«Unverschämter Vergleich»Merz beleidigt Brasilianer – und tut so, als wäre nichts gewesen
dpa
19.11.2025 - 20:49
Friedrich Merz hat den Zorn zahlreicher Brasilianer*innen auf sich gezogen. (Archivbild)
Kay Nietfeld/dpa
Nach negativen Aussagen über Belém, den Austragungsort der Klimakonferenz zeigt sich Brasilien empört von Friedrich Merz. Der weigert sich, sein Fehlverhalten anzuerkennen – und sich zu entschuldigen.
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DPA, Redaktion blue News
19.11.2025, 20:49
19.11.2025, 20:58
dpa
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Der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz hat in einem Interview betont, wie froh er und die deutschen Journalist*innen gewesen wären, als sie die Belém wieder verlassen konnten.
Deutschland hingegen sei eines der «schönsten Länder der Welt».
In Brasilien wurde die Aussage des Kanzlers mit Empörung aufgenommen. Sogar Präsident Lula meldete sich zu Wort.
Merz sieht die deutsch-brasilianischen Verhältnisse als weiterhin unbelastet an und weigert sich, eine Entschuldigung abzugeben.
Am Wochenende wird er Lula beim G20-Gipfel in Johannesburg treffen.
Der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz sieht das deutsch-brasilianische Verhältnis durch seine viel kritisierte Äusserung über die brasilianische Millionenstadt Belém nicht als belastet an.
«Ich habe gesagt, Deutschland ist eines der schönsten Länder der Welt, und das wird vermutlich auch Präsident Lula so akzeptieren», sagte der CDU-Vorsitzende bei einer Pressekonferenz mit dem schwedischen Ministerpräsidenten Ulf Kristersson in Berlin.
Er werde am Wochenende beim G20-Gipfel im südafrikanischen Johannesburg «völlig unbelastet» mit dem brasilianischen Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva sprechen. Zuvor hatte bereits Regierungssprecher Stefan Kornelius gesagt, dass Merz sich nicht entschuldigen werde.
«Unglücklich, arrogant und voreingenommen»
Der deutsche Regierungschef hatte sich nach seinem Besuch bei der Klimakonferenz in Belém auf einem Handelskongress in Berlin zu seinen Eindrücken von der armen Millionenstadt am Amazonas geäussert.
«Ich habe einige Journalisten, die mit mir in Brasilien waren, letzte Woche gefragt: Wer von euch würde denn gerne hierbleiben? Da hat keiner die Hand gehoben», sagte er. «Die waren alle froh, dass wir vor allen Dingen von diesem Ort, an dem wir da waren, in der Nacht von Freitag auf Samstag wieder nach Deutschland zurückgekehrt sind.» Man lebe in Deutschland «in einem der schönsten Länder der Welt».
Der letzte Satz war die Botschaft, die Merz mit seiner Äusserung verbinden wollte. In Brasilien kam das ganz anders an. Mit einigen Tagen Verzögerung brach sich die Empörung Bahn.
Etliche brasilianische Medien griffen die Bemerkung auf. Das Nachrichtenportal «Diário do Centro do Mundo» schrieb von einem «unverschämten Vergleich». Auch der Bürgermeister der Stadt reagierte auf Merz' Aussagen und bezeichnete diese als «unglücklich, arrogant und voreingenommen».
Lula: Merz hätte in Belém tanzen sollen
Der Bürgermeister von Rio de Janeiro, Eduardo Paes, postete Berichten zufolge auf X, er sei «nicht so höflich» wie seine Freunde in Pará, und schrieb zu Merz: «Sohn von Hitler! Mistkerl! Nazi!» Den Post löschte er kurz darauf wieder und schrieb stattdessen: «Das war mein heutiger Frustabbau. Bleibt ruhig im Aussenministerium. Es lebe die Freundschaft zwischen Brasilien und Deutschland.»
Auch Lula meldete sich zu Wort. Merz hätte in eine Bar gehen, dort tanzen und die lokale Küche probieren sollen, «denn dann hätte er gemerkt, dass Berlin ihm nicht einmal zehn Prozent der Qualität bietet, die der Bundesstaat Pará und die Stadt Belém bieten», sagte er.
Lula hatte die selbst für brasilianische Verhältnisse arme Stadt Belém bewusst als Gastgeberstadt ausgewählt, trotz grosser logistischer Probleme wie zu wenig Hotelbetten. Dem linken Politiker geht es darum, der Welt die Klimakrise am Amazonas vor Augen zu führen, und zugleich die harte soziale Realität in einer Millionenmetropole im Globalen Süden.
Friedrich Merz hat es in Belém nicht sonderlich gefallen.
Bild: Eraldo Peres/AP/dpa
Merz war nur 20 Stunden in Belém
Merz hielt sich nur rund 20 Stunden in Bélem auf. Er flog mit seinem Regierungsflieger abends von Deutschland nach Brasilien ab und kam in der Nacht in Belém an. Am nächsten Tag folgte ein eintägiges Programm auf der Klimakonferenz, die in einem riesigen, abgeschotteten Kongresszentrum stattfindet.
Seine Eindrücke von der Stadt gewann Merz vor allem auf den Kolonnenfahrten vom und zum Flughafen. Am Abend gab es allerdings noch eine Bootstour zu einem Restaurant am Amazonas, wo er zu einem Abendessen mit Wirtschaftsvertretern verabredet war.
Die Szene, die Merz beim Handelskongress schilderte, spielte bei einem Hintergrundgespräch mit Journalisten in seinem Vier-Sterne-Hotel. «Die Bemerkung bezog sich im Kern auf den Wunsch der Delegation nach einem sehr anstrengenden Nachtflug und einem langen Tag in Belém auch, die Rückreise wieder anzutreten», sagte Kornelius.
«Kleine Hierarchisierung» der schönsten Länder der Welt
Der Regierungssprecher widersprach der Lesart, dass sich der Kanzler «missfallend» oder gar «angewidert» über die Stadt am Amazonas geäussert habe. «Er hat gesagt, wir leben in einem der schönsten Länder der Welt und das hat er auf Deutschland bezogen», erläuterte Kornelius.
Brasilien gehöre zwar sicherlich auch zu den schönsten Ländern der Welt. «Aber, dass der deutsche Bundeskanzler hier eine kleine Hierarchisierung vornimmt, ist, glaube ich, jetzt nicht verwerflich.»
In Deutschland erinnerten sich trotzdem einige an eine Debatte, die Merz eigentlich für überwunden gehalten hatte. Dass Merz im Zusammenhang mit Migration von Problemen im Stadtbild in Deutschland gesprochen hatte, wird ihn wohl seine ganze Amtszeit verfolgen. Der «Spiegel» überschrieb seinen allmorgendlichen Newsletter mit der Schlagzeile «Merz gefällt das Stadtbild in Brasilien nicht».
Umweltminister schwärmt von «grossartiger Stadt»
Es gab einzelne Forderungen nach einer Entschuldigung, etwa von der Linken und von Greenpeace. «Langsam fragt man sich, ob der Kanzler überhaupt noch irgendwo auftreten kann, ohne Deutschland in Erklärungsnot zu bringen», sagte die Co-Vorsitzende der Grünen-Bundestagsfraktion, Katharina Dröge, der Deutschen Presse-Agentur. «Das Bild, das der Kanzler bei seiner Brasilienreise abgegeben hat, war fatal: aussenpolitisch taktlos, klimapolitisch ambitionslos und gegenüber Brasilien schlicht respektlos.»
Umweltminister Carsten Schneider wurde auf der Konferenz von brasilianischen Journalisten in die Mangel genommen. «Belém ist der beste Austragungsort, den man sich für eine Konkurrenz vorstellen kann, wo es um das Weltklima geht», sagte er – nicht nur mit Blick auf den Amazonas, sondern auch die Lebendigkeit und «Seele» der Stadt.
Er selbst habe Lulas Ratschlag befolgt und die Natur und «Herzlichkeit der Menschen» in der Region kennengelernt. «Was ich nicht gemacht habe, ist Tanzen. Ich glaube, das wird mit meinem Kalender auch nichts mehr.»
Am Nachmittag traf Schneider Lula. «Ich hab ihn gebeten, Präsident Lula meine herzlichen Grüsse auszurichten», sagte Merz. Er selbst freue sich auf sein Gespräch mit Lula beim G20 in Johannesburg.