US-Sender im Kreuzfeuer Trump-kritischer TV-Beitrag verschwindet drei Stunden vor Ausstrahlung

Sven Ziegler

22.12.2025

Die langjährige «60 Minutes»-Korrespondentin Sharyn Alfonsi bringt den Verdacht auf, dass politische Entscheide hinter der Verschiebung stecken.
Die langjährige «60 Minutes»-Korrespondentin Sharyn Alfonsi bringt den Verdacht auf, dass politische Entscheide hinter der Verschiebung stecken.
Keystone / Screenshot «60 Minutes» / Bildmontage

Kurz vor der Ausstrahlung greift die neue Chefredaktion bei CBS ein: Ein Beitrag über Abschiebungen nach El Salvador wird aus dem Programm von «60 Minutes» genommen. Intern wächst der Widerstand – und der Vorwurf, es gehe weniger um Journalismus als um Politik.

Sven Ziegler

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • CBS nahm einen bereits geprüften «60 Minutes»-Beitrag nur wenige Stunden vor der Ausstrahlung aus dem Programm.
  • Die verantwortliche Korrespondentin spricht von einer politischen Entscheidung und warnt vor Zensur.
  • Auslöser ist die neue Führung nach der Übernahme des Mutterkonzerns durch Skydance.

Beim US-Sender CBS sorgt eine kurzfristige Programmänderung für erheblichen Wirbel. So wurde am Wochenende ein Beitrag des renommierten Nachrichtenmagazins «60 Minutes» nur drei Stunden vor der geplanten Ausstrahlung aus dem Programm entfernt.

Die Reportage sollte das Schicksal venezolanischer Männer beleuchten, die von der US-Regierung abgeschoben und im berüchtigten Terrorism Confinement Center in El Salvador inhaftiert worden waren. Nach Angaben der «New York Times» erfolgte der Entscheid auf Anweisung der neuen CBS-Chefredakteurin Bari Weiss, die kurz zuvor zahlreiche inhaltliche Änderungen verlangt hatte.

CBS erklärte dazu, es seien «zusätzliche Recherchen notwendig». Der Beitrag werde zu einem späteren Zeitpunkt ausgestrahlt. Intern stösst diese Begründung jedoch auf deutlichen Widerstand.

Inzwischen hat sich Weiss selbst ausführlicher zu Wort gemeldet. Laut Ben Mullin von der «New York Times» erklärte sie in einer internen Redaktionskonferenz am Montag, der Beitrag sei «nicht sendereif» gewesen. Zwar habe die Reportage «sehr eindrückliche Zeugenaussagen über Misshandlungen im Gefängnis CECOT» enthalten, doch diese Berichte seien bereits von Medien wie der «New York Times» ausführlich dokumentiert worden.

«Die Öffentlichkeit weiss, dass Venezolaner in diesem Gefängnis grausamer Behandlung ausgesetzt waren», sagte Weiss demnach. Um zwei Monate später erneut über dieses Thema zu berichten, müsse man «mehr liefern». Deshalb habe sie zusätzliche Recherchen und neuen Kontext verlangt.

War es eine redaktionelle oder politische Entscheidung?

Zudem habe sie die Redaktion aufgefordert, «jede Anstrengung zu unternehmen, die verantwortlichen Akteure zu Wort kommen zu lassen – on the record und vor der Kamera».

Genau an diesem Punkt entzündete sich der Konflikt. Die langjährige «60 Minutes»-Korrespondentin Sharyn Alfonsi, die den Beitrag verantwortete, widersprach der Entscheidung in einer internen E-Mail deutlich. Auszüge daraus liegen der «New York Times» vor.

«Unser Beitrag wurde fünfmal geprüft und sowohl von den Anwälten von CBS als auch von ‹Standards and Practices› freigegeben. Er ist sachlich korrekt», schrieb Alfonsi. Der Rückzug sei aus ihrer Sicht «keine redaktionelle, sondern eine politische Entscheidung».

Besonders scharf reagierte sie auf das Argument fehlender Stellungnahmen aus der Trump-Administration. «Wenn die Weigerung der Regierung, sich zu beteiligen, zu einem triftigen Grund wird, eine Geschichte zu stoppen, haben wir ihnen faktisch einen ‹Kill-Schalter› für jede Berichterstattung gegeben, die ihnen ungelegen kommt», schrieb Alfonsi.

Der Streit fällt in eine Phase grundlegender Umbrüche bei CBS. Im Oktober hatte Skydance, die Produktionsfirma von David Ellison, den Medienkonzern Paramount Global übernommen – und damit auch den Nachrichtensender. Weiss trat ihren Posten im Zuge dieser Übernahme an, nachdem Skydance auch das von ihr gegründete Medienunternehmen The Free Press gekauft hatte.

Streit zwischen Führung und Journalisten

Ihre Ernennung wurde in der Branche bereits als politisch sensibel bewertet. Weiss gilt als scharfe Kritikerin klassisch liberaler Medien, positioniert sich deutlich gegen «Wokeness» und unterstützt Israel offen – Punkte, die sie zu einer polarisierenden Figur machten.

Ellison verteidigte die Personalie öffentlich und bezeichnete Weiss als «bewährte Verfechterin unabhängigen und prinzipientreuen Journalismus'».

Für Alfonsi steht jedoch mehr auf dem Spiel als ein einzelner Beitrag. Die Reportage sei bereits in sozialen Medien angekündigt worden, das Publikum habe sie erwartet. Eine Absetzung ohne überzeugende Begründung werde zwangsläufig als Zensur wahrgenommen.

Man tausche «50 Jahre ‹Goldstandard›-Ruf gegen eine Woche politischer Ruhe», schrieb sie. Die Sendung liege ihr zu sehr am Herzen, um «kampflos zuzusehen», wie ihr journalistischer Anspruch ausgehöhlt werde.