USA

Corona-Krise erschüttert das Vertrauen der Amerikaner in den Staat

AP/toko

26.4.2020

Catherine Hopkins vom St. Joseph's Hospital in Yonkers testet eine Patientin auf das Coronavirus.
Bild: John Minchillo/AP/dpa

Präsident Trump feiert vermeintliche Erfolge, doch tatsächlich scheitern die US-Behörden im Kampf gegen die Pandemie krachend. Es mangelt an notwendiger Schutzausrüstung, Krankenhausbetten und staatlichen Nothilfen. Wer sich nicht selbst kreativ zu helfen weiss, ist aufgeschmissen.

Fehlende Wattestäbchen, Arztkittel und Schutzmasken: In der Corona-Krise zeigt sich in den USA ein beispielloses Versagen der Institutionen. Das System, das die Bürger schützen soll, erweist sich in vielerlei Hinsicht als völlig untauglich. Eine Bedrohung, die mit blossem Auge nicht zu sehen ist, bringt das Konzept vom «Amerikanischen Exzeptionalismus» in Wanken — den Anspruch, dass die USA eine Sonderstellung gegenüber allen anderen Ländern einnehmen.

Entgegen aller Zusagen von Präsident Donald Trump gelingt es dem mächtigsten Land der Welt nicht, ausreichend simple Baumwollstäbchen für Abstrichtests aufzubringen. In New York bettelten Ärzte um Regenumhänge, da medizinische Kittel fehlen. «Regen-Ponchos!», klagt der Tech-Unternehmer Marc Andreessen. «Im Jahr 2020! In Amerika!»



Der Krankenhausmanager Andrew Artenstein aus dem Staat Massachusetts fuhr mehr als fünf Stunden zu einem Lagerhaus, nachdem er über Umwege erfahren hatte, dass dort noch Gesichtsmasken zu bekommen seien. Zusammen mit seinem Team holte der ärztliche Direktor der Klinik Baystate Health die Ladung eigenhändig ab. Der Maskenvorrat in seinem Krankenhaus in Springfield hätte nur noch für wenige Tage gereicht.

Teuerstes Gesundheitssystem der Welt

«Hätte ich geahnt, als Führungskraft im Gesundheitssystem eines reichen, hochentwickelten Landes mit modernster Wissenschaft und Technik und unglaublichen Fähigkeiten jemals in eine solche Situation zu kommen?», sagt Artenstein, der im Fachmagazin «The New England Journal of Medicine» über seine Erfahrungen berichtete, der AP. «Natürlich nicht.» Nun war das Maskenproblem zwar gelöst – allerdings reichten nun die Arztkittel in seiner Klinik nur noch für wenige Tage.

Das Gesundheitswesen, das Artenstein anprangert, ist das teuerste der Welt. Dennoch sollen die Amerikaner es in dieser Zeit des grössten Bedarfs nicht nutzen, wenn sie nicht krank genug sind oder nicht an der «richtigen» Krankheit leiden. Das teils private, teils staatliche System macht 17 Prozent der Wirtschaft aus und damit mehr als in jedem anderen Land. Doch Patienten mit Covid-19 sollen zu Hause bleiben, solange sie nicht zur Minderheit derjenigen gehören, denen Komplikationen oder ein tödlicher Verlauf drohen. Möglichst alle Erkrankungen sollen ohne ärztliche Hilfe auskuriert und alle nicht dringenden Operationen verschoben werden.

«Viele Menschen lieben Trump, stimmt’s?»
Alex Brandon/AP/dpa

Die USA verfügen zwar über herausragende medizinische Einrichtungen, wie die staatlichen Zentren für Krankheitskontrolle und –prävention (CDC) und die Nationalen Gesundheitsinstitute, um die sie weltweit lange beneidet wurden. Doch was sind die Ergebnisse?

Wie effektive diagnostische Tests aussehen, die entscheidend sind beim Ausbruch einer Infektionskrankheit, zeigt das Ausland. Länder wie die Deutschland, die Vereinigten Arabischen Emirate und Neuseeland testeten bereits in grossem Umfang, bevor viele Corona-Fälle bekannt waren.

Auch in Südkorea stehen ausreichend Tests zur Verfügung. Zum Ärger des «America-first»-Präsidenten Trump nahm der republikanische Gouverneur von Maryland, Larry Hogan, angesichts der Knappheit im eigenen Land von dort eine Lieferung von 500'000 Testkits an. Unter dem Motto «Operation Enduring Friendship» («Andauernde Freundschaft») wurden diese per Flugzeug aus Seoul in die USA gebracht.

«Monumentales Versagen»

Etliche weitere Materialien waren zumindest zeitweise Mangelware: einfache Handschuhe, komplizierte Beatmungsgeräte, spezielle Laborchemikalien, Krankenhausbetten. Auch bei Nothilfen der Regierung und Leistungen für Arbeitslose hapert es.

«Dieses monumentale Versagen institutioneller Wirksamkeit wird für den Rest des Jahrzehnts nachhallen», schrieb Tech-Investor Andreessen, der in den 1990-er Jahren mit dem Netscape-Browser bekannt wurde, im Newsletter seines Unternehmens.

Trump nutzt seine täglichen Pressekonferenzen im Weissen Haus dennoch weiter, um das zu feiern, was er für Erfolge hält. Er spricht über seine Umfragewerte, Einschaltquoten im Fernsehen, seine favorisierten wissenschaftlichen Theorien und das Lob, dass er von Gouverneuren erhalte. Den Chefs der US-Staaten drohen indes womöglich bewusste Kürzungen aus Washington, wenn sie sich nicht positiv über den Präsidenten äussern. «Viele Menschen lieben Trump, stimmt’s?», fragte er sich selbst bei dem Briefing am Montag.

Auch dem Gouverneur von Connecticut, dem Demokraten Ned Lamont, fiel in der vergangenen Wochen zumindest eine positive Sache an der Regierung auf: Sie lockert einige Restriktionen. «Sie haben gesagt, dass man (bei Tests) jetzt sein eigenes Wattestäbchen mitbringen kann», erklärte er. «Zumindest steht die Regierung nicht mehr im Weg.»


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