«Schandkäfig» in Belarus-Knast «Frauen im Gefängnis durchleben die Hölle»

dpa

25.8.2025 - 19:36

Die Jourmalistin Katerina Bachwalowa macht das Victory-Zeichen, als sie im Februar 2021 mit ihrer Kollegin Daria Chultsowa in Minsk vor Gericht steht: Frauen in Gefängnissen in Belarus kann es äusserst schlecht ergehen.
Die Jourmalistin Katerina Bachwalowa macht das Victory-Zeichen, als sie im Februar 2021 mit ihrer Kollegin Daria Chultsowa in Minsk vor Gericht steht: Frauen in Gefängnissen in Belarus kann es äusserst schlecht ergehen.
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Unter den rund 1200 politischen Gefangenen in Belarus sind knapp 200 Frauen. Laut Menschenrechtlern werden sie oft gezielt misshandelt und gedemütigt.

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  • Kälte, Einzelhaft, wenig Nahrung und Hygiene in Belarus: «Frauen im Gefängnis durchleben die Hölle», sagt eine Betroffene. 
  • Von rund 1200 politischen gefangenen sind 178 Frauen.
  • «Für eine Mutter ist es eine wirkliche Qual»: Das System macht über die Kinder der eingesperrten Frauen Druck.
  • «Willkürlichen Strafen» sind an der Tagesordnung: Von vier Jahren Haft sass seine Betroffene ganze 270 Tage in Einzelhaft.
  • Gefangene im «Strafkäfig»: «Die Behörden nutzen bewusst die Verletzlichkeit von Frauen aus, um sie zu demütigen.»
  • «Pulsadern aufgeschnitten und in Hungerstreik getreten»: Es gibt kaum Möglichkeiten für Protest.

Kälte und Isolation, zu wenig zu essen, mangelhafte medizinische Versorgung: Über zermürbende und unmenschliche Haftbedingungen klagen fast alle politischen Gefangenen in Belarus. Die Frauen unter ihnen sind Menschenrechtlern zufolge noch einmal besonders angreifbar.

«Frauen im Gefängnis durchleben die Hölle und können sich nicht einmal bei jemandem beschweren», sagt Antanina Kanawalawa, die vier Jahre lang als politische Gefangene in einer belarussischen Strafkolonie festgehalten wurde. «Der Leiter des Gefängnisses sagte mir ins Gesicht, dass Menschen wie ich an die Wand gestellt und erschossen werden sollten.»

In Belarus gibt es fast 1200 politische Gefangene. 178 von ihnen sind Frauen. Diese würden oft gezielt misshandelt und gedemütigt, erklärt Pawel Sapelka, Anwalt bei der Menschenrechtsorganisation Wjasna. Ihnen werde mit dem Verlust ihrer Kinder gedroht, ihre medizinischen Probleme würden ignoriert.

Angst um das Sorgerecht für die Kinder

Antanina Kanawalawa kam im Dezember frei. Im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AP berichtet die 37-Jährige von Ängsten und Qualen, die sie durchlitt. Bei ihrer Verhaftung habe sie fast das Sorgerecht für ihre beiden kleinen Kinder verloren, sagt sie.

In der Haft habe sich ihr Sehvermögen verschlechtert, als sie in einem schlecht beleuchteten Raum Militäruniformen nähen musste. Selbst grundlegende Dinge wie Hygieneartikel seien ihr verweigert worden.

Unabhängige Expertinnen und Experten, die vom Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen ernannt wurden, sprechen von «entsetzlichen» Bedingungen für weibliche Gefangene in Belarus. Sie beklagen «eine eklatant mangelnde Rechenschaftspflicht» für das Verhalten der Justizvollzugsmitarbeiter.

Lukaschenko: «Gefängnis ist kein Urlaubsort»

Die autoritäre Regierung hat internationalen Beobachtern und unabhängigen Beobachterteams den Zugang zu den Gefängnissen verweigert. Präsident Alexander Lukaschenko nennt die Haftbedingungen «normal» und hat betont, dass «das Gefängnis kein Urlaubsort» sei.

Keine Chorknaben: Alexander Lukaschenko (links) und Wladimir Putin besuchen am 1. August ein Gotteshaus im russischen Walaam.
Keine Chorknaben: Alexander Lukaschenko (links) und Wladimir Putin besuchen am 1. August ein Gotteshaus im russischen Walaam.
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Lukaschenko ist seit mehr als drei Jahrzehnten an der Macht. Er hält sich dank Wahlen im Amt, die der Westen weder als frei noch als fair bezeichnet. Dissidenten werden eingeschüchtert, zum Schweigen gebracht, festgenommen.

Als nach der umstrittenen Wahl 2020 Hunderttausende Menschen auf die Strasse gingen, griff Lukaschenko hart durch. Mehr als 65'000 Personen wurden verhaftet, Hunderte unabhängige Medien und Nichtregierungsorganisationen geschlossen und verboten.

«Reiben jeden Tag Salz in diese mütterliche Wunde»

Oppositionspolitiker sind in Haft oder ins Ausland geflohen. Und auch wenn Lukaschenko im vergangenen Jahr rund 300 politische Gefangene freigelassen hat, werden andere neu verhaftet.

Antanina Kanawalawa war eine Vertraute der jetzt im Exil lebenden Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja, die Lukaschenko bei den Wahlen 2020 herausgefordert hatte. Kanawalawa wurde wegen «Teilnahme an Massenunruhen» zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt. Ihren sechsjährigen Sohn Iwan und die vierjährige Tochter Nasta liess sie zurück.

«Für eine Mutter ist es eine wirkliche Qual, ihre Kinder vier Jahre lang nicht zu sehen», sagt Kanawalawa. «Die Behörden wissen das und reiben jeden Tag Salz in diese mütterliche Wunde. Sie verlangen, dass ich Geständnisse unterschreibe und mit ihnen kooperiere.» Inzwischen ist Kanawalawa wieder mit ihren Kindern vereint: Die Grossmutter hatte sie in Warschau in Sicherheit gebracht, während die Mutter in Haft sass.

Einzelhaft und Isolationshaft ohne Kontakt zu Kindern

Weibliche Gefangene in Belarus sind nach Beurteilung der UN-Experten «willkürlichen Strafen, einschliesslich Einzelhaft und Isolationshaft ohne Kontakt zu ihren Kindern» ausgesetzt. Palina Scharenda-Panassiuk verbrachte mehr als vier Jahre in Gefangenschaft in mehreren Haftanstalten und Strafkolonien, 270 Tage davon in Einzelhaft.

«Die Behörden nutzen bewusst die Verletzlichkeit von Frauen aus, um sie zu demütigen und unerträgliche Bedingungen zu schaffen», sagt die 50-Jährige nach ihrer Haftentlassung. Sie beschreibt unhygienische Bedingungen und ständige Kälte, die Krankheiten chronisch werden lassen.

Die Sorge von Menschenrechtlern gilt besonders Gefangenen wie Viktoria Kulscha, die ursprünglich wegen eines Telegram-Kanals zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt worden war. Über Telegram waren Autofahrer aufgefordert worden, während der Proteste 2020 Strassen zu blockieren.

Hungerstreik als Protest

Weil sie angeblich Anweisungen der Gefängnisbeamten missachtete, wurde Kulscha zu weiteren vier Jahren Haft verurteilt. Laut Menschenrechtsgruppen trat die 43-Jährige mindestens sechsmal in Hungerstreik, um gegen Misshandlungen in der Strafkolonie Nr. 24 in Saretschtscha zu protestieren.

«Viktoria hat sich die Pulsadern aufgeschnitten und ist aus Protest gegen die Tyrannei der Gefängnisbehörden und dieses Schlachthauses in Hungerstreiks getreten», sagt Scharenda-Panassiuk, die in der gleichen Strafkolonie festgehalten wurde. «Aber es wurde immer schlimmer und sie treiben sie an den Rand des Abgrunds.»

Natallia Dulina, 2022 wegen Extremismus verurteilt, kam im Juni zusammen mit 13 weiteren politischen Gefangenen frei. Die 60 Jahre alte Italienisch-Dozentin beschreibt besonders erniedrigende Bedingungen in der Strafkolonie Nr. 4, darunter ein «Schandkäfig» im Hof.

Frauen im Käfig

Frauen würden stundenlang, bei jedem Wetter in diesen Käfig gezwungen, um für vermeintliche Disziplinarverstösse zu büssen. In Strafkolonien für Männer gebe es solche Käfige nicht, sagt Dulina.

Auch nach der Freilassung verfolgen die Qualen und Ängste die Frauen weiter. «Das Gefängnis ist noch nicht vorbei», sagt Antanina Kanawalawa, die nun mit ihren Kindern in Warschau lebt. Sie fügt hinzu: «Die Angst, meine eigenen Kinder zu verlieren, verfolgt mich in meinen Träumen.» Und ihr Mann sitzt weiter in Haft.

«Es ist unmöglich, sich an die Tyrannei der belarussischen Behörden zu gewöhnen», betont Kanawalawa. «Aber es ist noch schwieriger, Kindern und sich selbst den hohen Preis zu erklären, den die Belarussen für ihren Wunsch nach Freiheit zahlen.»


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