Friedrich Merz in BedrängnisBerlin tuschelt über den Kanzler-Sturz – jetzt werden alle nervös
Andreas Fischer
29.5.2026
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU): Sein Verbleib im Amt ist Gegenstand von wilden Spekulationen.
Bild: KEYSTONE
Friedrich Merz steckt in der Unbeliebtheitsfalle, die Gerüchte über einen möglichen Sturz nehmen zu. Doch wie realistisch ist ein Kanzlerwechsel in Deutschland überhaupt – und welche Wege gäbe es dafür?
Ein möglicher Nachfolger wird auch schon genannt: In Deutschland mehren sich Gerüchte, dass Bundeskanzler Friedrich Merz sein Amt bald verlieren könnte.
Merz reagiert dünnhäutig auf diese Spekulationen, sein potenzieller Nachfolger Hendrik Wüst gibt sich gelassen.
Experten halten einen Austausch von Merz derzeit für riskant, da dies die Regierungskoalition zusätzlich destabilisieren und von politischen Problemen ablenken könnte.
Unbeliebter als Friedrich Merz war in Deutschland noch kein Bundeskanzler. Seit Wochen rangiert der 70-Jährige auf dem Schlussplatz des Politiker-Rankings. Und egal, was der Vorsitzender der CDU macht oder sagt: Merz kann sich aus dem Umfrageloch nicht befreien. Das hat auch Auswirkungen auf die Regierungskoalition, die in den Umfragen ebenfalls abschmiert.
Das «politische» Berlin spekuliert deswegen, dass Friedrich Merz schon bald nicht mehr Deutschlands Regierungschef ist. Auch der Name des möglichen Nachfolgers kursiert bereits: Hendrik Wüst.
Wüst bleibt ruhig, Merz wird nervös
Dem im Gegensatz zu Merz beliebten Ministerpräsidenten des grössten deutschen Bundeslandes Nordrhein-Westfalen werden schon länger Ambitionen auf das Kanzleramt in Berlin nachgesagt. Allerdings ist der gut vernetzte Politiker viel zu smart, um offen vorzupreschen und seinen Parteichef anzugreifen.
Trotzdem kochten die Gerüchte zuletzt derart hoch, dass sie nicht nur äusserst prominent in deutschen Medien diskutiert wurden. Auch Friedrich Merz sah sich zu einem scharfen Dementi genötigt und liess auf Anfragen mehrerer Medien verbreiten, dass diese – Achtung Wortspiel! – «wüste Spekulation» nur «von bemerkenswerter Unkenntnis der Verfassung und der politischen Realität» zeuge. Und überhaupt zeuge diese «naive Idee» nur «von einer gefährlichen Lust an der Zündelei».
Das Vertrauen in Merz' eigener Partei schwindet
Natürlich weiss Friedrich Merz, dass Gerüchte nur Gerüchte sind. Dass sich der Bundeskanzler aber zu einer derart heftigen Reaktion hinreissen liess, zeugt von einer gewissen Nervosität. Und die scheint nicht unberechtigt.
Die Umfragewerte der Regierungsparteien CDU, CSU und SPD sind in den Keller gerauscht. An der Basis von Merz' CDU rumort es schon länger. Und auch die Fraktion im Bundestag hat das Vertrauen in den Bundeskanzler Friedrich Merz verloren.
Sind dessen Sorgen also berechtigt? Rein rechtlich gesehen wäre ein Kanzlerwechsel möglich, aber nur unter bestimmten Voraussetzungen.
Szenario 1: Rücktritt
Durch einen Rücktritt könnte Merz den Weg für die Wahl eines anderen Kanzlers oder einer Kanzlerin freimachen. Dass er dies vorhat, dafür gibt es aber keinerlei Anzeichen.
Formal müsste Merz bei Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier seine Entlassung beantragen. Diese müsste das Staatsoberhaupt auch annehmen, allerdings bliebe der Kanzler bis zur Neubesetzung geschäftsführend im Amt. Dafür würden dann die normalen Regeln für die Kanzlerwahl gelten.
Szenario 2: Vertrauensfrage
Merz könnte auch - mit oder ohne Verbindung mit einer Sachfrage - die Vertrauensfrage stellen. Dies könnte auch dazu dienen, seinen Rückhalt in der Koalition unter Beweis zu stellen. Erhielte er bei einem solchen Vertrauensvotum keine Mehrheit, könnte der Bundespräsident innerhalb von 21 Tagen den Bundestag auflösen, jedoch nur, wenn Merz ihm dies vorschlägt.
Der Bundestag könnte dann in diesem Zeitraum auch einen neuen Kanzler oder eine Kanzlerin wählen, womit das Recht auf Parlamentsauflösung erlischt. Auch könnte Merz trotz verlorener Vertrauensfrage rechtlich gesehen im Amt bleiben, auch wenn das politisch heikel sein dürfte.
Szenario 3: Konstruktives Misstrauensvotum
Der Bundestag hat laut deutschem Grundgesetz (Artikel 67) immer das Recht, in einem konstruktiven Misstrauensvotum mit der Mehrheit seiner Mitglieder einen anderen Bundeskanzler oder eine Kanzlerin zu wählen.
Allerdings wäre ein solches Vorgehen kaum geeignet, um einen Wechsel innerhalb derselben Partei oder Koalition herbeizuführen: Der Gegenkandidat oder die Kandidatin - zum Beispiel Wüst - müsste dazu gegen Merz antreten und eine Mehrheit erzielen.
Szenario 4: Neuwahlen als Option
Denkbar wären auch Neuwahlen zum Bundestag. Dafür sind die rechtlichen Hürden allerdings hoch. Im Fall einer Neuwahl könnten die Unionsparteien einen neuen Spitzenkandidaten oder eine Kandidatin aufstellen - oder auch erneut mit Merz antreten. Das Risiko eines Mehrheitsverlusts für die aktuelle rot-schwarze Koalition wäre aber laut den aktuellen Umfragen bei Neuwahlen enorm.
Szenario 5: Entscheidung durch die Kanzlerpartei
In Deutschland gibt es rechtlich kein Verfahren, bei dem die Kanzlerpartei während einer laufenden Wahlperiode einen Kanzlerwechsel herbeiführen könnte. Politisch könnte Merz aber natürlich zum Rücktritt aufgefordert werden. Doch dafür gibt es derzeit keine Anzeichen.
Der Politikwissenschaftler Wolfgang Merkel hält es für keine gute Idee, Friedrich Merz zum gegenwärtigen Zeitpunkt durch einen anderen Bundeskanzler zu ersetzen. Dies würde «zunächst eine erhebliche Unruhe in die Regierungskoalition bringen», gab er in der Ludwigshafener «Rheinpfalz» zu bedenken. «Die Politik wäre zunächst einmal vor allem mit sich selbst beschäftigt und nicht mit der Lösung der drängenden Probleme.»
Richtig sei allerdings, dass Merz «angezählt» sei, sagte Merkel weiter und äusserte sich skeptisch zu dem als Alternative zu Merz genannten Hendrik Wüst. Dieser habe keine bundespolitische Erfahrung, «fällt aber auch durch einen besonderen Mangel an Charisma auf». Zudem habe er Zweifel, ob Wüst «die Härte und Führungsstärke entwickeln kann, die in Zeiten multipler Krisen gefragt sind», sagte der Politikwissenschaftler.
Mit Material der Nachrichtenagentur AFP.
Hier wird Merz ausgebuht
Merz appelliert auf dem DGB-Kongress an die Gewerkschafter, bei der Reformagenda konstruktiv mitzuwirken. «Das alles ist keine Bösartigkeit», sagt er. Die Reaktion ist eindeutig.