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Sind die Tage von Wolodymyr Selenskyjs rechter Hand gezählt? Andrij Jermak (im Trio vorne) am 16. Juni 2024 auf dem Bürgenstock.
Bild: Keystone
Andrij Jermak ist mit dem Überfall Russlands auch auf internationaler Bühne bekannt geworden: Eigentlich Anwalt und Filmproduzent, stieg er nach 2019 zum heimlichen Vizepräsidenten der Ukraine auf. Doch nun droht Selenskyjs starker Mann, über Korruption zu stolpern.
Seitdem der Krieg ausgebrochen ist, ist Andrij Jermak überall präsent.
Etwa in der Nacht vom 24. auf den 25. Februar 2022, als sich der ukrainische Präsident in den Strassen von Kiew filmt, um eine Botschaft zu senden. Wenn Wolodymyr Selenskyj sagt: «Alle sind hier. Und so wird es bleiben», steht Jermak hinter ihm.
Jermak ist nicht der Aussenminister, aber wenn auf dem Bürgenstock über den blutigen Konflikt in seinem Land gesprochen wird, reist der 54-Jährige in die Schweiz und betritt die diplomatische Bühne.
Am 23. November 2025 ist es erneut Jermak, der nach Genf kommt, um mit US-Aussenminister Marco Rubio über Donald Trumps «Friedensplan» zu verhandeln.
Ukrainian Presidential Office Head Yermak reported productive talks with US counterparts achieving real progress toward lasting peace, with teams continuing work today and in coming days to refine proposals alongside European partners.
— WarTranslated (Dmitri) (@wartranslated.bsky.social) 23. November 2025 um 18:15
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Und das, obwohl im Inneren die Kritik an Selenskyjs Vertrautem immer grösser wird – einem Mann, den das «Time» -Magazin 2024 zu den 100 einflussreichsten Menschen der Welt zählte.
Ist Jermak zu mächtig? Ist Jermak korrupt? Wer ist Andrij Jermak?
Andrij Jermaks Mutter ist eine Russin: Maria Alexandrowna kommt aus St. Petersburg als Touristin nach Kiew und lernt durch gemeinsame Bekannte Borys Mychajlowytsch aus Kiew kennen, der aus einer jüdischen Familie kommt: Beim Massaker von Babyn Jar, als 1941 mehr als 33'000 Juden ermordet werden, lassen auch Verwandte von Jermak ihr Leben.
Das Paar heiratet 1971, und schon am 21. November kommt Andrij zur Welt. Sein Bruder Denis folgt acht Jahre später. Andrij studiert nach der Schule in Kiew Jus, steigt währenddessen bei einer Kanzlei ein und macht 1995 seinen Abschluss. 1997 macht er sich als Anwalt selbstständig, schreibt «Ukrajinska Prawda».
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Durch seinen Beruf kommt Andrij in den 2000ern in Berührung mit der Politik, gründet die Vereinigung der Entrepreneure der Stadt Kiew, wird 2011 Vorsitzender der Vereinigung von Kleinunternehmern. Es ist das Jahr, indem er auch einen Produzenten des ukrainischen Senders «Inter» kennenlernt – einen gewissen Wolodymyr Selenskj.
Jermak gründet 2012 die Garnet International Media Group und wird Produzent von Filmen wie «The Line». Ab 2016 soll er auch Film-Fördergelder vom Staat kassiert haben, schreibt «Ukrajinska Prawda». Es dauert bis 2019, bis Andrij Jermak voll in die Politik einsteigt: Damals beginnt der Schauspieler Wolodymyr Selenskyj seinen Wahlkampf.
Nach dessen Sieg ist Jermak zunächst Berater des neuen Präsidenten, übernimmt aber auch schnell aussenpolitische Missionen. Im September 2019 überrascht er die Öffentlichkeit mit der Nachricht, er habe im Geheimen mit dem Kreml verhandelt und die Freilassung ukrainischer Gefangener erreicht.

Jermak im September 2019 im Dorf Welyki Komjaty.
Bild: Keystone
Jermak wird zu Selenskyjs Chefunterhändler mit Moskau, vertritt Kiew beim Normandie-Format und führt Gespräche mit den Amerikanern Kurt Volke rund Rudy Giuliani, die in der Ukraine-Affäre münden. Doch auch im Inneren wirkt der Politiker: Er installiert laut «Ukrajinska Prawda» Freunde in hohen Ämtern der Selenskyj-Partei «Diener des Volkes».
Der Präsident ist mit seinem Berater hochzufrieden: Im Februar 2020 macht er ihn zum Chef des Präsidialamtes und Mitglied des Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrates. Jermak ist für die «Ukrajinska Prawda» nicht nur «Schattenminister für auswärtige Angelegenheiten», sondern «im wesentlichen Vizepräsident der Ukraine».
Der Kiewer habe den Vorteil gehabt, dass er sich stets die Aufgaben habe aussuchen können, die er übernommen habe. Als Chef des Präsidialamtes koordiniert er Aufgaben in Selenskyjs Namen, und gleichzeitig kontrolliert er, wer Zugang zum Präsidenten bekommt.

Jermak schüttelt am 20. Februar 2023 in Kiew die Hand von US-Präsident Joe Biden.
Bild: Keystone
Beim Ausbruch des Krieges steht Jermak im Februar 2022 zwar hinter Selenskyj, doch sein positives Image bekommt erste Risse. «Während er für Selenskyj die Drecksarbeit macht, wurde der grüne Kardinal durch seine Machenschaften durch Kontroversen beschmutzt, bei denen es um Korruptionsvorwürfe gegen seinen Bruder und Stellvertreter geht.»
Das schreibt «Politico» 2023 über Jermak: Der Spitzname grüner Kardinal rührt auch von den vielen Fotos in olivgrüner Kleidung, die Jermak machen lässt.
2024 adelt ihn «Time» zu einem der 100 einflussreichsten Menschen. «Andrij Jermak dient nicht nur einem entschlossenen Anführer, sondern hat sich auch selbst als solcher erwiesen», heisst es zur Begründung.

Dezember 2023:Selenksyj (2.v.l.) und Jermak lassen sich ein Update geben, die die Schlacht um Awdijiwka verläuft. Die Stadt fällt im Februar 2024.
Bild: Keyxstone
Jermak ist der Schlüssel, um zum Präsidenten zu gelangen – ob es einem passt oder nicht. «Wir müssen mit ihm verhandeln, er ist Selenskyjs Mann», sagt ein hoher europäischer Beamter dem «Kyiv Independent». «Wir haben keine andere Wahl.» Auch bei einigen US-Diplomaten geniesse Jermak keinen guten Ruf.
Was Experten wie auch Bevölkerung wundert: Jermak hat angefangen, jene Behörden zu bekämpfen, die der Korruption den Garaus machen sollen. Und das ausgerechnet, als in der Rüstungsindustrie der grösste Korruptionsfall überhaupt die Ukraine erschüttert – und als dessen Kopf der Selenskyj-Vertraute Timur Mindich gilt.
Andrij Jermak müsste davon gewusst haben, glaubt die Chefin des Anti-Korruptions-Aktionszentrums: Er «ist so einflussreich und kennt sich mit so vielen Themen im Land aus, dass es unmöglich ist, dass ein so gross angelegtes Korruptionsprogramm ohne sein tiefes Wissen und Verständnis funktioniert», weiss Daria Kaleniuk.
«Der innere Kreis ist immer ein Problem für fast jeden ukrainischen Präsidenten», betont Analyst Volodymyr Fesenko im «Kyiv Independent». «Für Selenskyj sind das Freunde. Menschen, die er kannte und denen er vertraute. Aber das Leben hat ihn ein paar Mal bestraft, vor allem jetzt mit Mindich, und gezeigt, dass übermässiges Vertrauen in Freunde schlecht enden kann.»
Good morning, New York. While you were sleeping, this was the most-read story https://on.ft.com/4f5LyBz
— Financial Times (@financialtimes.com) 24. Juli 2025 um 13:01
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«Damit der Präsident beweisen kann, dass er nicht Teil des Plans und nicht korrupt ist, muss er all diese korrupten Freunde aus dem inneren Kreis loswerden. So einfach ist das», fügt sie hinzu. «Einschliesslich Jermak.» Mindich, der gewarnt wurde und vor seiner Verhaftung ins Ausland floh, ist mit Jermak befreundet, schreibt der «Kyiv Independent».
Auch um Jermak ranken sich seit Jahren Gerüchte von Korrumpierbarkeit. Einige seiner Freunde seien reich geworden. Der Präsident sei dankbar, dass Jermak ihm im Tagesgeschäft den Rücken freihalte. «Alles wird vom Büro des Präsidenten kontrolliert», klagt der oppositionelle Politiker Volodymyr Ariev. «Das Präsidialamt entscheidet alles – nicht das Parlament oder das Kabinett.»
Im Volk hat Jermak kaum Rückhalt: Nur 17,5 Prozent vertrauen ihm, erhebt das Razumkov Zentrum im März. Suspekt ist vielen auch sein langer Arm in den Sicherheitsapparat. Die «Ukrajinska Prawda» berichtet, dass Jermal diesen angewiesen haben soll, den Chef der Antikorruptionsabteilung zu diskreditieren.
#Ukraine "According to Ukrainska Pravda, appointing Yermak as chief negotiator is meant to protect him, at least for a while, from receiving formal charges" https://t.co/zlKldMwhrT
— Kostas Ant Lavdas (@KostasAntLavdas) November 24, 2025
Selenskyj soll zwar erste interne Ermittlungen gegen Jermak angestrengt haben, doch dank Trumps «Friedensplan» wird der Chefunterhändler nun dringend gebraucht. Auf internationaler Bühne kann er glänzen, doch seine innenpolitische Zukunft scheint eher düster zu sein.