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Ein Tempel als Zankapfel

Darum beschiessen sich Thailand und Kambodscha immer wieder

Der Tempel Preah Vihear liegt im Norden Kambodscha, in einem Gebiet, das Thailand für sich beansprucht. Immer wieder brechen im Grenzgebiet Kämpfe zwischen den beiden Staaten aus. 

Der Tempel Preah Vihear liegt im Norden Kambodscha, in einem Gebiet, das Thailand für sich beansprucht. Immer wieder brechen im Grenzgebiet Kämpfe zwischen den beiden Staaten aus. 

Bild: IMAGO/imagebroker

An der Grenze zwischen Kambodscha und Thailand fallen Schüsse. Es ist nicht die erste Eskalation. Seine Wurzeln hat der Konflikt in der kolonialen Grenzziehung und einem 1000 Jahre alten Tempel.

Stefan Michel

Stefan Michel

24.07.2025, 14:14•24.07.2025, 16:12

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Der Grenzstreit zwischen Thailand und Kambodscha führt seit 15 Jahren immer wieder zu bewaffneten Zusammenstössen.
  • Die Wurzeln des Konflikts liegen in der Grenzziehung, die von der Kolonialmacht Frankreich unilateral vollzogen wurde. Zweimal hat der Internationale Gerichtshof (IGH) diese trotzdem für gültig erklärt.
  • Innenpolitische und wirtschaftliche Instabilität in beiden Ländern befeuern den Konflitk weiter und erschweren das Finden einer friedlichen Lösung.
  • Die Instabilität ist gewachsen, nachdem ein informelles Telefongespräch zwischen der thailändischen Premierministerin und dem kambodschanischen Machthaber geleakt worden war.
Zusammenfassung erstellt mitmyAi

Seit Wochen steigen die Spannungen zwischen Thailand und Kambodscha. Umkämpft ist die 817 Kilometer lange Grenze seit mehr als hundert Jahren – besonders im Gebiet des Emerald Triangle – der Region, in welcher die drei Länder Thailand, Kambodscha und Laos aneinanderstossen.

Die jüngste Eskalation nahm am 28. Mai ihren Anfang, als thailändische Soldaten im Grenzgebiet einen kambodschanischen Armeeangehörigen in einem Schusswechsel getötet haben.

Der Ursprung des Konflikts liegt weit zurück, in einem anderen Zeitalter, lange bevor die Staaten in ihrer heutigen Form bestanden. Ein Rückblick.

Kampf um einen 1000 Jahre alten Tempel

Preah Vihear ist ein Tempel der Khmer, gebaut vom 9. bis im 11. Jahrhundert nach Christus auf einer Hochebene. In diesem Zeitraum erlebte das Königreich der Khmer den Höhepunkt seiner Macht.

In jenen Jahrhunderten entstand auch Angkor Wat, die jährlich von Millionen Menschen besuchte Tempelanlage in Kambodscha. Die Bevölkerung Kambodschas bezeichnet sich bis heute als Khmer. Es gibt jedoch auch Khmer in Thailand.

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Raketen, Schüsse, Diplomatiebruch

Grenzkonflikt zwischen Thailand und Kambodscha eskaliert

Die Tempelanlage befindet sich auf einem Hochplateau, welches am nördlichen Ende steil abfällt. Kambodscha liegt auf der tiefer liegenden Ebene. Preah Vihear war während langer Zeit von der thailändischen Seite her viel einfacher zu erreichen, als aus Kambodscha.

Kolonialmacht hat die Grenze festgelegt

Die heutige Grenze zwischen Thailand und Kambodscha ist sehr viel jünger, als die Geschichte der beiden Länder zurückreicht. Kambodscha war von 1863 bis 1953 eine französische Kolonie und Teil von Französisch-Indochina. Thailand war nie kolonisiert, aber im Machtkampf mit Frankreich in der schwächeren Position.

Zwar hatten Frankreich und Thailand eine Grenz-Kommision gebildet, die den Grenzverlauf festlegen sollte. Schliesslich bestimmte Frankreich aber 1907 allein, dass Preah Vihear auf ihrem Gebiet lag – das später zu Kambodscha werden sollte.

Die Grenze zwischen Thailand und Kambodscha wurde von Frankreich als Kolonialmacht gezogen und vom Internationalen Gerichtshof bestätigt.

Die Grenze zwischen Thailand und Kambodscha wurde von Frankreich als Kolonialmacht gezogen und vom Internationalen Gerichtshof bestätigt.

Reliefweb/OCHA

Bis im Zweiten Weltkrieg verschoben Kambodscha/Frankreich und Thailand die Grenze immer wieder, Preah Vihear wechselte mehrmals das Staatsgebiet. Als 1953 Kambodscha die französischen Kolonialherren vertrieben hatte, eroberte Thailand Preah Vihear zum vorerst letzten Mal.

Der Internationalen Gerichtshof urteilt

1959 rief Kambodscha den Internationalen Gerichtshf IGH an, um die thailändischen Ansprüche auf das Gebiet juristisch klären zu lassen. 1963 entschied der Internationale Gerichtshof, dass Preah Vihear und das Gebiet um die Anlage innerhalb der Grenzen Kambodschas lagen.

Thailand fügte sich dem Entscheid, akzeptierte ihn aber faktisch nie. Der kambodschanische König Sihanouk bemühte sich in den folgenden Jahren, den Menschen in Thailand zu signalisieren, dass sie jederzeit im Tempel willkommen seien.

Ende der 1960er Jahre brach in Kambodscha der Bürgerkrieg aus und die Tempelanlage war wegen des bewaffneten Konflikts und Minen kaum mehr zugänglich.

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2011 rief Thailand erneut den IGH an. Dieser bestätigte im Jahr 2013 das Urteil von 1963. Jedoch hielt er fest, dass das Gericht nicht über die genaue Grenzziehung entscheiden könne. Dies ermöglichte es beiden Ländern, das Urteil als Sieg auszulegen. 

Unesco-Welterbe-Antrag als Zündfunke

In den 2000er Jahren machten Kambodscha und Thailand die Tempelanlage besser zugänglich für religiöse und touristische Besucher*innen. Bis dahin war Preah Vihear von Thailand aus, wie bereits erwähnt, einfacher zu erreichen als von Kambodscha aus. 

2008 stellte Kambodscha den Antrag, Preah Vihara als Unesco-Weltkulturerbe anerkennen zu lassen. Die Unesco nahm die Kultstätte auf, Thailand protestierte lautstark.

Kambodscha schloss darauf die Grenze. Seither stehen sich dort Truppen beider Länder gegenüber und beschiessen einander immer wieder. Bis 2011 starben 34 Menschen bei diesen Gefechten, über 30'000 flüchteten aus dem Gebiet.

Die jüngste Eskalationsspirale

Schusswechsel gibt es an der thailändisch-kambodschanischen Grenze und in der Umgebung des Tempels Preah Vihear seit Jahren immer wieder. Wenn es jedoch Todesopfer gibt, steigt der Konflikt auf der Eskalationsleiter eine oder mehrere Stufen hoch.

Nachdem bei einem Schusswechsel Ende Mai 2025 ein kambodschanischer Soldat getötet worden war, schoben sich die Regierungen der beiden Staaten die Verantwortung dafür gegenseitig zu und behaupteten, die jeweils andere Seite habe zuerst geschossen.

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Vermittlungsgespräche Anfang Juni konnten die Situation nicht entspannen. Thailand teilte nach deren Ende mit, seine Militärpräsenz im Gebiet zu erhöhen. Die beiden Länder stuften ihre diplomatischen Beziehungen herunter.

Am 24. Juli kam es zu den schwersten bewaffneten Zusammenstössen in jüngster Zeit. Thailand beschuldigt Kambodscha, Raketen in ein Dorf geschossen zu haben.

Kambodscha meldet im Gegenzug thailändische Luftangriffe auf eine Militärbasis. Laut thailändischen Berichten haben der kambodschanische Beschuss neun Zivilpersonen das Leben gekostet.

Ein geleaktes Telefongespräch

Der kambodschanische Langzeitherrscher Hun Sen telefonierte nach den tödlichen Schüssen auf den kambodschanischen Soldaten ausserhalb der offiziellen diplomatischen Kanäle mit der thailändischen Premierministerin Paetongtarn Shinawatra.

Ihr Vater ist Thaksin Shinawatra, ehemaliger Premier und seit Jahrzehnte eine wichtige politische Figur. Er und Hun Sen pflegen seit vielen Jahren eine professionelle, manche schreiben sogar eine freundschaftliche Beziehung und kennen einander gut.

Im Telefongespräch nannte die Premierministerin den kambodschanischen Senatspräsidenten «Onkel» und äusserte sich negativ über den thailändischen Armeechef. Kurz danach wurde ein Mitschnitt des Telefongesprächs geleakt.

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Ein Sturm der Entrüstung entlud sich über Paetongtarn Shinawatra, die wenig später ihr Amt niederlegen musste. Ihr Vater, der thailändische Ex-Premier, fühlt sich und seine Familie verraten durch die Veröffentlichung des vermeintlich privaten Gesprächs.

Die Vermutung steht im Raum, dass Hun Sen etwas damit zu tun hat. Nachdem ein Ausschnitt öffentlich geworden war, publizierte er das ganze Gespräch, das er mit einem Mobilgerät aufgezeichnet haben will.

Politische Instabilität auf beiden Seiten

In Kambodscha grassiert eine schwere Wirtschaftskrise. Hun Sen ist offiziell nicht mehr Staatsoberhaupt. Das Amt des Premiers hat er 2023 an seinen Sohn Hun Manet übergeben. In seiner Rolle als Senatspräsident gilt er aber weiterhin als Machthaber Kambodschas

Thailand ist seit Langem politisch instabil, es kämpfen konservative, königstreue Gruppen gegen Progressive, zu denen der Shinawatra-Clan gehört. Die Regierungskoalition ist seit dem erzwungenen Rücktritt der Premierministerin noch instabiler als davor.

Auf beiden Seiten des umstrittenen Grenzverlaufes bietet der Konflikt mit dem Nachbarland die Gelegenheit, sich als Kämpfer*in für das Vaterland zu präsentieren. Bislang gelang es stets, die Situation zu beruhigen.

Auch jetzt gehen Beobachter*innen nicht davon aus, dass sich die Krise zu einem umfassenden Krieg auswachsen wird. Dennoch ist die politische und wirtschaftliche Instabilität beider Staaten eine schlechte Ausgangslage für eine Beruhigung der Situation, geschweige denn für eine nachhaltige Lösung des Grenzstreits.

Mit Material von «Time Magazine», International Crisis Group, Stanford University, Britannica, BBC, Guardian, «Tages-Anzeiger» und SDA.

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