«Schlüsselakteur für Sicherheit Europas» Die Türkei zwischen zwei Kriegen – Schweizer Botschafter erklärt die heikle Rolle

Dominik Müller

23.5.2026

Guillaume Scheurer trifft den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan kurz nach Amtsantritt als Botschafter im August 2024.
Guillaume Scheurer trifft den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan kurz nach Amtsantritt als Botschafter im August 2024.
Bild: Imago

Die Beziehungen zwischen Bern und Ankara reichen mehr als hundert Jahre zurück. Heute arbeiten die Schweiz und die Türkei in Bereichen wie Migration zusammen. Gleichzeitig sieht Botschafter Guillaume Scheurer die Türkei als zentralen Akteur für die Stabilität Europas.

Gregoire Galley

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  • Der Schweizer Botschafter Guillaume Scheurer bezeichnet die Beziehungen zwischen der Schweiz und der Türkei als stabil, vielfältig und strategisch wichtig.
  • Die Türkei spiele wegen ihrer geografischen Lage und ihrer Rolle in der Nato eine zentrale Rolle für die Sicherheit Europas und das regionale Gleichgewicht.
  • Gleichzeitig hätten die Konflikte im Nahen Osten spürbare Auswirkungen auf die türkische Wirtschaft.

Die Türkei steht wegen ihrer geopolitischen Rolle zwischen Europa, dem Nahen Osten und Russland im Fokus internationaler Debatten. Guillaume Scheurer, der Schweizer Botschafter in der Türkei, spricht über die bilateralen Beziehungen zwischen Bern und Ankara, die Rolle der Türkei in der Nato und die Auswirkungen der Konflikte im Nahen Osten auf die türkische Wirtschaft.

Seit wann bestehen diplomatische Beziehungen zwischen der Schweiz und der Türkei?

Guillaume Scheurer: Die diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden Nationen entstanden Ende des 19. Jahrhunderts mit der Eröffnung einer osmanischen Vertretung in Bern im Jahr 1899. Dann wurde 1925 ein Freundschaftsvertrag unterzeichnet. Im Jahr darauf übernahm die junge türkische Republik zudem das Schweizer Zivilgesetzbuch und das Obligationenrecht fast unverändert. Schliesslich eröffnete die Schweiz 1928 eine Gesandtschaft in Istanbul.

Ich möchte auch darauf hinweisen, dass wir im vergangenen Jahr in der Schweiz und in der Türkei mehrere Veranstaltungen organisiert haben, um den 100. Jahrestag der Unterzeichnung des Freundschaftsvertrags zu feiern. So haben sich also, kurz gesagt, die bilateralen Beziehungen zwischen den beiden Ländern nach und nach entwickelt.

Wie würden Sie die heutigen Beziehungen zwischen den beiden Ländern beschreiben?

Es handelt sich um solide, langjährige und vielfältige Beziehungen, die auf regelmässigen Dialogen und bedeutenden wirtschaftlichen Austauschbeziehungen beruhen. Die beiden Länder tauschen sich daher häufig über Fragen der Sicherheit, der Forschung, der Innovation oder auch der Migration aus. Die Präsenz einer bedeutenden türkischen Gemeinschaft in der Schweiz fördert zudem die Kontakte.

Die Schweizerische Flüchtlingshilfe (SFH) stellt fest, dass sich die Menschenrechtslage in der Türkei seit dem Putschversuch im Juli 2016 verschlechtert hat. Inwieweit können die Schweizer Behörden dazu beitragen, diesen Trend umzukehren?

Wie bei allen Ländern verfolgen wir einen Ansatz, der auf Dialog und Zusammenarbeit basiert. In diesem Sinne sprechen wir eine Vielzahl von Themen an, insbesondere solche im Zusammenhang mit den Menschenrechten, in den multilateralen Gremien, in denen die Schweiz und die Türkei Mitglieder sind. Ich denke dabei insbesondere an den Europarat, an die OSZE (Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, Anm. d. Red.), aber auch ganz einfach an unseren bilateralen Austausch.

Über diese verschiedenen Kanäle versuchen wir somit, konstruktiv zum Austausch mit den türkischen Partnern beizutragen. Generell ist die Schweiz davon überzeugt, dass Fortschritte im Bereich der Menschenrechte nur durch einen offenen bilateralen Dialog erzielt werden können.

«Die Türkei nimmt eine strategische Position ein»

Guillaume Scheurer

Schweizer Botschafter in der Türkei

Geografisch gesehen liegt die Türkei an der Schnittstelle zwischen den Konfliktgebieten des Krieges in der Ukraine und des Krieges im Nahen Osten. Welche Rolle spielt sie als Nato-Mitglied inmitten dieser Turbulenzen?

Tatsächlich ist das regionale Umfeld der Türkei sehr komplex. Als grosses Land, das sich über zwei Kontinente erstreckt, und als zweitgrösste Streitmacht der Nato nimmt die Türkei eine strategische Position ein und unterhält vielfältige Beziehungen zu ihren zahlreichen Nachbarn.

All dies ermöglicht es ihr, ein Schlüsselakteur für das regionale Gleichgewicht sowie für die Sicherheit Europas zu sein. Im Übrigen versucht die Türkei zunehmend, sich als wichtiger Vermittler zu profilieren.

Ist die Türkei für die Schweiz und Europa also eher ein verlässlicher Verbündeter als ein unberechenbarer Partner?

Die Türkei ist für die Schweiz ein wichtiger und verlässlicher Partner in einer langjährigen Beziehung, die sich seit dem Krieg gegen die Ukraine noch weiter gefestigt hat. Sie ist ein Schlüsselpartner in Bereichen wie Sicherheit, Handel, Energie oder Migration.

Diese Partnerschaft erfolgt in einem pragmatischen Rahmen, der die Prioritäten beider Seiten berücksichtigt, auch wenn es offensichtlich ist, dass es zunehmend zu einer Annäherung der Interessen kommt.

Welche Auswirkungen haben die Spannungen im Nahen Osten auf die türkische Wirtschaft?

Wie für fast alle Länder der Welt ohne Ausnahme haben diese regionalen Konflikte Auswirkungen auf mehrere Sektoren der türkischen Wirtschaft. All dies trägt zu einem komplizierteren und unsichereren wirtschaftlichen Umfeld bei, insbesondere durch die Auswirkungen auf die Energiekosten, den Handel und die Lieferketten, was sich letztlich auf die Inflation auswirkt.


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