«Die Uhr wurde gerade auf das 13. Jahrhundert zurückgestellt»

Von Philipp Dahm

17.8.2021

Exodus: Blockierte Ausfallstrassen in Kabul.
Screenshot: YouTube

Nicht nur Joe Biden, auch Donald Trump hat die Bühne für das Drama bereitet, das nun in Kabul aufgeführt wird, meint Stephen Colbert. Obwohl die USA hinter dem Abzug stünden, schmerzten die Bilder.

Von Philipp Dahm

17.8.2021

«Die USA sind 20 Jahre dort gewesen, wir haben zwei Billionen Dollar ausgegeben, wir haben eine 300'000 Mann starke afghanische Armee trainiert – und die Taliban haben alles in zehn Tagen übernommen.»

So beginnt der Monolog der «Late Show with Stephen Colbert» an jenem Tag, an dem Kabul gefallen ist. Die Bilder, die dann folgen, zeigen verstopfte Ausfallstrassen, den von Flüchtenden gefluteten Flughafen der Hauptstadt und einen Helikopter vom Typ Chinook, der Erinnerungen an die Evakuierung von Saigon weckt – als die USA Vietnam verliessen.

Afghanistan vs. Vietnam-Erinnerung: links ein Chinook in Kabul 2021, rechts ein Chinook in Saigon 1975.
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Diesmal würden die Taliban zwar versprechen, sich zu benehmen, erzählt Colbert – nur um dann zu melden, dass Taliban in Kandahar mit Waffen eine Bank gestürmt haben, um die weiblichen Angestellten nach Hause zu schicken. Ihre männlichen Verwandten sollen die Arbeit übernehmen, befahlen die Fanatiker.

Falsche Zeit

Keine gute Idee, glaubt der Moderator: «Mister Wilson, als Frau kann ich leider nicht die Operation an ihrem offenen Herzen durchführen – aber Sie sind bei meinem Cousin Dillon in besten Händen. Nein, ein Arzt ist er nicht. Aber ja, er hat einen Penis.»

Im folgenden eingespielten Newsclip ab Minute 2:19 wird Präsident Joe Biden kritisiert. Die «ABC»-Kommentatorin spricht von einem «massiven Geheimdienst-Versagen», weil den Behörden nicht klar gewesen sei, wie schnell die Taliban Oberhand gewinnen.

Das Weisse Haus hat mit der Publikation eines Fotos gegengesteuert, der den Demokraten in einer virtuellen Besprechung zeigt. «Doch alles, worüber die Leute reden konnten, war, dass die Uhr die falsche Zeit in London und Moskau angezeigt hat, was Verschwörungstheorien angeheizt hat, das Bild sei gestellt.»

Wer hat an der Uhr gedreht? Das PR-Bild des Weissen Hauses mit der virtuellen Konferenz von Joe Biden mit verschiedenen US-Behörden.
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Der Opa im Tagesraum

Und was macht der Gastgeber daraus? «Kommt schon, Leute, lasst uns nicht kleinlich sein: Die einzige Uhr, die zählt, ist in Afghanistan, und sie wurde gerade aufs 13. Jahrhundert zurückgestellt. Und wenn das Bild gestellt wäre, würden sie ihn dann allein an den Konferenztisch setzen? Offensichtlich gab es auch einen schnellen Rückzug von Joe Biden? Er sieht wie der eine Opa im Tagesraum aus, der Jeopardy guckt!»

Doch auch Colbert ist dem Präsidenten gegenüber kritisch: Noch am 8. Juli sagte Joe Biden, es sei «hochgradig unwahrscheinlich», dass die Taliban das Land schnell überrennen würden. «Das ist die schlechteste Vorhersage eines Präsidenten, seit Abe Lincoln sagte: ‹Wir sehen uns nach dem Stück!›» Zur Erklärung: Der 16. US-Präsident wurde während einer Theater-Aufführung erschossen.

Dass nun aber auch Donald Trump in den Chor der Kritiker einsteigt und gar Bidens Rücktritt fordert, findet Colbert dann auch «ziemlich irre». Denn der Einspieler ab Minute 4:42 zeigt einen Ex-Präsidenten, der sich auf einer Veranstaltung noch am 26. Juni damit brüstete, er habe den Abzug eingeleitet.

Trump hat dem Drama die Bühne bereitet

«Sie konnten diesen Prozess nicht stoppen», sagt Trump mit Blick auf seine Nachfolge-Administration süffisant. «Sie wollten es, aber es ist zu taff, den Prozess zu stoppen.» Colbert trocken: «So beschreibt er auch die Geburt [seines Sohnes] Eric.»

Der ungeliebte Sohn – Stephen Colberts Karikatur von Eric Trump.
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Dabei sei es ebenso Trumps Rückzug, weil der die US-Truppen bereits von 15'000 auf 2500 reduziert habe. «Der Waffenstillstand, den er ausgehandelt hat, wurde direkt mit den Taliban geschlossen. Er hat die afghanische Regierung nicht mal miteinbezogen. Dann ging er zurück und überzeugte die afghanischen Regierung, 5000 gefangene Taliban freizulassen.» Und er habe eigentlich bereits zum 1. Mai abziehen wollen.

Trump habe die Bühne zum Afghanistan-Drama bereitet, betont der Gastgeber: «Es ist, als würde Andrew Lloyd Webber ‹Cats› einen schrecklichen Film nennen: Du hast ein Musical ohne Handlung geschrieben, was glaubst du, wo das wohl endet???»

Erst klären, dann bewaffnen

20 Jahre hätten US-Soldaten gekämpft und gelitten, um zu verhindern, dass Terrorattacken auf die USA im Ausland geplant würden, so Colbert. «Warum sollten unsere Soldaten Radikale in Afghanistan bekämpfen, wenn wir auf dem Kapitol unsere eigenen haben?», fragt er mit Blick auf die Ereignisse am 6. Januar.

Kinder und Kriminelle sind unschuldig – mit Blick auf die Afghanistan-Politik, mein Colbert.
Screenshot: YouTube

Joe Biden verteidigte sich bei seiner Rede damit, die USA hätten den Afghanen jegliches Material gegeben, doch am Ende habe denen der Wille zum Kampf gefehlt. «Vielleicht hätten wir bei der afghanische Arme abklären sollen, ob sie kämpfen wollen, bevor wir ihnen die Werkzeuge und Waffen gegeben haben, denn jetzt haben die Taliban Willen und Waffen.»

Doch der Rückzug sei eigentlich Konsens in der US-Gesellschaft: Noch im Juli haben 70 Prozent den Abzug befürwortet, weiss der 57-Jährige. «Wissen sie, auf wie wenig Dinge sich 70 Prozent der Amerikaner einigen können?» Den Einsatz hätten beide Parteien verbockt, schimpft der dreifache Familienvater.

Late Night USA – Amerika verstehen

Colbert endet ernst

«Niemand wollte in den letzten zehn Jahren über Afghanistan reden», stellt der «CBS»-Angestellte fest. Dafür seien auch die verantwortlich, die die Politiker beider Parteien zuletzt gewählt hätten. «Kinder und Kriminelle sind also raus», scherzt Colbert mit Blick auf jene, die nicht abstimmen dürfen. «Und Danke fürs Zuschauen!»

Vielleicht habe es tatsächlich keine Alternative zum Abzug gegeben. «Hätten wir Afghanistan zum 51. Bundesstaat der USA machen sollen? Sie haben [immerhin] bessere Covid-Fallzahlen als Florida.» Doch am Ende wird der Washingtoner nochmals ernst und sagt Richtung Biden: «Sie können uns vielleicht weismachen, dass es keine gute Alternative gibt, aber Sie können nicht dafür sorgen, dass wir uns dabei gut fühlen.»

Und: «In den letzten 20 Jahren haben vier verschiedene Administrationen dem amerikanischen Volk erzählt, sich um die Misere des afghanischen Volkes und insbesondere der Frauen zu kümmern. Und wir haben uns gekümmert. Und das wird sich nicht ändern. Was sich geändert hat, ist, dass wir jetzt nichts mehr tun können. Da rauszugehen mag also das Richtige sein, aber es bricht einem das Herz. Es ist ernüchternd, wenn sich eine richtige Sache so falsch anfühlt.»