Die Legende Angela Merkel

7.12.2018 - 00:00, Markus Wanderl

Mit der Abgabe des CDU-Parteivorsitzes wird sich Angela Merkel peu à peu aus der Politik verabschieden. Ihre vierte Amtszeit als Bundeskanzlerin endet 2021.
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Nun ist Angela Merkel nach gut 18 Jahren als Parteivorsitzende der deutschen CDU abgelöst. Eine Erinnerung.

Am 23. Mai 1973 sieht Max Frisch in Westberlin Heiner Carows Defa-Spielfilm «Die Legende von Paul und Paula». Er findet diesen DDR-Klassiker gemäss seinem in 2014 erschienenem literarischen Tagebuch «Berliner Journal» schlicht «lausig, traurig als Symptom einer Frustration, deren Wunschtraum noch Mief produziert».

Als der Schweizer Schriftsteller Frisch dies notiert, büffelt die DDR-Bürgerin Angela Merkel knapp 70 Kilometer nördlich von Berlin für ihr Abitur, das sie 1973 an der Erweiterten Oberschule (EOS) in Templin, in der blühenden Landschaft Brandenburgs, mit der Note 1,0 ablegen wird.

Als Angela Merkel (Mitte), damals 17, noch Angela Kasner heisst – 1971 bei der Mathematik-Olympiade in  Teterow, Bundesland Mecklenburg-Vorpommern.
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18-jährig ist die in Hamburg 1954 als Angela Dorothea Kasner geborene überdurchschnittlich Begabte damals und Templin eine Stadt zwar ohne stattliche Einwohnerzahl, aber einer anderen Legende nach scheinbar ein ideales Fleckchen Erde, um von ideologischer Indoktrination unberührt die DDR-Jahre in einer Art innerem Exil zu überstehen.

Zeitsprung: Vom aktuellen Regierungssprecher Steffen Seibert stammt der Satz: «Die Kanzlerin ist immer im Dienst.»

Als solche und also im Dienst besucht Merkel an einem Sonntagabend im Mai 2013 mit ihrem Ehemann Joachim Sauer die Deutsche Filmakademie in Berlin. Vor einem überhaupt prominenten Publikum wird Merkels Lieblingsfilm auf die Leinwand geworfen: «Die Legende von Paul und Paula», jener Film, den Max Frisch verwünscht, der aber vom katholischen Filmdienst als ein «Plädoyer für Individualität und die Kraft der Träume» gelobt wird. Und, wie könnte es anders sein: Den Menschen sei eben «auch in der realsozialistischen Gesellschaft das Glück nicht von vornherein in die Wiege gelegt» worden.

Angela Merkel im Mai 2013 in der Berliner Filmakademie. 
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Als sich in jenem Film der unglücklich verheiratete Paul gegen Konventionen und Karriere und endlich für Paula entscheidet, erfahren sie, dass Paula die Geburt des gemeinsamen Kinds wohl nicht überleben wird. Paula entscheidet sich für das Kind und stirbt.

Das zentrale Thema dieses von drei Millionen DDR-Bürgern im Kino gesehenen Streifens ist die Sehnsucht nach privatem Glück, Freiheit und Selbstbestimmung – und dass er trotz dieser unerhörten Metaphorik in der DDR aufgeführt wird, liegt am Staatsratsvorsitzenden der DDR, Erich Honecker: Er winkt den Film, der von den Zensurstellen eigentlich schon aussortiert ist, durch. Hunderte Parteikader in den ersten Reihen stöhnen bei der Premiere auf – hinten erhebt sich das Volk und applaudiert minutenlang: dem Film.

Damals in der Disko

Das letzte Mal habe sie den Film vor vierzig Jahren gesehen, in Leipzig, erinnert sich Merkel an jenem Abend 2013 – gleich nach dem Abitur 1973 geht sie fürs Physikstudium dorthin –, der Film habe «einen Nerv getroffen». Auch einige Anekdoten gibt Merkel gleich zum Besten. Etwa jene, wonach «wir an der Uni immer Disko gemacht (haben), immer sechzig zu vierzig» – das vorgeschriebene Verhältnis von Ost- zu Westmusik ist gemeint, «nicht etwa das Verhältnis von Alkohol zu Wasser», wie Merkel klarstellt. Gelächter.

Selbst als sie auf einen damals in einem just erschienenen Buch erhobenen Vorwurf angesprochen wird, wonach sie nicht erst im Dezember 1989 in die Politik gekommen, sondern bereits im Oktober im «Demokratischen Aufbruch» aktiv gewesen und deshalb für diese Zeit als «systemnahe Reformkommunistin» zu bezeichnen sei, behält Merkel die Fäden in der Hand: Sie könne sich nur auf ihre Erinnerung berufen, sagt sie ruhig, sie habe «nie etwas verheimlicht». Wenn nun ein Punkt aus ihren jüngeren Jahren auftauche, über den sie aus der Sicht anderer nie gesprochen habe, dann sei es doch gut, wie überhaupt eine Diskussion über die Vergangenheit gut sei: «Sie führt weiter.»

Merkels protestantischer Familienhintergrund als Pastorentochter habe sie vor den Versuchungen und Illusionen der sozialistischen Staatsdoktrin bewahrt, so wird es während der letzten Jahrzehnte gesagt und geschrieben, ja, Jahrzehnte.

Steile Karriere nach der Wende

Bundestagsabgeordnete seit dem 20. Dezember 1990, spielt Merkel von 1991 an eine exponiertere Rolle – bis 1994 ist sie Bundesministerin für Frauen und Jugend im Kabinett Helmut Kohl IV und von 1994 bis 1998 als Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit im Kabinett Kohl V. Als Generalsekretärin erwirbt sie von 1998 an während zwei Jahren Meriten, bis sie am 10. April 2000 CDU-Bundesvorsitzende wird.

Und nun endete es, nach achtzehneinhalb Jahren. 

Nur Kohl, der von 1973 bis 1998 Bundesvorsitzender gewesen ist, danach bis 2000 Ehrenvorsitzender seiner Partei, stand der CDU länger vor. Mit ihm, dem Parteipatron, hat Merkel am 22. Dezember 1999 öffentlich als Erste zu brechen gewagt, als sie in einem Gastbeitrag in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» Kohl für seine Verstrickung in den Parteispendenskandal und seine Weigerung, die Spendernamen zu nennen, geisselt.

Angela Merkel Ende 1990  auf der Insel Rügen, Bundesland Mecklenburg-Vorpommern. 
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7. November 1998: Die neu gewählte Generalsekretärin Angela Merkel nimmt den Applaus der Delegierten entgegen. Links: Wolfgang Schäuble, der eigentliche «Kronprinz» Helmut Kohls.
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Helmut Kohl habe «der Partei Schaden zugefügt», schreibt Merkel damals. Es sei nicht hinnehmbar, dass er «in einem rechtswidrigen Vorgang» sein Wort «über Recht und Gesetz» stelle. Für die CDU bedeute das, dass man sich von Kohl lösen müsse: «Nur auf einem wahren Fundament kann Zukunft entstehen.» Die Partei müsse nun «laufen lernen, sich zutrauen, in Zukunft auch ohne (...) Helmut Kohl (...) den Kampf mit dem politischen Gegner aufnehmen».

16.12.1991, Dresden: Angela Merkel,  damals Bundesfrauenministerin, nimmt während des CDU-Parteitags zu ihrem Mentor, Bundeskanzler Helmut Kohl, Kontakt auf.
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Unmöglich ist es, einmal Gedachtes zurückzunehmen – darauf hat Friedrich Dürrenmatt ausgerechnet angespielt in: «Die Physiker».

Und Max Frisch hat geschrieben: «Am Ende ist es immer das Fällige, was uns zufällt.»

Für die Ehrenbürgerschaft, die ihr von 29 Templiner Stadtverordneten im Juni zugesprochen wurde und bis Ende des Jahres überreicht werden soll, muss Angela Merkel nur endlich einen Termin finden. Nicht einfach. Sie ist die Kanzlerin, gewählt bis 2021.

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