China impft Europa – und zielt auf die Spaltung

#Von Sven Hauberg

2.3.2021

General practitioner Aniko Takacs vaccinates an elderly man with the COVID-19 vaccine produced by Chinese Sinopharm in her office in Nyirtelek, Hungary, Monday, March 1, 2021. (Attila Balazs/MTI via AP)
In Ungarn ist seit Kurzem das Sinopharm-Vakzin im Einsatz.
Bild: Keystone

China hat Hunderttausende Dosen seines Sinopharm-Impfstoffs nach Europa geliefert. Peking versuche so, «die Wahrnehmung seiner Rolle in der Pandemie zu verändern», glaubt ein Experte.

Eine bessere Werbeaktion hätte sich auch die chinesische Propagandaabteilung kaum ausdenken können. Am Sonntag postete Viktor Orbán, der Ministerpräsident von Ungarn, mehrere Fotos auf Facebook. Zu sehen ist, wie der 57-Jährige eine Spritze in den linken Oberarm erhält, ein weiteres Bild zeigt den Impfstoff, den Orbán erhielt: das Vakzin des chinesischen Herstellers Sinopharm. «Geimpft», schrieb Orbán über die Bilder.

Rund 550'000 Dosen des chinesischen Impfstoffs hat Ungarn bereits erhalten, eine Viertelmillion Menschen soll damit monatlich eine Spritze in den Arm bekommen. «Ungarn hat einen Vertrag über fünf Millionen Dosen», erklärt Grzegorz Stec vom Mercator Institute for China Studies (Merics) in Berlin. «Das hat den Hintergrund, dass die Einführung von Impfungen innerhalb der EU langsamer als erwartet verläuft», sagt der Experte für die Beziehungen zwischen China und der EU gegenüber «blue News».

Bereits im Mai 2020 hatte der chinesische Staats- und Regierungschef Xi Jinping angekündigt, sein Land werde einen Impfstoff, sobald dieser verfügbar sei, mit der gesamten Welt teilen. «Ein Impfstoff aus China», so Xi damals vollmundig, «wird ein öffentliches Gut sein.»

Den ersten Teil dieses Versprechens hat Xi längst wahr gemacht: Mehrere Länder weltweit spritzen das Mittel des Konzerns Sinopharm, von Brasilien bis Bahrain. «Öffentliches Gut» ist das Vakzin hingegen nicht: Während etwa die Philippinen am Montag mithilfe von 600'000 gespendeten Dosen aus China ihre Impfkampagne starten konnten, werden andere Staaten zur Kasse gebeten.

Hunderttausende Dosen für Osteuropa

In Europa gehört Montenegro zu jenen Ländern, die von China mit kostenlosem Impfstoff versorgt werden sollen – die Regierung in Peking hat eine Lieferung von 30'000 Dosen versprochen. Serbien hingegen hat sich bereits rund 1,5 Millionen Sinopharm-Dosen gesichert, die auch bereits ausgeliefert wurden – gegen Bezahlung.

Csaba Lengyel, President of the University of Szeged's Szent-Gyorgyi Albert Clinic Center shows a pack of the vaccine against COVID-19 produced by Chinese Sinopharm at the university in Szeged, Hungary, Wednesday, February 24, 2021. (Tibor Rosta/MTI via AP)
Das chinesische Sinopharm-Vakzin ist weltweit im Einsatz.
Bild: Keystone

Anders als Ungarn lehnen die meisten EU-Staaten Angebote aus China allerdings ab. Das Vakzin aus dem Reich der Mitte hat eine deutlich geringere Wirksamkeit als die Konkurrenzprodukte, ausserdem wurden immer wieder Bedenken wegen der Sicherheit des Sinopharm-Impfstoffs laut. Vor allem aber gibt es Vorbehalte, aus der gemeinsamen Impfstrategie der EU auszuscheren.

Vorbehalte, die allerdings geringer werden, je länger die Pandemie dauert. Auch Tschechien denkt neuerdings laut darüber nach, sich an Sinopharm zu wenden. In dem osteuropäischen Land kommt die Impfkampagne, wie im Rest der EU, nur schleppend voran; ausserdem meldet Prag weiterhin extrem hohe Ansteckungszahlen.



«Laut einer Umfrage von Anfang Januar waren weniger als 30 Prozent der Ungarn bereit, sich von Sinopharm impfen zu lassen, während fast dreimal so viele bereit waren, Impfstoffe von westlichen Herstellern zu akzeptieren», sagt Grzegorz Stec von Merics. «Allerdings könnte sich die öffentliche Meinung gegenüber dem Produkt von Sinopharm mit der Zeit verbessern.» Öffentlichkeitswirksame Aktionen wie jene von Victor Orbán dürfen dabei helfen.

Kampagne gegen Biontech

Gleichzeitig versucht China, Impfstoffe aus westlicher Produktion zu diskreditieren. Anfang Januar veröffentlichen Staatsmedien mehrere Artikel, in denen von angeblichen Sicherheitsproblemen beim Vakzin von Biontech und Pfizer, das auch in der Schweiz eingesetzt wird, die Rede war. Chinesische Vakzine, so der Tenor, seien hingegen sicher.

«Wie erfolgreich China dabei ist, wird man erst in einigen Wochen beurteilen können», glaubt Stec. «Im Moment sieht es so aus, als ob das Verkaufsargument für den Impfstoff von Sinopharm in Europa seine Verfügbarkeit ist und nicht seine angeblich überlegene Qualität oder Zuverlässigkeit.»



Mit den europäischen Impfdeals wolle China einerseits natürlich Geld verdienen, sagt Stec. «Aber es gibt auch einen politischen Grund: China versucht, die Wahrnehmung seiner Rolle in der Pandemie zu verändern.» Peking könnte sich durch seine Impfdiplomatie «als konstruktiver und verantwortungsbewusster Akteur präsentieren, der bereit ist, seine Partner zu unterstützen». Dies verhindere «Fragen über Chinas falschen Umgang mit dem anfänglichen Ausbruch der Pandemie».

Ausserdem, so Stec, versuche Peking, «sein Modell der Regierungsführung als effizienter darzustellen».

Vor allem in Osteuropa stösst Peking damit immer wieder auf offene Ohren, zumal China im Zuge seiner Seidenstrassen-Initiative Investitionen in den Ländern versprach. EU-Vertreter warnen längst vor einer möglichen Spaltung Europas. Doch bei manchen Staaten ist die anfängliche Euphorie längst Ernüchterung gewichen, hat sich die Sorge um einen zu grossen Einfluss Pekings mit der Enttäuschung vermischt, dass viele Investitionen nicht angekommen sind.

Die Stimmung kippt

China scheint gemerkt zu haben, dass die Stimmung in Osteuropa langsam kippt: Dem virtuell abgehaltenen 17+1-Gipfel Anfang Februar, einem losen Gesprächsformat zwischen China und 17 Staaten aus Mittel- und Osteuropa, waren einige Staatschefs ferngeblieben. Peking hingegen hatte seinen wichtigsten Mann geschickt, wenn auch nur virtuell: Xi Jinping.



Die Botschaft ist klar: Die Krise Europas, die die Pandemie offengelegt hat, will sich Peking nicht entgehen lassen. Auch wenn das bedeutet, dass chinesische Impfstoffe vermehrt in ausländische Arme gespritzt werden, während in China selbst bislang erst wenige Menschen geimpft wurden.

In der Schweiz haben chinesische Hersteller übrigens noch keine Anträge auf Zulassung ihrer Impfstoffe gestellt, teilt die zuständige Behörde Swissmedic auf Anfrage mit.

Ob die Regierung Vakzine made in China angefragt oder angeboten bekommen hat, ist nicht bekannt. Auf Nachfrage erklärt das Bundesamt für Gesundheit BAG lediglich, man sei «mit verschiedenen Impfstoffherstellern in Kontakt», Details könne man «aus verhandlungstaktischen Gründen» nicht nennen. «Da die Entwicklung der Pandemie schwierig abzuschätzen ist», bleibe die Schweiz bei der Impfstoffbeschaffung allerdings «aktiv».

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