Wachsende Angst in der Schifffahrt «Das Bedrohungspotenzial durch Seeminen ist enorm»

Philipp Dahm

16.3.2026

Wachsende Angst in der Schifffahrt «Das Bedrohungspotenzial durch Seeminen ist enorm»

Wachsende Angst in der Schifffahrt «Das Bedrohungspotenzial durch Seeminen ist enorm»

Ein Propagandavideo aus 2025 zeigt einen marinen Tunnel, den der Iran nutzt, um Waffen zu bunkern: unter anderem Schnellboote und Seeminen. Wenn Iran die Strasse von Hormus vermint, dann bekommt die Weltwirtschaft grosse Probleme.

13.03.2026

Der Krieg gegen den Iran wirkt sich schon jetzt auf den internationalen Energie-Handel aus und lässt den Öl-Preis tanzen. Sollte Teheran die Strasse von Hormus sperren, sind die Folgen für die Weltwirtschaft enorm. Was Seeminen dabei anrichten können, erklärt Philipp von Michaelis.

Philipp Dahm

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Global Clearance Solutions ist eine Schweizer Firma für Minenräumung. CEO Philipp von Michaelis spricht über Seeminen.
  • So viele Seeminen soll der Iran besitzen und so können sie ausgebracht werden.
  • Diese Rollen spielen Drohnen, intelligente Seeminen und KI – und so werden sie bekämpft.
  • Psychologischer Effekt: Nur schon die Ankündigung, dass Seeminen verlegt werden, kann Folgen haben.

Der Iran hat begonnen, Seeminen in der Strasse von Hormus zu verlegen. Die USA haben darauf laut eigenen Angaben 16 iranische Minenleger-Boote zerstört. Der Schiffsverkehr in der Meerenge ist massiv zurückgegangen – und die Angst der Reedereien wächst. 

Der Schweizer Minenräum-Experte Philipp von Michaelis erklärt im Interview mit blue News, was die Seeminen in der Meerenge anrichten können und wie man sie aufspüren kann.

Herr von Michaelis, die Sorge um die Sicherheit des Schiffverkehrs in der Golfregion wächst, nachdem der Iran in der Strasse von Hormus Seeminen verlegt haben soll. Über wie viele Seeminen verfügt der Iran überhaupt?

Zur Person
philipp von michaelis global clearance solutions
ZVG

Philipp von Michaelis ist Co-Gründer und CEO von Global Clearance Solutions in Freienbach (SZ). Das 2015 gegründete Unternehmen produziert in Stockach am Bodensee auf der deutschen Seite und beschäftigt heute rund 200 Mitarbeitende weltweit.

Man redet von Tausenden, was per se schon eine erschreckende Zahl ist: Schätzungen gehen von 3000 bis 6000 Seeminen aus. Sie sind vor allem iranischer Herkunft, aber es gibt auch russische und chinesische Exemplare.

Was könnten Minen in so einem engen Seeweg wie der Strasse von Hormuz ausrichten?

Das Dramatische an diesen Waffen ist ja, dass allein schon die Ankündigung, sie zu verlegen, zu einer Reaktion führt. Wie bei Landminen auch macht alleine die Vermutung, dass sie irgendwo liegen, diesen Ort zu einem Gefahrengebiet. Da kann man nicht einen Meter nach vorn gehen. Was so eine Situation im Persischen Golf verschärfen kann? Eigentlich sollen Seeminen verankert sein, sogenannte Treibminen sind verboten. Hier aber wieder der Vergleich zum Schwarzen Meer: Wir haben von Russen verlegte Seeminen im Bosporus gefunden. Das zeigt einfach die Gefahr: Die Konsequenzen und das Bedrohungspotenzial sind enorm.

CNN: Iran has begun laying mines in the Strait of Hormuz.

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— Rachel Bitecofer (@rachelbitecofer.bsky.social) 11. März 2026 um 00:30

Wie kann Teheran diese Minen ausbringen, wenn die Marine derzeit so dezimiert wird?

Da gibt es viele Möglichkeiten. Die übliche Vorgehensweise ist die Verlegung mit Über-Wasserschiffen. Es geht aber auch mit U-Booten: Da werden die Minen über die Torpedo-Rohre ausgebracht. Sie können auch aus der Luft abgeworfen werden.

Sprich: Die Versenkung iranischer Fregatten und Korvetten durch die USA hat darauf gar nicht so viel Einfluss.

Die gegnerische Marine zu reduzieren, ist natürlich ein wirksames Mittel, um die gängige Methode einzuschränken, also Minenverlegeboote auszuschalten. Aber damit ist die Gefahr auf gar keinen Fall gebannt: Heutzutage sind auch unbemannte Fahrzeuge ein gängiges Mittel, um Minen auszubringen. Es reicht auch schon ein Schlauchboot.

Haben Sie Erfahrungen aus anderen Gewässern?

Wir sehen im Schwarzen Meer, was passieren kann. Dort sind über und unter Wasser diverse unbemannte Fahrzeuge unterwegs. Der Iran hat auch die Technologie, um so etwas zu machen.

Minen sind ja heutzutage viel intelligenter als zur Zeit des Zweiten Weltkriegs: Was können sie?

Es ist ähnlich wie an Land: Heute gibt es sehr viel intelligentere Minen. Die Frage ist, in welchem Masse sie eingesetzt werden. Sie können dank verschiedener Sensoren ihre Ziele nach Bootsart, also nach dem Antrieb, unterscheiden und deshalb gezielt bedrohen. Aber in diesem Zusammenhang muss man eine Frage stellen.

Welche?

Was will der Iran bezwecken? Er will ja gar nicht notwendigerweise nur militärische Parteien aggressiv angehen, sondern bewusst die kommerzielle Schifffahrt beeinträchtigen. 

Marine traffic in the Strait of Hormuz in the past 24 hours.

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— OSINTRadar (@osintradar.bsky.social) 9. März 2026 um 19:04

Wie gehe ich denn jetzt mit einer Mine um, die zum Beispiel nur anschlägt, wenn eine langsame Tankerschraube entdeckt wird?

Zuerst würde man versuchen, sie per Sonar zu identifizieren, und dann kann sie gesprengt oder mechanisch entfernt werden. Die erste Frage ist: Womit habe ich es überhaupt zu tun? Wenn man das erkannt hat, weiss der Experte relativ schnell, wie man vorgehen muss. 

Und wenn man eine Mine hat, die erst beim 20. Kontakt explodiert, ist das Vorgehen wahrscheinlich dasselbe?

Das Geheimnis zur Entschärfung ist, dass man die Mine entdeckt und identifiziert. Bei dem Beispiel, das Sie ansprechen, würde man einen so genannten Influence-Sweep anwenden. Dabei erzeugt man eine künstliche Signatur, mit der die Minen aus sicherer Entfernung neutralisiert oder gesprengt werden.

Wie steht es denn um die Minenräumfähigkeit des Westens im Nahen Osten?

Es gibt natürlich Spezialkräfte, spezialisierte Minenräumkräfte und entsprechende Technologien. Da hat sich auch viel getan in den letzten Jahren. Allerdings ist und bleibt die Minenräumung sehr zeitaufwendig, und wenn man das Ganze noch in einem Konfliktszenario durchführt, ist das in jeder Hinsicht technisch und operationell extrem anspruchsvoll.

Nahost-Konflikt

Immer wieder kommt es zu Eskalationen im Nahen Osten. Jüngst sorgten die USA und Israel mit Angriffen auf den Iran für Unruhen.  blue News informiert dich laufend über alle wichtigen Entwicklungen in Nahost.

Ich habe den Eindruck, die Seeminen-Räumung ist im Westen zuletzt vernachlässigt worden.

Die deutsche Marine hat etwa ihre entsprechenden Fähigkeiten massivst zurückgefahren und in den letzten zwei, drei Jahren erkannt, dass ihnen potenziell diese Kapazitäten fehlen. Das Problem hat Deutschland nun in der Ost- und Nordsee direkt vor der Nase. Jetzt ist man natürlich bemüht, zu sehen, wie man diese Lücke wieder schliesst. Dabei setzte man auch auf neue Technologien: Heute würde man nicht nur klassische Minen-Räumboote einsetzen, sondern auch Flug-Drohnen mit entsprechender Sensorik und unbemannte Wasserfahrzeuge. Auf der Technologieseite gibt es in diesem Punkt einige Herausforderungen.

Ihre Firma Global Clearing Solutions hat sich mit der Minenräumung an Land in der Ukraine bereits einen Namen gemacht. Welche Lösung haben sie für das Problem Seemine?

Grundsätzlich haben wir bei uns und in unserem Netzwerk Experten, die die Bedrohung einschätzen können. Von unserer Positionierung her sind wir sehr technologiegetrieben: Wir arbeiten an Themen wie Robotik und Sensorik. Damit können wir helfen, Lösungen für maritime Probleme zu entwickeln.

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