Weltweiter Impfstoff-Plan begünstigt reiche Staaten

AP/toko

16.7.2020 - 00:00

Ein experimenteller Coronavirus-Impfstoff der Firma Moderna zeigt einer Studie zufolge nach ersten Tests ermutigende Ergebnisse. Foto: Ted S. Warren/AP/dpa

Im Wettlauf um den Impfstoff gegen das Coronavirus könnten reiche Länder doppelt profitieren: Nicht nur haben sie sich bereits den Zugriff darauf gesichert - sie werden auch mit zusätzlichen Impfdosen belohnt, wenn sie in die Forschung investieren.

Vollmundig versprechen Politiker und Gesundheitsexperten, dass sie jeden wirksamen Impfstoff gegen das Coronavirus mit der Welt teilen wollen. Doch Aktivisten warnen, dass reiche Länder Impfdosen horten könnten, um zunächst ihre eigene Bevölkerung zu versorgen, während für arme Länder weniger übrig bleibt.

Momentan werden Dutzende Impfstoffe erforscht, und Länder wie Deutschland, Frankreich, Grossbritannien und die USA haben bereits Hunderte Millionen von Dosen bestellt, ohne zu wissen, ob sie wirken. Zwar kann kein Land es sich leisten, alle potenziellen Impfstoff-Kandidaten aufzukaufen, doch viele arme Staaten haben nicht einmal das Geld, um bei diesen Spekulationen mitzuziehen.

Abhilfe soll hier eine Initiative schaffen, die von der Impfallianz Gavi angeführt wird. Die öffentlich-private Partnerschaft wurde von der Bill & Melinda Gates Stiftung ins Leben gerufen und kauft Impfstoffe für rund 60 Prozent der Kinder weltweit. Gavi hat vergangenen Monat potenziellen Spender geschrieben. In dem Dokument heisst es, wer Geld für die neue «Covax-Hilfe» gebe, könne «von einem grösseren Portfolio an Covid-19-Impfstoffen profitieren». Gavi teilt weiter mit, dass wenn ein wirksamer Impfstoff innerhalb des eigenen Pools an untersuchten Stoffen gefunden sei, Geberländer für 20 Prozent ihrer Bevölkerung Dosen erhielten und darüber frei verfügen könnten.



Auf diese Weise aber können reiche Staaten sowohl mit Arzneimittelherstellern eigene Verträge schliessen als auch Zuteilungen von Gavi erhalten. Laut dem Dokument werden die Geberländer «ermuntert, aber nicht verpflichtet, Impfdosen zu spenden, falls sie mehr haben als benötigt». Gesundheitspolitik-Expertin Anna Marriott von der Hilfsorganisation Oxfam International kritisiert das: «Reiche Länder können sich dadurch doppelt absichern. Womöglich kaufen sie vorab alles auf, und Gavi kann weniger an den Rest der Welt verteilen.»

Gavi-Chef Dr. Seth Berkley findet solche Kritik wenig hilfreich. Momentan gebe es für niemanden einen Impfstoff, sagt er, «und dieses Problem versuchen wir zu lösen». Gavi müsse es für reiche Staaten so attraktiv wie möglich machen, in die weltweite Impfinitiative zu investieren. Man werde versuchen, diese Länder dazu zu bewegen, keine weiteren Impfdosen zu kaufen, wenn sie bereits welche bestellt haben, erklärt Berkley. Doch räumt er ein, dass ihm die Mittel zur Durchsetzung fehlen: «Wenn am Ende die Vereinbarungen nicht eingehalten werden oder Länder ihre Gelder einbehalten oder die Verteilung des Impfstoffes (an Entwicklungsländer, Anm. d. Red.) blockieren, dann haben wir ein Problem.»

Eine Möglichkeit könnte sein, die Länder davon zu überzeugen, ihre eigenen Impfvorräte in den weltweiten Austausch zu geben und dafür Zugang zu jeglichen erfolgreichen Impfstoffen zu erhalten: «Wir müssen da pragmatisch sein», sagt Dr. Richard Hatchett, Leiter der Koalition für Innovationen in der Epidemievorsorge, die unter anderem mit Gavi zusammenarbeitet. «Wir brauchen eine Lösung, weil einige dieser Vereinbarungen eben schon getroffen wurden.»



Vergangenen Monat rief die Afrikanische Union die Regierungen dazu auf, alle Hindernisse zu beseitigen, die sich einer gerechten Verteilung von erfolgreichen Impfstoffen in den Weg stellen. John Nkengasong, Chef des Afrikazentrums für Krankheitskontrolle und Prävention fordert, Gavi solle «energisch darauf drängen», dass Unternehmen ihre Rechte an geistigem Eigentum aufgäben: «Wir wollen nicht wieder in eine Situation wie bei den HIV-Medikamenten kommen», sagt Nkengasong und merkt an, dass die lebensrettenden Arzneimittel in den Industrieländern schon jahrelang zu haben gewesen waren, bevor sie nach Afrika gelangten.

Das sieht Shabhir Mahdi, Forschungsleiter der Oxford-Impfstoffstudie in Südafrika, anders. Afrikanische Regierungen sollten auf mehr Initiativen zur Impfdosen-Verteilung drängen, statt auf Pharmafirmen zu setzen, damit sie ihre Produkte verfügbar machten: «Wenn die Verantwortung in die Hände der Industrie gelegt wird, gelangt nie ein Impfstoff auf den afrikanischen Kontinent», sagt Mahdi.

Im Juni schlossen Gavi und die Koalition für Innovationen in der Epidemievorsorge einen Vertrag über 750 Millionen Dollar (658 Millionen Euro) mit dem Pharmakonzern AstraZeneca, um 300 Millionen Dosen eines Impfstoffes der Universität Oxford an Entwicklungsländer zu liefern. Doch zuvor hatte das Unternehmen bereits Verträge mit Grosssbritannien und den USA geschlossen, die als Erste Impfstofflieferungen bekommen sollen.

Chinas Präsident Xi Jinping hat ebenfalls versprochen, jeglichen im Land entwickelten Covid-19-Impfstoff mit afrikanischen Ländern zu teilen - nachdem die eigene Bevölkerung immunisiert ist.

Die Weltgesundheitsorganisation hofft, bis Ende 2021 zwei Milliarden Impfdosen für Niedriglohnländer bereitstellen zu können, unter anderem mithilfe von Initiativen wie Gavi. Rund 85 Prozent der Weltbevölkerung von 7,8 Milliarden leben in Entwicklungsländern. Doch mit diesen zu teilen sei das Letzte, woran die Verantwortlichen in reichen Ländern dächten, sagt Yannis Natsis von der gemeinnützigen Organisation European Public Health Alliance: «Politiker haben Angst, dass wenn sie Unternehmen nicht mit Geld zuschütten, ein anderes Land den Impfstoff zuerst bekommt und sie selbst sehr schlecht dastehen.»

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