«Gern hierbleiben»Wie Merz mit einer Bemerkung ein ganzes Land in Rage bringt
Sven Ziegler
20.11.2025
Bundeskanzler Merz landet in Belem zur Weltklimakonferenz COP30
Kay Nietfeld/dpa
Mit einem Spruch über die COP30-Gastgeberstadt Belém hat Bundeskanzler Friedrich Merz einen diplomatischen Flurschaden angerichtet. Brasiliens Präsident Lula kontert mit Spott. Umweltminister Carsten Schneider versucht in Belém zu retten, was zu retten ist.
Kanzler Friedrich Merz hat Belém nach seinem Kurzbesuch auf der Klimakonferenz in Brasilien abwertend dargestellt und damit Empörung ausgelöst.
Brasiliens Präsident Lula reagiert mit einem bissigen Konter, während Umweltminister Carsten Schneider in Belém persönlich Schadensbegrenzung betreibt.
Merz sieht die Beziehungen zu Brasilien nicht beeinträchtigt, lehnt eine Entschuldigung ab.
Merz betont, er habe nur Deutschland loben wollen.
Ausgangspunkt des Eklats ist ein Auftritt von Friedrich Merz nach seinem Kurzbesuch bei der Klimakonferenz COP30 in Belém. Bei einem Handelskongress in Berlin erzählte der Kanzler, er habe die mitreisenden Journalistinnen und Journalisten gefragt, wer von ihnen «gern hierbleiben» wolle. Niemand habe sich gemeldet, alle seien froh gewesen, wieder nach Deutschland zurückzukehren.
Die Pointe, die Merz daraus zog: Man lebe in Deutschland «in einem der schönsten Länder der Welt». Was als Lob des eigenen Landes gedacht war, klang in Brasilien wie eine Abwertung der Gastgeberstadt der Klimakonferenz – einer armen Millionenmetropole, die mitten im Amazonasgebiet liegt und für viele Brasilianerinnen und Brasilianer symbolisch für den Kampf um den Regenwald steht.
Wie reagiert Brasilien?
In Brasilien schlugen die Worte von Merz schnell hohe Wellen. Medien und Politiker warfen dem deutschen Kanzler Voreingenommenheit und Arroganz vor, in sozialen Netzwerken war von einem kolonialen Blick die Rede. Einzelne Kommunalpolitiker schossen weit übers Ziel hinaus und belegten Merz mit historischen Vergleichen und Beschimpfungen, die in Deutschland wiederum Kopfschütteln hervorriefen.
Entscheidend war: Belém ist für die brasilianische Regierung ein Prestigeprojekt. Die COP30 mitten in der Amazonasregion soll zeigen, dass das Land Klimapolitik ernst nimmt – und zugleich Investoren und Staatschefs in den Norden Brasiliens holen, der lange als abgehängt und von Rohstoffausbeutung geprägt galt. Wer diese Stadt öffentlich herabsetzt, trifft damit schnell nationale Empfindlichkeiten und die politische Inszenierung von Präsident Luiz Inácio Lula da Silva.
Wie hat Präsident Lula reagiert?
Lula nutzte den Ball, den Merz ihm zugespielt hatte, für einen eigenen Auftritt. Hätte der Kanzler in Belém eine Bar besucht, dort gegessen und getanzt, hätte er gemerkt, «dass Berlin ihm nicht einmal zehn Prozent der Qualität bietet, die der Bundesstaat Pará und die Stadt Belém bieten», spottete Lula.
An der Weltklimakonferenz kam es auch zu Protesten.
Keystone/EPA/Andre Coelho
Der Unterton war klar: Lula dreht die Erzählung um – nicht Brasilien wirkt abgewertet, sondern Deutschland. Und der Witz funktioniert innenpolitisch: Der Präsident inszeniert sich als Verteidiger einer stolzen, lebensfrohen Amazonas-Metropole gegen einen europäischen Regierungschef, der Belém vor allem als anstrengend und arm wahrgenommen habe.
Zugleich sendete Lula damit ein Signal an andere Staaten des globalen Südens: Wer nach Brasilien kommt, sollte nicht nur im Konferenzzentrum stehen, sondern auch die Realität vor Ort ernst nehmen – von der Hitze bis zu den sozialen Widersprüchen in Belém.
Wie versucht Deutschland, den Schaden einzudämmen?
Während Merz zurück in Berlin erklärt, er sehe das Verhältnis zu Brasilien «völlig unbelastet», muss Bundesumweltminister Carsten Schneider in Belém direkt bei Lula vorsprechen. Nach AFP-Angaben übermittelte Schneider dem Präsidenten persönlich die Grüsse des Kanzlers – verbunden mit der Bitte, das Thema nicht weiter zu vertiefen.
Schneider stellte sich demonstrativ vor die Gastgeberstadt. Es gebe für Kritik an Belém «keine Substanz», sagte er. Belém sei «der beste Austragungsort, den man sich für eine Konferenz vorstellen kann, wo es um Weltklima geht», schliesslich grenze die Stadt direkt an den Amazonas-Regenwald, sei lebendig und habe «eine Seele».
Zugleich versicherte Schneider, dass Lula und Merz am Wochenende beim G20-Gipfel in Johannesburg persönlich miteinander sprechen würden – und dass Lula zugesagt habe, im kommenden Jahr zur Hannover Messe nach Deutschland zu kommen. Es ist der Versuch, über konkrete Treffen und Projekte hinweg zu zeigen: Strategisch brauchen sich Brasilien und Deutschland gegenseitig, ungeachtet eines missglückten Kanzler-Spruchs.
Was sagt Merz?
In Berlin bemüht sich Merz derweil, die Aufregung kleinzureden. Er habe bloss gesagt, Deutschland sei «eines der schönsten Länder der Welt», erklärte er bei einer Pressekonferenz mit Schwedens Regierungschef Ulf Kristersson. Präsident Lula werde das «vermutlich auch so akzeptieren». Eine Entschuldigung brauche es aus seiner Sicht nicht; auch die deutsch-brasilianischen Beziehungen seien durch die Affäre nicht beschädigt.
Regierungssprecher Stefan Kornelius sekundiert und weist die Lesart zurück, der Kanzler habe sich angewidert über Belém geäussert. Merz habe lediglich eine «kleine Hierarchisierung» der schönsten Länder vorgenommen – Deutschland vorn, Brasilien aber ebenfalls weit oben.
Dass dies in Brasilien trotzdem anders ankommt, zeigt, wie dünn die Linie ist zwischen innenpolitisch gemeintem Heimat-Pathos und aussenpolitisch als Arroganz wahrgenommenen Aussagen.
Zusätzlich steht Merz innenpolitisch unter Beobachtung: Kommentare sprechen vom «Laber-Kanzler», der immer wieder mit unbedachten Formulierungen auffällt, während SPD-Chef Lars Klingbeil sich zuletzt «mehr sensible Männer in der Politik» wünschte. Dass Klingbeil das Verhältnis zum Kanzler gleichzeitig als «sehr gut» beschreibt, ändert wenig daran, dass Merz’ Wortwahl nun zum wiederholten Mal zum Problem geworden ist – und nicht nur in Deutschland debattiert wird.
Livestream geht viral: So werden Klapperschlangen plötzlich sympathisch
Vom gefürchteten Tier zum Internetstar. Das Projekt RattleCam will das Image von Schlangen aufbessern und zeigt die Reptilien im Livestream so nahbar wie nie zuvor.