Öl reicht nicht mehrDer Iran hat ein neues Druckmittel und bedroht das globale Internet
Andreas Fischer
21.5.2026
Die Blockade der Strasse von Hormus belastet die gesamte Welt. (Archivbild)
Razieh Poudat/ISNA/AP/dpa
Der Iran hat ein neues Druckmittel. Für die Unterseekabel in der Strasse von Hormus wollen die Mullahs gerne «Transitgebühren» kassieren – und drohen mit Sabotage der digitalen Schlagader. Das hätte globale Folgen.
Jetzt bedroht der Iran auch das weltweite Internet: Das Regime in Teheran benutzt nicht mehr nur Öltransporte in der Strasse von Hormus als Druckmittel, sondern nimmt auch die dort verlaufenden Unterseekabel ins Visier. Die Mullahs wollen abkassieren – andernfalls könnte es «zu schweren Ausfällen im gesamten Persischen Golf» kommen.
Die Drohungen und Ankündigungen aus Teheran sind kein Witz. Offenbar beflügelt durch die erfolgreiche Blockade der Strasse von Hormus, haben die Mullahs die zweite, mindestens genauso wichtige Lebensader der Weltwirtschaft als geopolitisches Druckmittel ausgemacht, berichtet unter anderem CNN.
Durch die Unterseekabel in der Strasse von Hormus fliesst der Internet- und Finanzdatenverkehr zwischen Europa, Asien und dem Persischen Golf. Eine Störung hätte gravierende Auswirkungen. Also, was ist dran an den neuen Provokationen Irans? Droht wegen der Unterseekabel in der Strasse von Hormus gar eine digitale Katastrophe? Hier sind die wichtigsten Fragen und Antworten.
Worum geht es?
«Wir werden Gebühren für Internetkabel erheben», hatte der iranische Militärsprecher Ebrahim Zolfaghari auf X erklärt. Auf dem Meeresboden der Strasse von Hormus verlaufen mehrere zentrale Glasfaserkabel, über die ein grosser Teil des Datenverkehrs zwischen Europa, Asien und den Golfstaaten läuft. Dazu gehören Internetdienste, Cloud-Systeme, Finanztransaktionen und Kommunikationsnetze grosser Konzerne.
We will impose fees on internet cables.
— العميد إبراهيم ذو الفقاري (@Ibrahim_alFiqar) May 9, 2026
Was droht der Iran an?
Unternehmen wie Google, Microsoft, Meta und Amazon müssten sich an das iranische Recht halten. Unternehmen, die Unterseekabel verlegen, müssten Lizenzgebühren für die Kabeldurchführung zahlen. Reparatur- und Wartungsrechte würden ausschliesslich an iranische Firmen vergeben.
Iran-nahe Medien wie Tasnim und Fars brachten laut CNN und «Guardian» mehrere Szenarien ins Spiel. Neben Gebühren oder «Transitkosten» für Kabelbetreiber, könnten Tech-Konzerne politische Auflagen bekommen. Reparatur- und Wartungsrechte könnten ausschliesslich an iranische Firmen vergeben werden, was den Mullahs zusätzliche Kontrolle verschafft.
Aus dem Umfeld der Revolutionsgarden gab es derweil bereits Drohungen, was passieren könnte, wenn Irans Forderungen nicht erfüllt werden. Die Nachrichtenagentur Tasnim schrieb, eine «gleichzeitige Beschädigung mehrerer grosser Kabel – sei es durch Unfälle oder vorsätzliche Handlungen» könne zu «schweren Ausfällen im gesamten Persischen Golf führen».
Warum ist das relevant?
Die Strasse von Hormus ist eines der wichtigsten geopolitischen Nadelöhre der Welt. Nicht nur läuft ein grosser Teil des globalen Öl- und Gashandels über die Meerenge.
Nun wird deutlich, dass die Region auch ein digitales Nadelöhr ist. Ein Ausfall wichtiger Unterseekabel könnte schwerwiegende Folgen haben. Dass Internetverbindungen verlangsamt oder teilweise unterbrochen werden, ist dabei das geringste Übel.
Durch die Strasse von Hormus verlaufen mindestens sieben wichtige Unterseekabel.
Schwerer wiegt, dass Finanzmärkte und der globale Zahlungsverkehr beeinträchtigt werden. Ausserdem werden Cloud- und Rechenzentren gestört und ganze Kommunikationssysteme von Staaten und Unternehmen getroffen. Mehrere gleichzeitige Schäden würden insbesondere die Staaten in der Golfregion massiv treffen.
Sollten die mit Kampftauchern, kleinen U-Booten und Unterwasserdrohnen ausgestatteten iranischen Revolutionsgarden die Unterwasserkabel sabotieren, könnte dies eine «digitale Katastrophe» über mehrere Kontinente hinweg auslösen, warnt Internetexperte Mostafa Ahmed vom Habtoor Research Center in den Vereinigten Arabischen Emiraten bei CNN.
Wie gross ist die Gefahr?
Die Einschätzungen gehen auseinander. Manche Experten halten eine vollständige Kontrolle der Unterwasserkabel durch den Iran technisch und rechtlich für schwierig. Wobei die rechtliche Frage für das Regime wohl eher eine untergeordnete Rolle spielen dürfte.
Falls der Iran tatsächlich Unterseekabel in der Region durchtrennen würde, könnte der Datenverkehr bis zu einem gewissen Umfang über Backup-Kapazitäten umgeleitet werden. Theoretisch lassen sich durchtrennte Kabel (das passiert weltweit mehrmals pro Woche) auch leicht reparieren. Allerdings wären Reparaturen in der Strasse von Hormus sehr riskant: Die Wartungsschiffe wären leichte Ziele für Raketen- und Drohnenangriffe.
Atempause im Iran-Krieg: Geplanter US-Angriff gestoppt
Diplomatische Atempause: US-Präsident Donald Trump stoppt vorerst einen Grossangriff auf den Iran. Er setzt seine militärischen Pläne aus. Zuvor baten ihn mehrere Golfstaaten um Aufschub. Es laufen laut Trump ernsthafte Verhandlungen mit Teheran. Der Iran legt über Vermittler neue Vorschläge vor und bietet an, die Seestrasse von Hormus zu öffnen.