Vergessene Retterin des Warschauer Ghettos Diese Frau holte tausende Kinder aus der Nazi-Hölle – und doch kennt sie fast niemand 

Jenny Keller

9.2.2026

Irena Sendler an Heiligabend 1944. Die Anti-Nazi-Aktivistin rettete 2500 jüdische Kinder aus dem Warschauer Ghetto.
Irena Sendler an Heiligabend 1944. Die Anti-Nazi-Aktivistin rettete 2500 jüdische Kinder aus dem Warschauer Ghetto.
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Sie rettete rund 2500 jüdische Kinder vor dem sicheren Tod und schwieg jahrzehntelang darüber. Irena Sendler gehört zu den bedeutendsten Helferinnen des Holocaust – und ist bis heute vergleichsweise wenig bekannt.

Jenny Keller

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  • Irena Sendler rettete rund 2500 jüdische Kinder aus dem Warschauer Ghetto.
  • Sie arbeitete für die polnische Untergrundorganisation Żegota.
  • Die Gestapo folterte sie 1943 schwer und verurteilte sie zum Tod.
  • Nach dem Krieg schwieg sie jahrzehntelang über ihre Taten.
  • Erst ab den 1990er-Jahren wurde sie international bekannt.

Mitten im besetzten Warschau betritt eine Frau täglich einen Ort, aus dem es kaum ein Zurück gibt. Bewaffnet nur mit einem Ausweis, einem falschen Vorwand und dem Entschluss, Kinder zu retten, schleuste Irena Sendler während der deutschen Besatzung Polens tausende jüdische Kinder aus dem Warschauer Ghetto.

Als Deutschland 1939 Polen überfiel, war Sendler knapp 30 Jahre alt. «Ganz Polen ertrank im Blut», erinnerte sie sich später, «aber das jüdische Volk litt am meisten – und die jüdischen Kinder waren am verletzlichsten.»

Ankündigung der Todesstrafe für unbefugtes Verlassen der jüdischen Wohnbezirke, Warschau 10. November 1941.
Ankündigung der Todesstrafe für unbefugtes Verlassen der jüdischen Wohnbezirke, Warschau 10. November 1941.
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Im Warschauer Ghetto waren zeitweise bis zu 450'000 Menschen auf engstem Raum eingesperrt, oft mit weniger als einem Quadratmeter Wohnfläche pro Person. Hunger, Krankheiten und Gewalt gehörten zum Alltag, die tägliche Lebensmittelration lag weit unter dem Existenzminimum, viele starben an Entkräftung oder Seuchen.

Rettung unter Vorwand der Seuchenbekämpfung

1910 in Warschau geboren, nutzte Sendler als Pflegerin und Sozialarbeiterin der Stadt Warschau während der deutschen Besatzung ihre offizielle Funktion, um Zugang zum Warschauer Ghetto zu erhalten.

Unter dem Vorwand der Seuchenbekämpfung brachte sie Lebensmittel, Kleidung, Geld und Medikamente hinein – und begann bald, Kinder aus den lebensbedrohlichen Bedingungen hinauszuschmuggeln. Dabei riskierte die Polin selber Folter und Tod. Während ihrer Arbeit im Ghetto trug Sendler eine Armbinde mit dem Davidstern – als Zeichen ihrer Solidarität mit den Jüdinnen und Juden und um kein Aufsehen zu erregen.

1942 arbeitete Irena Sendler als Sozialarbeiterin im besetzten Warschau – nach aussen Teil der Verwaltung, im Verborgenen eine der wichtigsten Helferinnen jüdischer Kinder im Ghetto.
1942 arbeitete Irena Sendler als Sozialarbeiterin im besetzten Warschau – nach aussen Teil der Verwaltung, im Verborgenen eine der wichtigsten Helferinnen jüdischer Kinder im Ghetto.
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Gemeinsam mit der Untergrundorganisation Żegota, dem sogenannten «Rat zur Unterstützung der Juden», organisierte Sendler unter ihrem Decknamen «Jolanta» Fluchtwege. Die 1942 gegründete Widerstandsstruktur war Teil des polnischen Untergrunds und widmete sich der Rettung von Jüdinnen und Juden.

Flucht in Särgen

Kinder wurden in Krankenwagen aus dem Ghetto gebracht, in Werkzeugkisten oder sogar Särgen verborgen oder über Hinterhöfe und Abwasserkanäle hinausgeschleust. Für jedes Kind musste ein sicherer Ort gefunden werden, eine nicht-jüdische Pflegefamilie, ein Kloster oder ein Waisenhaus.

Ein Kind liegt auf einem Trottoir im Warschauer Ghetto. Die Aufnahme entstand im Mai 1941 durch einen Angehörigen der deutschen Propagandakompanie 689.
Ein Kind liegt auf einem Trottoir im Warschauer Ghetto. Die Aufnahme entstand im Mai 1941 durch einen Angehörigen der deutschen Propagandakompanie 689.
Wikimedia / Bundesarchiv

Um die Schreie der Kinder vor den NS-Wachen zu übertönen, begleitete Sendler manchmal ein Hund. Näherte sie sich den Posten, trat sie dem Tier auf die Pfote, sodass lautes Bellen die Stimmen der Kinder überdeckte und die Wachen ablenkte.

Parallel dazu beschaffte Sendler gemeinsam mit dem Netzwerk Żegota für tausende polnische Jüdinnen und Juden gefälschte Ausweispapiere, organisierte Verstecke, finanzielle Unterstützung, medizinische Versorgung und Lebensmittel. Jede dieser Handlungen konnte den Tod bedeuten – für die Geretteten ebenso wie für jene, die ihnen halfen.

«Die Kinder mussten drei Tragödien durchleben»

Sendler hielt die echten Namen der Kinder, ihre neuen Identitäten und die Orte ihrer Unterbringung auf kleinen Zetteln fest. Diese Dokumente versteckte sie in verschlossenen Gläsern, die sie im Garten einer befreundeten Familie in Warschau vergrub. Sie hoffte, nach dem Krieg mithilfe dieser Listen die überlebenden Kinder zu ihren Eltern oder Verwandten zurückbringen und ihnen ihre wahre Herkunft zurückgeben zu können.

Diese Hoffnung erfüllte sich nur selten. Viele Eltern waren im Vernichtungslager von Treblinka ermordet worden. Für zahlreiche Kinder blieben die vergrabenen Namen der einzige Beweis ihrer früheren Existenz.

Gefangene jüdische Bewohnerinnen und Bewohner des Ghettos werden von der SS durch brennende Strassen abgeführt – Deportationen nach dem Aufstand im Warschauer Ghetto im April 1943.
Gefangene jüdische Bewohnerinnen und Bewohner des Ghettos werden von der SS durch brennende Strassen abgeführt – Deportationen nach dem Aufstand im Warschauer Ghetto im April 1943.
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«Die Kinder mussten drei Tragödien durchleben», sagte Sendler Jahrzehnte später in einem Interview. «Zuerst wurden sie ihren Familien entrissen, dann ihren Pflegefamilien – und schliesslich in Heime oder Klöster gebracht.»

Verhaftung und Folterung durch Nazis

1943 wurde Sendler schliesslich von der Gestapo verhaftet und schwer gefoltert. Ihre Beine und Füsse wurden so stark verletzt, dass sie ihr Leben lang an den Folgen litt und zeitweise nur mit Krücken gehen konnte.

Nachdem sie den Nationalsozialisten keine Informationen, keinen einzigen Namen, preisgegeben hatte, verurteilten diese sie zum Tod. Durch Bestechung eines Gestapo-Beamten gelang es dem Widerstand Żegota jedoch, ihre Hinrichtung zu verhindern. In den Akten wurde sie als «erschossen» geführt.

Fortan lebte Sendler unter falschem Namen im Untergrund. Öffentlich durfte sie nicht mehr auftreten, ihre aktive Rolle bei den Rettungsaktionen war stark eingeschränkt. Dennoch arbeitete sie im Verborgenen weiter für Żegota und koordinierte Hilfeleistungen, soweit es ihr gesundheitlicher Zustand zuliess. Dass sie überlebte, war eine Ausnahme. Viele andere Helferinnen und Helfer des Netzwerks wurden entdeckt, deportiert oder ermordet.

Unbekannte Heldin

Während die Rettungstaten des Industriellen Oskar Schindler in den 1990er-Jahren durch Steven Spielbergs Film «Schindlers Liste» weltweit bekannt wurden, blieb das Wirken von Irena Sendler lange ausserhalb der öffentlichen Wahrnehmung. Dabei rettete sie unter extremen Bedingungen zahlreiche Menschenleben – vor allem Kinder – und tat dies fast vollständig im Verborgenen.

Gedenkplakette für Irena Sendler in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem.
Gedenkplakette für Irena Sendler in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem.
imago/newspix

Dass Sendler jahrzehntelang kaum bekannt war, hat mehrere Gründe. Sie selbst sprach selten über ihre Taten und verstand ihr Handeln nicht als Heldentum, sondern als moralische Selbstverständlichkeit. Zudem passte ihre Geschichte nach dem Krieg weder in das offizielle Geschichtsbild des kommunistischen Polens noch in den westlich geprägten Fokus auf bewaffneten oder männlich dominierten Widerstand.

Erst in den 1990er-Jahren begann sich das zu ändern. Schülerinnen aus dem US-Bundesstaat Kansas stiessen bei Recherchen zufällig auf ihren Namen und machten ihre Geschichte international bekannt. In Polen selbst setzte eine breitere öffentliche Würdigung erst deutlich später ein.

Historiker*innen weisen darauf hin, dass weiblicher Widerstand lange systematisch unterschätzt wurde. Rettung, Fürsorge und ziviler Mut galten nicht als «klassische» Heldentaten – ein blinder Fleck der Erinnerungskultur.

Kinder flüsterten nach Brot

Das Grauen liess sie auch Jahrzehnte später nicht los. Irena Sendler sprach vor ihrem Tod von Bildern, die ihr geblieben waren: von «skelettartig dünnen Kindern, die auf den Strassen des Ghettos lagen und leise nach Brot flüsterten».

Wandbild zu Ehren von Irena Sendler (1910–2008), die im besetzten Warschau jüdische Kinder aus dem Ghetto schmuggelte und sie mit falschen Papieren und sicheren Verstecken vor dem Holocaust rettete.
Wandbild zu Ehren von Irena Sendler (1910–2008), die im besetzten Warschau jüdische Kinder aus dem Ghetto schmuggelte und sie mit falschen Papieren und sicheren Verstecken vor dem Holocaust rettete.
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Was sie getan habe, sei für sie nie Heldentum gewesen. «Was immer ich tat, hatte seine Wurzeln in meinem Elternhaus», sagte Sendler in einem Interview. Dort habe sie gelernt, dass Menschen nicht nach Herkunft, Religion oder Nationalität zu beurteilen seien.

Irena Sendler erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Titel «Gerechte unter den Völkern» von Yad Vashem. Sie wurde für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen, erhielt ihn jedoch nicht. 2008 starb sie im Alter von 98 Jahren.