Machtpoker in NahostDarum nimmt der Iran die Emirate so ins Fadenkreuz
Philipp Dahm
6.5.2026
Donald Trump (links) besucht am 15. Mai 2025 die Vereinigten Arabischen Emirate und lauscht im Beisein von Scheich Muhammad bin Zayid Al Nahyan der US-Hymne.
KEYSTONE
Die Emirate melden neuerliche Angriffe, Teheran dementiert – und droht Abu Dhabi. Warum der Iran den Golfstaat genau im Visier hat und was das mit den veränderten Machtverhältnissen im Nahen Osten zu tun hat.
Der Iran hat die Emirate seit dem 28. Februar häufig aus der Luft angegriffen. Am 4. und 5. Mai soll die Waffenruhe erneut durch Beschuss gebrochen worden sein.
Teheran dementiert – und droht Abu Dhabi gleichzeitig scharf.
Hintergrund sind die engen Verbindungen der Emirate mit Israel, das Anfang der Woche beim Abschuss iranischer Raketen geholfen haben soll. Der Krieg schweisst die Länder noch mehr zusammen.
Die West-Bindung der Emirate ist Teil eines grösseren Machtpokers.
Aufatmen in den Vereinigten Arabischen Emiraten am 2. Mai: Die Behörden öffnen erstmals seit Ausbruch des Irans-Krieges wieder den Luftraum. Die Freude an den Drehkreuzen in Dubai und Abu Dhabi währt jedoch nicht lang: Nur zwei Tage später werden Starts und Landungen schon wieder eingeschränkt.
Offiziell wird das mit neuerlichen Luftangriffen des Irans begründet, obwohl eigentlich seit dem 8. April eine Waffenruhe mit Teheran gilt. Am Montag, 4. Mai, berichtet Donald Trump davon, dass Raketen auf die Emirate abgefeuert worden seien.
«Sie wurden grossteils abgeschossen», sagt er zu ABC-Reporter Jonathan Karl. «Einer kam durch. Kein grosser Schaden.» In der Hauptstadt Abu Dhabi teilt das Verteidigungsministerium mit, die Luftverteidigung habe 12 ballistische Raketen, 3 Marschflugkörper und 4 Drohnen bekämpft. Es habe drei Verletzte gegeben, heisst es auf X weiter.
Geholfen haben soll dabei Israel: Wie CNN berichtet, hat Benjamin Netanjahu sein Militär heimlich angewiesen, eine Batterie des Iron-Dome-Abfangsystems in den Emiraten zu platzieren. Weil Abu Dhabi sich von seinen traditionellen Partnern im Nahen Osten abwende, sehe Jerusalem eine «noch nie dagewesene Gelegenheit», sein Gewicht am Persischen Golf weiter zu stärken.
Nähe zu Israel ärgert Teheran
Die Emirate und Israel haben 2020 im Rahmen der Abraham-Akkorde ihre Beziehungen normalisiert und ihre Kooperation seither stetig ausgebaut. Sie seien heute «auf einem neuen Level – inklusive der Führungsebene», sagt eine israelische Quelle zu CNN. Der Einfluss der arabischen Länder in Abu Dhabi sinke dagegen.
«Der Krieg brachte ein nie dagewesenes Mass an Nähe mit sich, das vor allem durch ein gemeinsames Gefühl des Schicksals angetrieben wurde – beide Länder wurden angegriffen und der Feind ist ein gemeinsamer», fasst eine weitere israelische Quelle bei CNN zusammen. Diese Verbindung zu Israel lässt Teheran die Emirate bevorzugt ins Fadenkreuz nehmen.
UAE’s Fujairah on fire following Iranian attack today.
So wird am 4. Mai auch ein Tanker der Abu Dhabi National Oil Company von zwei iranischen Drohnen attackiert, melden «The National» und das Büro der UK Maritime Trade Operations, das in Dubai beheimatet ist. In der Hafenstadt Fudschaira sollen Öltanks getroffen worden sein, meldet «Reuters».
Insgesamt habe der Iran seit dem 28. Februar 549 ballistische Raketen, 29 Marschflugkörper und 2'260 Drohnen auf die Emirate abgefeuert, wobei laut Verteidigungsministerium 13 Personen getötet und 227 verletzt wurden. Das Aussenministerium brandmarkt die neuerlichen iranischen Attacken am Montag auf X als «terroristisch und unprovoziert».
Neue Attacken, ein Dementi und eine Drohung
Doch auch am Folgetag ist die Luftverteidigung wieder im Einsatz, um «ballistische Raketen, Marschflugkörper und Drohnen abzufangen», schreibt das Verteidigungsministerium der Emirate auf X am 5. Mai.
2/ Iran’s attacks against the UAE also likely seek to drive a wedge between the UAE and the United States and Israel in response to the UAE taking steps to strengthen its partnership with the United States and Israel.
Am Dienstagabend folgt dann ein Dementi aus Teheran: Der staatliche Rundfunk verbreitet, es seien in den vergangenen Tagen keinerlei Raketen oder Drohnen auf Ziele in den Emiraten abgefeuert worden.
Gleichzeitig drohte ein Militärsprecher den Scheichs in Abu Dhabi: Der Golfstaat sei zu einem «Stützpunkt der Amerikaner und Zionisten» und zum «Feind der islamischen Welt» geworden. Sollten von ihrem Boden aus Angriffe gegen den Iran erfolgen, würden die Scheichs dies bereuen.
Dieses Dementi passt zu der ohnehin schon verworrenen Lage am Persischen Golf, wo der Iran und die USA weiterhin laut darüber streiten, wer nun die Strasse von Hormus kontrolliert – während Donald Trump am Wochenanfang mit der Operation Freedom eine Eskorte für Handelsschiffe ankündigt, die er am 6. Mai schon wieder über Bord wirft.
Machtpoker im Nahen Osten
Die Waffenruhe scheint brüchig, die Lage ist chaotisch und Verhandlungen für einen Frieden nicht absehbar – trotz anderslautender Beteuerungen Trumps. Die Vereinigten Arabischen Emirate sind durch ihre Verbindungen zu Washington und Jerusalem zum bevorzugten Ziel Teherans geworden.
Where we are
• US sinks 6 Iranian boats near Hormuz
• UAE downs 15 Iran missiles, 4 drones
• Israel on alert
• Another UNSC push on Hormuz
• US asks China to help
• Lebanon buying time, says “not right time” for Netanyahu-Aoun meeting
• Oil prices soar
65 days on war
Das alles sorgt für Unsicherheit, die Gift für den Golfstaat ist, der sich gern als die «Schweiz des Nahen Ostens» verkauft. Luftangriffe passen nicht zu diesem Image: Sie schrecken die Touristen und Geschäftsleute ab, die nach Öl und Gas doch das neue Standbein des Scheichtums werden sollten.
Gleichzeitig muss Abu Dhabis Aussenpolitik im Zusammenhang mit den grösseren Veränderungen gesehen werden, die die Machtverhältnisse im Nahen Osten neu ordnen. Dazu passt der Opec-Austritt der Emirate, die sich an den Westen binden, während Saudi-Arabien sich militärisch mit der Atommacht Pakistan zusammengetan hat.
‼️🇦🇪 🇮🇱 For the first time, an Arab country is hosting Israeli defense personnel and technology on its soil.
Israel and the UAE have signed a defense agreement that includes the deployment of Israeli air defense operators, signaling that Israeli air defense systems may now be… pic.twitter.com/XdFzIETIFT
Der Opec-Austritt stärke das aussenpolitische Gewicht der Emirate, die nun nach Belieben Öl fördern können, während er für Riad eine Niederlage bedeutet, analysiert der «Guardian». Der Kurs der Emirate stärke den amerikanischen Einfluss im Nahen Osten, während sich Saudi-Arabien und Abu Dhabi am Horn von Afrika politisch in die Quere kämen.
President Trump is continuing a long U.S. tradition of holding our partners to different standards than everyone else: selling billions of dollars in weapons to Israel and the UAE – despite their atrocities in Gaza and Sudan. This hypocrisy hurts us.
Wer beim Machtpoker im Nahen Osten – bei dem auch die Türkei und Ägypten mit am Tisch sitzen – am Ende die besten Karten hat, wird sich aber erst zeigen, wenn klar ist, was aus dem Iran wird.