Ziehsohn von Marine Le Pen Das ist der neue Popstar der französischen Rechten, der Macron bald beerben könnte

Dominik Müller

19.1.2026

Marine Le Pen droht ein Kandidaturverbot – und Jordan Bardella könnte endgültig zur neuen Leitfigur der französischen Rechten werden.
Marine Le Pen droht ein Kandidaturverbot – und Jordan Bardella könnte endgültig zur neuen Leitfigur der französischen Rechten werden.
Bild: Keystone

Während Marine Le Pen vor Gericht um ihre politische Existenz kämpft, wird sie von Ziehsohn Jordan Bardella längst überstrahlt. Wer ist der Mann, der der erste rechtspopulistische Präsident Frankreichs werden könnte?

Dominik Müller

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Jordan Bardella, Vorsitzender des rechtspopulistischen Rassemblement National, gilt als aussichtsreicher Kandidat für die französische Präsidentschaft.
  • Eine Kandidatur hängt jedoch vom derzeit laufenden Berufungsverfahren gegen Marine Le Pen ab.
  • Der 30-Jährige inszeniert sich als sozialer Aufsteiger mit Migrationshintergrund.
  • Inhaltlich bleibt Bardella vage, propagiert aber eine harte Linie gegen Migration und die EU. Sollte er Präsident werden, hätte das wohl erhebliche Auswirkungen auf Frankreichs Rolle in Europa.

Frankreich steht dieses Jahr ein aussergewöhnlicher Präsidentschaftswahlkampf bevor. Es fängt damit an, dass der Umfragen-Favorit, der rechtspopulistische Parteichef Jordan Bardella, gar nicht weiss, ob er überhaupt kandidieren wird.

Denn das hängt davon ab, ob seine politische Ziehmutter Marine Le Pen, Fraktionschefin des Rassemblement National (RN), ihm den Vortritt lässt.

Eigentlich ist sie die erklärte Kandidatin ihrer Partei. Es wäre das vierte Mal, dass sie sich um das höchste Staatsamt bewirbt – und das neunte Mal, dass die Le-Pen-Familie im Wahlkampf vertreten ist, wenn die Kandidaturen ihres rechtsextremen Vaters Jean-Marie Le Pen mitgerechnet werden.

Da Marine Le Pen aber wegen der Veruntreuung von EU-Geldern zu einer Haft- und Geldstrafe sowie zu einem Kandidaturverbot verurteilt wurde, bleibt ihr derzeit nur die Hoffnung, dass die Richter der zweiten Instanz sie freisprechen werden. Der Berufungsprozess hat am Dienstag begonnen. Sollte es keinen Freispruch geben, dürfte Bardella an ihrer Stelle kandidieren. Dazu hat sie sich bereits verpflichtet, auch wenn ihr noch der Gang vor das Kassationsgericht bleibt.

Marine Le Pen bei ihrer Ankunft im Gerichtsgebäude am Donnerstag. In Paris wird das Verfahren um mutmasslich veruntreute EU-Gelder neu aufgerollt.
Marine Le Pen bei ihrer Ankunft im Gerichtsgebäude am Donnerstag. In Paris wird das Verfahren um mutmasslich veruntreute EU-Gelder neu aufgerollt.
Bild: Keystone

Gewählt wird in Frankreich im April 2027. Wer sich aber ernsthafte Chancen ausrechnen will, muss bereits dieses Jahr mächtig Wahlkampf betreiben. Der aktuelle Präsident Emmanuel Macron darf nach Ende seiner zweiten Amtsperiode nicht mehr antreten.

Im bisherigen Mitte-Rechts-Regierungslager werden vor allem zwei ehemaligen Premierministern Chancen eingeräumt: Edouard Philippe und Gabriel Attal. Im konservativen Lager bringen sich vor allem der frühere Innenminister Bruno Retailleau und der Fraktionschef der Republikaner Laurent Wauquiez in Stellung. Bei den Linken gelten der sozialistische Parteichef Olivier Faure und der EU-Abgeordnete Raphaël Glucksmann als Favoriten.

Die Herkunft als Kapital

Der 30 Jahre alte Bardella hat Le Pen bei den Beliebtheitswerten längst überholt. Umfragen zufolge würde Bardella derzeit auch die Stichwahl gewinnen, egal gegen welchen Kandidaten. Solche Umfragen anderthalb Jahre vor der Wahl sind nicht sonderlich aussagekräftig, solange die übrigen Kandidaten sich noch gar nicht sortiert haben. Aber sie lassen es manchen politischen Gegnern Bardellas kalt den Rücken hinunterlaufen.

Jordan Bardella wuchs im Département Seine-Saint-Denis im Grossraum Paris auf – einem der ärmsten Gebiete Frankreichs. Seine Heimat ist geprägt von Hochhaussiedlungen und einer besonders hohen Zahl von Menschen mit Migrationshintergrund. Auch Bardellas eigene Familiengeschichte ist von Einwanderung geprägt: Seine Mutter kam als Italienerin in den 1960er-Jahren nach Frankreich, sein Vater hat französische, italienische und algerische Wurzeln.

Diese Herkunft nutzt Bardella gezielt für seine politische Erzählung. Wenn er über die Banlieues spricht, wirkt er glaubwürdig, weil er behauptet, sie selbst erlebt zu haben. Er schildert seine Jugend als Alltag zwischen Drogenhandel und Gewalt rund um seinen Wohnblock.

In seinen Reden rückt Bardella oft seine Mutter ins Zentrum: Eine Kindergartenhelferin, die ihn allein grossgezogen habe und am Monatsende kaum Geld übrig gehabt habe. Diese Geschichte verfängt beim Publikum. Sie passt zum Bild des Aufsteigers aus einfachen Verhältnissen.

Weniger oft erzählt Bardella eine andere Seite seiner Jugend. Sein Vater leitete ein mittelständisches Unternehmen, bei ihm verbrachte Bardella regelmässig die Wochenenden. Medien berichten von Ferienreisen, einem geschenkten Auto und einem Schulweg, der ihn nicht an ein staatliches Gymnasium im Quartier führte, sondern an eine private katholische Schule. Details, die selten Platz haben in seinen Schilderungen, sie passen nicht zum Image des sozialen Underdogs.

Politischer Richtungswechsel in jungen Jahren

Ehemalige Mitschüler beschreiben Bardella als gut integrierten Jugendlichen in einer multikulturellen Umgebung. Zeitweise soll er Migranten sogar freiwillig Französischunterricht gegeben haben. Umso überraschender wirkte sein Beitritt zum damaligen Front National mit 17 Jahren.

Danach ging alles schnell. Bardella wird enger Vertrauter von Marine Le Pen, steigt intern rasant auf und wird zu ihrem politischen Schützling. Geholfen hat da wohl auch, dass er schnell private Bande mit engen Vertrauten Le Pens knüpft. Der französische Boulevard berichtete, er habe eine Beziehung mit ihrer Nichte Nolwenn Olivier geführt.

Le Pen erkennt früh, wie wertvoll sein junges Alter und seine Herkunft für die Strategie der Partei sind. Bardella selbst sagt, Le Pen habe seine Begeisterung für die Politik und seine Leidenschaft für Frankreich geweckt.

2017 wird er mit 22 Jahren Parteisprecher, sein Studium bricht er ab. Zwei Jahre später führt er die Partei als Spitzenkandidat in die Europawahlen – und schlägt das Lager von Präsident Macron knapp. 2022 übernimmt er den Parteivorsitz.

Heute steht Bardella für den modernisierten, weniger schrill auftretenden Rassemblement National. Inhaltlich bleibt er jedoch hart: Er fordert einen starken Staat, eine kompromisslose Sicherheitspolitik und warnt vor Migration und EU-Entscheiden aus Brüssel. Frankreich, so seine Botschaft, verliere seine Kontrolle, seine Identität und seine Souveränität.

Jordan Bardella gilt als charismatischer und eloquenter Redner.
Jordan Bardella gilt als charismatischer und eloquenter Redner.
Bild: Keystone

Landesweit unterwegs mit neuem Buch

Bardellas Präsidentschaftskampagne läuft längst auf vollen Touren, auch wenn es sich bei seinen Wahlkampfterminen bisher offiziell nur um Signierstunden für sein jüngstes Buch handelt. Und auch wenn seine Kandidatur vom Ausgang des Prozesses gegen Le Pen abhängt.

Sein Buch mit dem Titel «Was die Franzosen wollen» ist im Fayard-Verlag herausgekommen, der zum Imperium des Milliardärs Vincent Bolloré zählt. Dieser investiert viel, um französischen Rechtspopulisten den Weg an die Macht zu ebnen.

Auch Bardellas erstes Buch wurde von Fayard verlegt – eine Autobiographie mit 324 Seiten für damals 29 Lebensjahre. Auf dem Einband des zweiten Buches trägt er Anzug und Krawatte und sitzt an einem gediegenen Schreibtisch. Bei seinen Buchvorstellungen im ganzen Land bilden sich häufig lange Schlangen – die in den Zeitraffer-Videos seines PR-Teams noch länger erscheinen, als sie wirklich sind.

Seine politische Ziehmutter Marine Le Pen kommt in dem Buch mit einem knappen Absatz weg – auch ein Zeichen dafür, dass Bardella sich zunehmend von ihr emanzipiert. Er übt sich daher im Spagat, einerseits Le Pen seine Treue zu demonstrieren, und andererseits seine eigene Kandidatur vorzubereiten.

Dabei besteht seine Strategie vor allem darin, politisch nicht anzuecken und das Image des aufstrebenden Politstars zu pflegen. Sein früherer Kommunikationsberater Pascal Humeau hatte sich nach eigenen Worten das Ziel gesetzt, «aus einer leeren Hülse einen sympathischen Fascho zu machen».

2,3 Millionen Follower auf Tiktok

Auf Tiktok, wo Bardella – in dem Umfeld atypisch – meist im Anzug auftritt, hat er inzwischen 2,3 Millionen Follower. Die bekommen etwa ein Video zu sehen, in dem seine ehemalige Grundschullehrerin voller Stolz verkündet, sie habe immer schon gewusst, dass sie «einen künftigen Präsidenten» unterrichtet habe.

Inhaltlich bleibt Bardella bislang auffallend vage. «Er hat ein echtes Talent, zu überspielen, dass er zur extremen Rechten zählt», urteilt die Zeitung «Libération». Er verkörpert das, was Le Pen seit Jahren betreibt: die «Entteufelung» der Partei, die von ihrem rechtsextremen, antisemitischen Vater Jean-Marie Le Pen gegründet wurde und die damals noch Front National hiess.

Es scheint eine Ironie des Schicksals, dass der Erfolg ihres Konzepts darin besteht, dass Le Pen am Ende zusehen muss, dass nicht sie, sondern ihr politischer Zögling die Früchte ernten könnte.

Politisches Erdbeben für Europa

Bardella «entteufelt» unterdessen gezielt weiter. Im März 2025 reiste er nach Israel und besuchte die Shoah-Gedenkstätte Yad Vashem – als Vertreter einer Partei, dessen Gründer die Gaskammern der Nazis noch als «Detail der Geschichte» abtat.

Jordan Bardella traf bei seinem Besuch in Israel im März 2025 unter anderem den israelischen Minister für Diaspora Amichai Chikli.
Jordan Bardella traf bei seinem Besuch in Israel im März 2025 unter anderem den israelischen Minister für Diaspora Amichai Chikli.
Bild: Keystone

Aber der RN hat längst andere Feindbilder, in erster Linie muslimische Migranten. Einwanderer und die EU sind für Bardella willkommene Sündenböcke, die er für zahlreiche Missstände verantwortlich macht. Dabei spielt er gelegentlich auch auf die rechtsextreme Verschwörungstheorie eines angeblich bevorstehenden «Bevölkerungsaustausches» in Europa an.

Sollte Bardella tatsächlich der nächste französische Präsident werden, wäre dies ein politisches Erdbeben für Europa und würde wohl die Freundschaft zwischen Frankreich und Deutschland, den mächtigsten Ländern des Kontinents, in den Wind schlagen.

Aber bis zur Präsidentschaftswahl sind es noch anderthalb Jahre. Weder bei den Rechtspopulisten noch in den anderen Blöcken steht fest, wer überhaupt antreten wird. Bleibt Bardella weiterhin auf der Überholspur, wird mit ihm zu rechnen sein.

Mit Material der Nachrichtenagentur Keystone-SDA