Fragen und Antworten

Das bedeutet der reduzierte Gastransit nach Europa für die Schweiz

uri

11.5.2022

ARCHIV - 25.11.2013, Ukraine, Bojarka: Eine Reihe von Rohren in einem Gasspeicher und Transitpunkt. Die Ukraine bereitet nach Daten des Netzbetreibers OGTSU einen für Mittwoch angekündigten Transit-Stopp für russisches Gas durch die Region Luhansk im Osten vor. (zu dpa «Netzbetreiber: Ukraine nimmt Transit-Gas im Osten nicht mehr an») Foto: Sergei Chuzavkov/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Bojarka: Eine Reihe von Rohren in einem Gasspeicher und Transitpunkt im ukrainischen Bojarka. (Archiv)
Bild: Sergei Chuzavkov/AP/dpa

Die Ukraine hat mit Verweis auf die russische Besatzung einen Teil des Gastransits in Richtung Europa gestoppt. Das ist bislang hinsichtlich der Versorgungslage für Europa und die Schweiz bekannt.

uri

11.5.2022

Durch den Transitstopp für russisches Erdgas an einem wichtigen Knotenpunkt in der Ostukraine ist binnen eines Tages bedeutend weniger russisches Erdgas in Richtung Europa geflossen. Laut dem ukrainischen Netzbetreiber sind russische Störungen ursächlich. 

Wie viel weniger Gas kommt in Europa an?

Der russische Staatskonzern Gazprom bestätigte am Vormittag, dass am Mittwoch nur 72 Millionen Kubikmeter Gas durch die Ukraine in Richtung Westen fliessen sollen. Am Vortag habe das Auftragsvolumen noch bei 95,8 Millionen Kubikmetern gelegen.

Ukrainischen Angaben zufolge können nun bis zu 32,6 Millionen Kubikmeter Gas pro Tag wegfallen – das sei fast ein Drittel der täglich über die Ukraine nach Europa transportierbaren Höchstmenge, hiess es. Diese liegt bei 109 Millionen Kubikmetern pro Tag.

Eine deutsche Regierungssprecherin bestätigte inzwischen einen Rückgang von 25 Prozent gegenüber dem Vortag. Dieser sei in Waidhaus an der deutsch-tschechischen Grenze festgestellt worden sei.

Was ist die Ursache?

Über die genauen Ursachen für die verringerte Durchleitung sind der Schweizerischen Gasindustrie VSG noch nichts bekannt, wie VSG-Mediensprecher Thomas Hegglin auf Nachfrage von blue News erklärte. Aus Daten des ukrainischen Netzbetreibers OGTSU ging aber hervor, dass für die Station Sochraniwka im östlichen Gebiet Luhansk für Mittwoch keine Aufträge mehr angenommen werden, wie die Deutsche Presseagentur berichtet. Der Betrieb könne dort kriegsbedingt nicht mehr kontrolliert werden, hiess es demnach zur Begründung in Kiew.

Die Ukrainer deuteten zudem weiter an, dass Russen den Betrieb von Sochraniwka sowie den der Verdichterstation Nowopskow zuletzt gestört hätten. Der Betreiber berief sich beim Teilstopp des Transits durch die Sojus-Pipeline auf einen Fall «höherer Gewalt». Russlands Energieriese Gazprom hielt dagegen, man habe «keinerlei Bestätigungen über Umstände höherer Gewalt» erhalten. Die Ukrainer hätten in den vergangenen Wochen ganz «ungestört» in Sochraniwka gearbeitet.

Können die Lieferungen anders durchgeleitet werden?

Die nun wegfallenden Lieferungen statt durch Sochraniwka direkt am Punkt Sudscha, der auf russischem Gebiet in Grenznähe zur Ukraine liegt, durchzuleiten, ist technisch nicht möglich – zumindest teilte das der Moskauer Konzern Gazprom am Dienstagabend mit. Ob eine Kompensierung über andere Routen möglich ist, wurde zunächst offen gelassen. Gazprom betonte erneut, alle seine Verpflichtungen gegenüber europäischen Kunden zu erfüllen.

Grafik: dpa, Quelle: Entsog, Gazprom

Ist die Versorgungssicherheit für die Schweiz weiterhin gewährleistet?

Die Gasversorgung in der Schweiz sei stabil, «die Versorgungssicherheit weiterhin gewährleistet», teilte VSG-Mediensprecher Hegglin blue News mit. Auch habe die Schweizer Gaswirtschaft keine direkten Lieferbeziehungen zu Russland, erklärte er. Die Schweiz «beschaffe das Gas primär auf den Märkten in Deutschland, den Niederlanden, Frankreich und Italien und somit in Ländern der EU.»

Auch hier rechnet man derzeit nicht damit, dass der eingeschränkte Gastransit sofort zum Problem wird: Das deutsche Wirtschaftsministerium und die verantwortliche Behörde Bundesnetzagentur sprachen von einer «stabilen Versorgungslage». Nicht geklärt ist indes, wie sich die Situation zum Winter hin entwickeln könnte, falls das Problem weiter anhält. Denkbar scheint in dem Fall, dass die Gasspeicher in europäischen Ländern womöglich nicht rechtzeitig aufgefüllt werden können.

Wie wappnet sich die Schweiz für einen möglichen Engpass?

Im Fall einer Mangellage, die von der Gasbranche nicht mehr mit marktwirtschaftlichen Lösungen behoben werden kann, werde die wirtschaftliche Landesversorgung des Bundes die notwendigen Bewirtschaftungsmassnahmen treffen, teilte VSG-Sprecher Hegglin mit. So könne der Bund in einer ersten Stufe beschliessen, «dass Verbraucher mit sogenannten Zweistoffanlagen von Erdgas auf Heizöl umstellen» müssten. In einem separaten Schritt würden Sparappelle an Gaskonsumenten erfolgen. «Schliesslich kann der Bund in einem Notfall auch anordnen, bestimmte Erdgas-Grossverbraucher mit Einstoffanlagen zu kontingentieren, sodass diese ihre Anlagen im Extremfall ganz abschalten müssen», so Hegglin.

Wie die Gaswirtschaft zudem mitteilte, bereite man sich auf mögliche Gasversorgungsengpässe vor, indem man im Auftrag des Bundesrates eine besondere Krisenorganisation aufbaue. Auch werde ein Konzept für ein Monitoring erstellt, «um eine drohende Gasmangellage rechtzeitig zu erkennen und wirksam darauf zu reagieren».

Wie es weiter heisst, stünden jedoch weiterhin Szenarien im Raum, dass russische Gaslieferungen nach Europa ganz oder teilweise eingestellt werden könnten. Ein gänzlicher Ausfall sei dabei nicht «vollständig kompensierbar» und «könnte auch in der Schweiz zu Versorgungsengpässen führen».

Mit Material der Nachrichtenagenturen dpa und AFP