die Abspaltung will.
  • Im Jahr 2000 übernimmt die Alberta Independence Party, deren Name Programm ist, im Gegensatz zur Vorgängerin keine Erfolge feiern kann.
  • Erst in den späten 2010er- und frühen 2020er-Jahren nimmt das Thema wieder Fahrt auf: Die Bewohnenden fühlen sich zunehmend vom Bundesstaat ausgenommen.
  • Der überraschende Wahlgewinn der Liberalen 2025 hat die Bewegung erneut befeuert. Das Alberta Prosperity Project unter ihrem Anführer Mitch Sylvestre sammelt 302'000 statt der benötigten 178'000 Stimmen, um ein Referendum zu forcieren.

«Der Separatismus in Alberta ist zu einer der grössten Herausforderungen für die nationale Einheit Kanadas in den letzten Jahrzehnten geworden», halten die Verfasser fest. Verwurzelt sei die Bewegung zwar im Inneren. Die «Bedrohung» erwachse aber durch ausländische Akteure, die propagieren, dass eine Abspaltung «unvermeidlich, wünschenswert oder international unterstützt» sei.

Russen arbeiten heimlich auf Englisch

Einer dieser Akteure ist Russland, das den Separatismus verdeckt unterstützt, heisst es weiter. Konkret sei die Propaganda-Gruppe Sturm-1516 beteiligt, die online Desinformation streut. Auch staatlich kontrollierte Medien wie «Sputnik» und die «Pravda News Agency» würden Content verbreiten, der das Narrativ der Alberta-Separatisten aufgreift.

Russland habe konkret Webseiten wie «albertaseparatist.com» betrieben, die mittlerweile offline ist. Die Macher hätten ihre Inhalte auch auf TikTok und YouTube verbreitet. Neben der Unabhängigkeit seien Anti-LGBTQ‑Inhalte und Verschwörungstheorien Kernthemen des Portals gewesen.

Die Website albertaseparatist.com am 26. Februar 2026: Mitch Sylvestre ist der Anführer der Separatistenbewegung in der Provinz.
Die Website albertaseparatist.com am 26. Februar 2026: Mitch Sylvestre ist der Anführer der Separatistenbewegung in der Provinz.

Gleichzeitig werfen die Verfasser auch den USA Einflussnahme vor: «Das Engagement ist offenkundig, eskaliert und fliesst in einigen Bereichen mit Russland zusammen», so der Bericht. Kanadische Separatisten haben berichtet, sie hätten sich mindestens dreimal mit hochrangigen US-Vertretern getroffen.

Carlson spricht Kanada die Souveränität ab

«Diese Treffen und Aussagen scheinen keine Einzelfälle zu sein», hält der Bericht fest. «Wenn dies zutrifft, [...] wäre [das] höchst ungewöhnlich.» Zudem würden sich «populistische Influencer aus der Maga-Sphäre mit grosser Anhängerschaft» einschalten – wie etwa Steve Bannon oder Tucker Carlson.

«Kanada ist kein souveränes Land. Das war es noch nie», behauptet Carlson am 3. April in seiner Show. Früher habe es zum britischen Commonwealth gehört, heute sei es «eine Kolonie von Indien und China. Es war nie souverän, und es gibt keinen Grund, warum es das sein sollte.»

Kanada falle als Nation «komplett auseinander»: «Es herrscht ein innenpolitisches Chaos», meint der frühere Fox-News-Moderator. «Ein Land, das seine eigene Bevölkerung unterdrückt.» Es wäre nur recht, einen Regimewechsel in dem Nachbarland der USA anzustreben, tönt Carlson. 

Russisches Geld für amerikanische Influencer

Der republikanische Chefstratege Steve Bannon wird wegen eines Clips vom 17. Januar erwähnt, in dem er verbreitet, die Kanadier*innen seien «feindlich gegen die Vereinigten Staaten von Amerika»: «[Bannon] stellt den Separatismus in Alberta als Teil eines umfassenderen Kampfes gegen liberale demokratische Institutionen dar.»

Der Einfluss solcher Influencer dürfe nicht unterschätzt werden, warnt der Bericht. Es geht aber noch schlimmer: «Die beunruhigendste Dimension des US-Engagements liegt dort, wo das Influencer-Ökosystem und russische Finanzierung zusammentreffen», warnt die Untersuchung.

Man verweist auf das Beispiel von Tim Pool und Benny Johnson: Die US-Influencer haben bei der Firma Tenet Media rund zehn Millionen Dollar aus Moskau erhalten, um russische Propaganda zu verbreiten.

Die Kanadier Lauren Chen und Liam Donovan hätten führende Rollen beim Aufbau des Unternehmens gespielt, das nach der Anklage zweier Russen durch das Justizministerium 2024 aufgelöst wurde. Pool und Johnson sind weiter auf Sendung – sie wollen von dem russischen Geld damals nichts gewusst haben. Heute werben sie weiter für die Separatisten.

«Sieht aus, als würden wir Kanada nehmen, Jungs»

«Massive Mengen von Menschen wollen den 51. Staat von Kanada abspalten. 51. Staat», erklärt Benny Johnson seinen sechs Millionen Followern am 18. Januar. «Wir würden es begrüssen.» Tim Pool legt am 30. Januar nach: «Trump-Leute haben sich mit Kanadas Separatisten getroffen [...] Es sieht aus, als würden wir Kanada nehmen, Jungs.»

Das ist das jüngste Video von Benny Johnson zu Kanada, der Alberta ob der Abstimmung im Oktober schon aufseiten der USA sieht:

Der Bericht warnt davor, dass diese Influencer Zweifel an den demokratischen Prozessen säen könnten – «inklusive Behauptungen, die darauf abzielen, die Wahlbehörden zu diskreditieren, den Prozess zu delegitimieren oder das Ergebnis infrage zu stellen».

Videos von ähnlichen, nicht authentischen Accounts auf YouTube.
Videos von ähnlichen, nicht authentischen Accounts auf YouTube.
Canadian Digital Media Research Network

Die Untersuchung hat noch eine dritte Gruppe ausgemacht: Es geht um User*innen, die KI nutzen, um Fake-Videos herzustellen, die viele Klicks machen. Sie seien zwar nicht staatlich gesteuert, sondern vor allem auf Profit aus, würden aber dennoch potenziell «die Informationsumwelt verschmutzen».

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