«Das war keine Wut-Rede, sondern eine Anklage»

Gil Bieler

24.9.2019 - 18:24

Der Auftritt von Greta Thunberg in New York wirkt nach – aus gutem Grund.
Bild: Keystone

Vorbildliche Struktur und Klartext: Greta Thunbergs UNO-Auftritt geht weit über eine reine Wut-Rede hinaus, sagt der Zürcher Rhetorik-Coach Wolfgang Wellstein. Sein Urteil: «Stark!»

Nur knapp vier Minuten sprach Greta Thunberg am Montag am UNO-Klimagipfel in New York zu Mächtigen dieser Welt – und hat damit maximale Wirkung erzielt. Gegner und Anhänger der Klimaaktivistin liefern sich einen Schlagabtausch auf allen Kanälen, der noch immer anhält.

Wie konnte die Rede einer 16-Jährigen eine solche Wirkung entfachen? Einschätzungen des Rhetorik-Experten Wolfgang Wellstein.

Herr Wellstein, was für eine Art von Rede hat Greta Thunberg da eigentlich gehalten: eine Wut-Rede?

Ich würde es weniger als Wut-Rede bezeichnen, sondern vielmehr als eine Anklage-Rede, die mit Wut unterfüttert ist. Eine reine Wut-Rede kann ich als Empfänger einfach als Emotionen abtun. Wird aber wie in diesem Fall die Anklage mit Forderungen verknüpft, reicht eine simple Abwehrhaltung nicht mehr. Ich muss mich als Angeklagter fragen: «Hat sie damit recht?» Und: «Sollte ich etwas tun?»

Was waren Ihre ersten Gedanken, als Sie die Rede erstmals gesehen haben?

Stark!

«How dare you?», wie könnt Ihr es wagen – dieser Satz zieht sich durch die ganze Rede. Was bewirkt Greta Thunberg damit?

Sie beschuldigt das Publikum, also die Politiker, sich nicht angemessen und der Sache gerecht zu verhalten. Die anwesenden Politiker tragen Verantwortung für das Wohl «ihrer» Menschen und zukünftiger Generationen. Sie nehmen diese Verantwortung aber nicht wahr. Letztlich könnte man die ganze Rede als einen emotional gestützten, moralisch-ethischen Appell sehen: «Nehmt endlich eure Verantwortung wahr!»

Läuft sie mit dem forschen Ton nicht Gefahr, Zuhörer abzuschrecken?

Vielleicht. Stärker aber dürften Verblüffung und die innere Frage «Hat sie damit recht?» sein. Zudem gesellt sich zur Anklage auch eine Forderung. Das Publikum ist aufgerufen, etwas zu tun.

Die Rede hat viel Beachtung gefunden: Was wirkt mehr: die Emotionen oder das Gesagte?

Die Emotionen sind hier Ausdruck von Dringlichkeit, so gesehen unterstützen sie das Gesagte.

War es eine gute Rede?

Ja, und sie ist auch gut strukturiert. Am Anfang ihres Gedankenweges stehen ihre persönliche Situation – «ich sollte nicht hier sein» – und die Beanspruchung der Jugend. Dann folgt eine Steigerung von Anklagen hin zu Aussagen dazu, was die Jungen wollen und was sie tun werden. Und sie endet mit einer Prognose: «Die Welt erwacht, und der Wandel wird kommen, ob es euch passt oder nicht.» 

Greta Thunberg geht auch das rhetorische Dreieck konsequent durch: Auf der einen Seite steht das Ich – in diesem Fall auch das erweiterte Ich, nämlich das Wir, die Jugend. Auf der anderen Seite steht das Ihr, also die Angesprochenen. Und dann gibt es noch das Thema: den Klimawandel und die Aktionen, die man diesbezüglich unternehmen müsste. Dieses Dreieck aus Ich, Ihr und Thema hält sie konsequent ein. Zudem nennt sie die Dinge beim Namen, ist also sehr konkret.

Was macht denn eine gute Rede aus?

So kurz ist das nur schwer zu beantworten. Aber allgemein gilt: Eine gute Rede erreicht mich, berührt mich, löst etwas in mir aus, das über den Moment hinausweist. 

Trauen Sie einer 16-Jährigen zu, solch eine Rede selbst zu schreiben?

Dieser 16-jährigen: Ja! Sie wird aber Leute zum Gegenlesen haben.


Zur Person: Wolfgang Wellstein ist Inhaber der Firma Wellstein Reden.ch in Zürich und bietet Trainings und Coaching für Rhetorik und Kommunikation an. Er hat Germanistik (Linguistik) und Pädagogik studiert. 

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