Late Night USA «Das Treffen hier ist nur für Erwachsene»

Von Philipp Dahm

16.12.2020

Biden hat schon wieder gewonnen, sagt Trevor Noah: Sieht man da etwa Häme im Gesicht des Moderators?
Biden hat schon wieder gewonnen, sagt Trevor Noah: Sieht man da etwa Häme im Gesicht des Moderators?
Screenshot: YouTube

Republikaner aus Michigan, die dreist versuchen, sich beim Kapitol als die echten Wahlleute auszugeben? Das ist dümmer, als der Polizist erlaubt – und Grund genug für Hohn und Spott der «Daily Show».

Die Wahlleute haben Joe Biden höchst offiziell zum nächsten Präsidenten der USA erklärt. Die politische Farce, die Washington seit dem Urnengang vom 3. November in Atem hält, ist damit quasi Geschichte. Late-Night-Host Jimmy Fallon verliest in seiner «Tonight Show» Trumps Twitter-Reaktion:

«The Tonight Show Starring Jimmy Fallon»
«The Tonight Show Starring Jimmy Fallon»
Screenshot: YouTube

«Das Electoral College hat gewählt, und ich akzeptiere das Ergebnis.» Fallon lacht: «Hehe, ich mach' nur Spass. Er hat das getweetet ...»

Eines muss man Donald Trump lassen: Man kann ihm nicht vorwerfen, in Sachen Realitätsverweigerung nicht beharrlich zu sein! An dieser Stelle verlassen wir jedoch schon Fallons Show-Monolog und kehren beim Kollegen Trevor Noah ein.

Wir müssen leider draussen bleiben

Der Südafrikaner mit einem Schweizer Vater drückt die, sagen wir mal, gefühlte Lage aus: «Es ist drei Jahre her, dass Joe Biden die Präsidentschaftswahl 2020 gewonnen hat», sagt «Daily Show»-Mann Noah und grinst, «aber gestern hat er es nochmal getan.» 

Natürlich geht es nochmal um die Formalisierung des Machtwechsels durch das Electoral College: Die Wahlleute aus den Bundesstaaten sind nach Washington gefahren, um entsprechend den dortigen Wahlergebnissen abzustimmen. Und nicht nur sie – auch einige selbst ernannte Wahlleute, wie der nach 35 Sekunden eingespielte News-Clip zeigt.

Polizist macht dicht: Wir müssen leider draussen bleiben.
Polizist macht dicht: Wir müssen leider draussen bleiben.
Screenshot: YouTube

Die gezeigte Szene ist hochgradig absurd: Eine Senioren-Gang versucht sich in der Hauptstadt Zutritt zu dem Gebäude zu verschaffen, in dem die Wahl stattfindet. «Das Kapitol ist geschlossen, wenn Sie hier keine Geschäfte zu erledigen haben oder am Electoral-College-Prozedere teilnehmen», erklärt ein Polizist der Gruppe aus Michigan geduldig.

Der Besuch der alten lügenden Damen

«Wir sind Wahlleute», behaupten die beiden betagten Damen mit Maske in erster Reihe. Auch der ältere, grosse Blonde, dessen rosa Gesichtsfarbe gut sichtbar ist, weil er keinen Mundschutz trägt, wagt es, zu lügen, nachdem die Frauen vorgeprescht sind. «Wir sind Wahlleute», flunkert auch er. Der Polizist faltet freundlich die Hände vor seinem Bauch und bekundet: «Die Wahlleute sind schon hier, sie wurden bereits eingecheckt.»

So sehen Wahlleute aus. NICHT.
So sehen Wahlleute aus. NICHT.
Screenshot: YouTube

«Ich liebe die Geduld dieses Officers», meint Trevor Noah anschliessend und imitiert ein kleines Kind: «Aber wir sind doch auch Wahlleute!» Dann antwortet er als Wachmann: «Ja, das seid ihr, und ihr seht auch toll aus in euren Wahlleute-Kostümen, aber das Treffen hier ist nur für Erwachsene. Also warum geht ihr nicht in den Park und spielt euer schlimmes Loser-Spiel dort, häh?»

Late Night USA – Amerika verstehen

50 Staaten, 330 Millionen Menschen und noch mehr Meinungen: Wie soll man «Amerika verstehen»? Wer den Überblick behalten will, ohne dabei aufzulaufen, braucht einen Leuchtturm. Die Late-Night-Stars bieten eine der besten Navigationshilfen: Sie sind die perfekten Lotsen, die unbarmherzig Untiefen bei Land und Leuten benennen, und dienen unserem Autor Philipp Dahm als Komik-Kompass für die Befindlichkeit der amerikanischen Seele.

Er sei froh, dass das System funktioniere, sagt Noah. Aber was wäre gewesen, wenn der Wachmann deutlich dümmer gewesen wäre? «Du willst ja nicht, dass deine Demokratie nur von einem Türsteher abhängt ... Aber ja, zum 30. Mal: Donald Trumps Versuche, die Wahl rückgängig zu machen, sind erneut – endlich – zu einem Ende gekommen.»

«Bin bereit für Interaktionen»

Seine Parteifreunde zumindest würden das Ergebnis – die «Realität», wie der Moderator sagt – nun anerkennen. Lisa Murkowski etwa, Senatorin aus Alaska, die meint: «Ich denke, er sollte seine Niederlage einräumen. Ich denke, das Rennen ist vorbei.» Oder Pat Toomey, Senator aus Pennsylvania, der weiss: «Joe Biden hat die Wahl gewonnen.» Oder John Thune, Senator aus South Dakota. «Es ist an der Zeit, weiterzumachen.»

Und natürlich der republikanische Mehrheitsführer Mitch McConnell: «Das Electoral College hat gesprochen», sagt er. Sogar der russische Präsident hat inzwischen ein Glückwunsch-Telegramm an Biden geschickt. Nur wie? «Ernsthaft, Leute, was für eine verrückte Ausdrucksweise», meint Noah: «‹Ich bin bereit für Interaktionen und Kontakte mit ihnen›? Das tönt, als würde Mike Pence frivol werden.»

Diplomatischer Poet: Wladimir Putin.
Diplomatischer Poet: Wladimir Putin.
Screenshot: YouTube

McConnells Eingeständnis wiege besonders schwer. «Vergesst Putin! Wenn Mitch keinen Weg mehr findet, um Amerikas Demokratie zu unterwandern, dann kann es einfach nicht vollbracht werden.» Ein weiteres Indiz für Trumps Ende: «Einer seiner loyalsten Minions sagt ‹Und Tschüss›.» Justizminister William Barr nimmt am 23. Dezember seinen Hut.

Barr jeder Vernunft

Eine Überraschung, findet Noah nach allem, was Barr für Trump getan habe: «Er hat den Mueller-Report schöngefärbt, er hat Trumps Schergen beschützt und angeordnet, friedliche Demonstranten mit Tränengas einzudecken, damit Trump zu einer Kirche gehen und mit einer Bibel wedeln konnte. Und wenn der Koch des Weissen Hauses Rosenkohl serviert hat, hat sich Barr unter dem Tisch versteckt, damit Trump sie ihm geben kann.»

Rosenkohl: en Guete!
Rosenkohl: en Guete!
Screenshot: YouTube

Der wahre Grund für die Trennung ist, dass Barr nicht gegen das Wahlresultat vorgehen wollte. «Es ist also eine von zwei Möglichkeiten eingetreten», analysiert der 36-Jährige. «Entweder hat Barr hingeworfen, weil Trump sogar für ihn zu durchgeknallt geworden ist, oder Trump hat Barr gefeuert, weil der nicht durchgeknallt genug ist, um ins Weisse Haus zu passen.»

Aber Barr habe alles richtig gemacht, findet Noah: Wenn Trumps Administration am 20. Januar das Weisse Haus räumen muss, stehe Barr zumindest nicht im Stau.

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