«Das ist Ihre Party! Sie sind die Braut bei einer White-Power-Hochzeit»

Philipp Dahm

19.7.2019 - 14:24

Dreiteilige Namen, Rassismus-Vorwürfe und Publikumsgesang: Donald Trump hört Vögel zwitschern.
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Erst twittert Donald Trump, vier Demokratinnen sollten das Land verlassen, nun ruft sein Publikum im Chor «Schickt sie zurück». Das hat mit ihm aber rein gar nichts zu tun, meint der US-Präsident.

«Bitte skandieren Sie verantwortungsbewusst», fordert Stephen Colbert die Zuschauer seiner «Late Show» auf. Der Grund: «Gestern Abend hat Donald Trumps Publikum eine böse Sache gemacht – und zwar genau das, was er gewollt hat.» Zum Hintergrund: Das Repräsentantenhaus hat den Präsidenten gerade wegen dessen rassistischer Äusserungen über vier Demokratinnen gerügt.

«Aber es ist wie bei einer Kreatur aus ‹Star Trek›: Unser Entsetzen macht ihn nur noch stärker.» Nun hat Trump bei einer Wahlkampfveranstaltung in Greenville, North Carolina, nachgelegt. Zuvor wird der Mann aus dem Weissen Haus gefragt, ob er den Konflikt mit den Demokratinnen geniesst. Doch der Republikaner unterscheidet in diesem Punkt offensichtlich ganz genau: «Ich geniesse den Kampf nicht. Ich habe Spass daran.»

The Late Show with Stephen Colbert

In North Carolina spricht der 73-Jährige über seine frühere TV-Show: «Immer wenn ich das Wort ‹Apprentice› höre, sage ich: Ich liebe das Wort, es war eine gute Show. Wisst Ihr, was wir machen? Wir lassen [meinen Nachfolger in dieser TV-Show] Arnold Schwarzenegger meinen Platz [im Weissen Haus] einnehmen… [Wie lief das mit den Quoten, als er meinen Moderationsjob bei ‹The Apprentice› übernommen hat?] Das hat nicht so gut funktioniert.»

Wer nun meint, dass diese Aussage kryptisch ist, hat den Rest der Rede nicht gehört. Trump vermischt TV-Fiktion und Amt: «14 Staffeln gab es, stellen Sie sich das mal vor… ‹The Apprentice› … Ich habe stolz vier überparteiliche Gesetze gegen Menschenschmuggel unterzeichnet.» Stephen Colbert diagnostiziert einen klaren Fall von Gehirn-Ferien, was dann auch erklären würde, warum sich der Republikaner nicht die Namen der Damen merken kann, die in seinem Fadenkreuz stehen.

Angriffslustig: Stephen Colbert.
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Ab 5.26 Minute erklärt Trump seinen Zuschauern in North Carolina, warum er die Demokratin Alexandria Ocasio-Cortez nur «Cortez» nennt. «Das andere braucht zu viel Zeit.» «Es braucht zu viel Zeit, einen dreiteiligen Namen zu sagen. Zeit, die ich mit meinen lieben Freunden Mohammed bin Salman [aus Saudi-Arabien], Kim Jong-un [aus Nordkorea] und [der Fast-Food-Kette] KFC verbringen könnte», kontert Colbert, bevor er den nächsten Ausschnitt zeigt.

«Sie können nie etwas Gutes sagen», unterstellt der New Yorker da ab Minute 6:55 jenen vier Frauen. «Deswegen sage ich: Hey, wenn sie es nicht mögen, lasst sie gehen. […] Wenn sie es nicht lieben, sollen sie es sein lassen!» Und über Ilhan Omar berichtet der Präsident seinen Anhängern das: «Sie schaut mit Verachtung auf die hart arbeitenden Amerikaner herab und sagt, die Ignoranz sei in diesem Land allgegenwärtig. Und offensichtlich und wichtigerweise hat Omar schon [eine ganze Reihe] bösartiger, antisemitischer [Anwandlungen gehabt].»

Es ist der Zeitpunkt, als das Publikum anfängt, «Send her back», also «Schickt sie zurück», zu rufen. Journalisten werden den Redner am Folgetag im Weissen Haus auf diese Rufe ansprechen: Trump behauptet, er habe sie dadurch unterbrochen, dass er «sehr schnell weitergeredet» hätte.

Es vergeht viel Zeit, in der das Publikum rassistische Sprechchöre bildet, bevor Trump weiterredet.
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«Schauen wir doch mal, wie schnell Sie weitergeredet haben», ruft Colbert dem Präsidenten in der «Late Show» zu und zählt ab Minute 8:28 nach: Knapp zwölf Sekunden lässt sich der Mann Zeit, bevor es weitergeht. «Sie haben sie erstens nicht durch Weiterreden zum Schweigen gebracht, sondern sie ihren ganzen Hass [abladen lassen]. Und zweitens: Ist das Ihre Vorstellung von schnell?»

Doch am nächsten Tag tut Trump so, als seien ihm diese Sprechchöre gar nicht recht gewesen. Er würde beim nächsten Mal dem Publikum auch sagen, es sollte aufhören. «Ich war nicht glücklich darüber. Ich stimme da nicht zu. Aber nochmal: Ich habe das nicht gesagt, sondern die.» Colbert macht das fassungslos: «Moment, Trump, Sie stimmen nicht zu? Hey Mister, das ist Ihre Party! Sie sind die Braut bei einer White-Power-Hochzeit. Und Sie haben diese liebliche Einladung verschickt…»

Die Einladungskarte der bösen Braut.
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Colberts finale Pointe: «Wenn Sie schon ein Demagoge sein wollen, haben Sie Eier und übernehmen Verantwortung für das, wozu Sie sie zu singen inspiriert haben, Mussolini! Sie haben dieses Publikum erschaffen.»

Late Night with Seth Meyers

Weil das aktuelle Segment bei Meyers dem von Colbert gleicht, sollten Sie sich lieber den gestrigen «Closer Look» der Show ansehen: Nach einem launigen Auftakt wird hier ab Minute 2:39 nämlich ein Ausschnitt mit Donald-Trump-Aussagen über die USA gezeigt, die vor seiner Amtsübernahme 2016 entstanden sind.

«Ich bin am Ende»: So sah Seth Meyers nach eigener Aussage aus, bevor er dauernd Witze über Trump machen müsste.
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Demnach seien die Vereinigten Staaten ein Drittweltland: Wie passt das mit seinem Kritikverbot für die Demokratinnen zusammen? Mehr noch: Kein Republikaner traut sich, dem US-Präsidenten für sein Fehlverhalten die Leviten zu lesen.

The Daily Show with Trevor Noah

Jimmy Kimmel Live

Late Night USA – Amerika verstehen

50 Staaten, 330 Millionen Menschen und noch mehr Meinungen: Wie soll man «Amerika verstehen»? Wer den Überblick behalten will, ohne dabei aufzulaufen, braucht einen Leuchtturm. Die Late-Night-Stars bieten eine der besten Navigationshilfen: Sie sind die perfekten Lotsen, die unbarmherzig Untiefen bei Land und Leuten benennen und dienen unserem Autor Philipp Dahm als Komik-Kompass für die Befindlichkeit der amerikanischen Seele.

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