Ruhe im Auge des Sturms

Die Taiwaner lassen sich nicht von China einschüchtern

Von Dennis Engbarth und Andreas Landwehr, dpa

6.8.2022 - 11:03

Pelosi-Besuch: Das sagen die Menschen in Taiwan

Pelosi-Besuch: Das sagen die Menschen in Taiwan

Die meisten Menschen in Taiwan sind froh über den Besuch von Nancy Pelosi, bei dem die US-Politikerin der Insel Rückendeckung im Konflikt mit China gegeben hat. Doch es gibt auch Menschen, die Pelosis Visite kritisch sehen.

03.08.2022

Es ist die seit langem grösste militärische Machtdemonstration Chinas gegen Taiwan. In dem «gefährlichsten Ort der Welt» sind die Menschen die Bedrohung aber gewohnt. Viele begrüssen den Besuch Pelosis.

Von Dennis Engbarth und Andreas Landwehr, dpa

6.8.2022 - 11:03

Ballistische Raketen landen in Gewässern um Taiwan. Militärflugzeuge und Drohnen testen die Flugabwehr. Chinesische Kriegsschiffe schiessen nahe der demokratischen Inselrepublik mit scharfer Munition. Schon lange gilt Taiwan als «der gefährlichste Ort der Welt», wie das Magazin «The Economist» einmal titelte.

Die Gefahr eines möglichen Krieg ist den 23 Millionen Taiwanern schon lange nicht mehr so nahe gerückt wie jetzt. Doch im Auge des Sturms herrscht Ruhe – ja, auch Unbehagen, Sorge, aber vor allem Trotz und auch Stolz auf die «Insel der Widerstandskraft», wie sie die US-Spitzenpolitikerin Nancy Pelosi bei ihrer Visite in Taipeh rühmte.

Die grossangelegten Militärmanöver als Reaktion auf ihren Besuch haben die Taiwaner nur noch mehr gegen China aufgebracht. «Echt schlimm», sagt die Kellnerin eines Cafés in Taipeh. Doch die Taiwaner sind das Säbelrasseln der Kommunisten gewohnt, gehen ihrem normalen Leben nach. Sie sind es leid, von Peking nur als Teil der Volksrepublik behandelt zu werden.

Ex-Militär Sean Bell analysiert für «Sky News» die militärische Lage in Sachen Taiwan.

Trotz der Spannungen, den grössten seit Mitte der 90er Jahre, äussern viele Unterstützung für den Besuch Pelosis – den ranghöchsten aus den USA in Taipeh seit einem Vierteljahrhundert.

«Anfangs war ich besorgt, aber jetzt bin ich stolz, das Pelosi nach Taiwan gekommen ist», sagt Cindy Chou, Personalmanagerin eines High-Tech-Unternehmens. «Sie versuchen nur, uns zu erschrecken. Warum sollen wir zulassen, dass sie Erfolg haben?», sagt Frau Tseng, Sekretärin einer Berufsvereinigung zu den Manövern. «Ich fühle mich bedroht, aber lehne es ab, Angst zu haben, weil das ihr Ziel ist.»

«Ich habe keine Angst»

Viele Taiwanesen besuchen spontan Kurse in Zivilverteidigung, lernen, wie die Sicherheitslage ist, was im Falle einer Invasion getan oder wie Erste Hilfe geleistet werden kann. Lin Hsin-yi, Generalsekretärin einer regierungsunabhängigen Organisation, berichtet, viele ihrer Mitarbeiter hätten an Kursen teilgenommen oder wollten sie besuchen. «Die Tatsache, dass wir nicht hysterisch sind, bedeutet nicht, dass wir uns der Lage nicht bewusst sind und keine Vorbereitungen treffen.»

epa10106950 Taiwan Navy's Chi Yang-class frigate Ning Yang (FFG-938) is anchored at a harbour in Keelung city, Taiwan, 05 August 2022. Following a visit of US House of Representatives Speaker Pelosi to Taiwan, the Chinese military started to hold a series of live-fire drills in six maritime areas around Taiwan's main island, planned from 04 to 07 August 2022.  EPA/RITCHIE B. TONGO
Taiwands Fregatte Ning Yang (FFG-938) am 5. August im Hafen von Keelung.
EPA

Wenig beeindruckt von den seit langem grössten militärischen Muskelspielen Chinas zeigten sich auch die Anleger an der Börse in Taipeh, die früher in solchen Lagen schon mal eingebrochen war. Nach etwas Nervosität, aber nur leichtem Rückgang, klettert der Index am Freitag wieder um 2,3 Prozent – trotz der Bilder der Schiessübungen und einer versuchten See- und Luftblockade durch China im Fernsehen.

«Ich habe keine Angst, aber einige meiner Freunde fühlen sich unbehaglich und unsicher», sagt Frau Yen, PR-Managerin eines grossen Bauunternehmens. Wer wisse denn, ob die Militärübungen wirklich wie angekündigt an diesem Sonntag enden? Und es könne auch niemand sicher sein, dass Raketen, die über Taiwan geschossen werden, «nicht auch mal hier landen».

«Wir sind daran gewöhnt»

Einen Schmusekurs wie den des früheren Präsidenten Ma Ying-jeou, der eine Annäherung an China vorangetrieben hatte, lehnt sie aber ab: «Niemand hatte was davon – ausser dass prochinesische Geschäftsleute profitierten und Taiwan von der Weltbühne verschwand.» Die heutige Präsidentin Tsai Ing-wen sei «zurückhaltend und konzentriert sich auf die Wahrung des Status quo», lobt Frau Yen. Taiwan habe mit seinem Kampf gegen die Pandemie und seiner Hilfe für andere Länder «einige Präsenz in der Welt zurückgewonnen».

In this image taken from video footage run by China's CCTV, a projectile is launched from an unspecified location in China, Thursday, Aug. 4, 2022. China says it conducted
Drogebärden: Chinas TV zeigt am 4. August aufsteigende Raketen.
AP

«Pelosis Besuch hatte einige Vorteile und einige Kosten», bilanziert sie. «Es mögen komplexe Motive dahinter stecken. Aber es ist offensichtlich, dass Taiwan unvorstellbare Aufmerksamkeit in den Weltmedien bekommen hat – und einmal nicht für Halbleiter, sondern indem gezeigt wird, wie Taiwans Volk für Demokratie, Freiheit, Menschenrechte kämpft, und wie sehr wir uns wünschen, diese zu schützen.»

So begrüssen viele Taiwaner die internationale Aufwertung und den Rückschlag für Pekings Versuche, das Land in der Welt zu isolieren. Der Chef von Taiwans Meinungsforschungsinstitut (TPOF), You Ying-lung, meinte: «Selbst wenn China den Besuch Pelosi entschieden ablehnt und boykottiert, begrüsst die überwiegende Mehrheit der Taiwaner ihre Visite und würde von dieser Haltung auch nicht wegen des Drucks aus Peking zurückweichen.»

«Es war nie ruhig um Taiwan, und es war immer von China bedroht, so sind wir daran gewöhnt, aber das Ergebnis dieses Vorfalls ist, dass sich die meisten Taiwaner zuversichtlicher und geeinter fühlen», schildert der Meinungsforscher. «Ist es möglich, dass die Taiwaner wirklich immun gegen Chinas Militärübungen sind?», fragt er später listig auf Facebook und liefert gleich die Antwort: «Der Grund ist, dass wir schon viele solcher Injektionen zur Impfung hatten.»

Von Dennis Engbarth und Andreas Landwehr, dpa