«Eine Volkspartei muss nicht den peppigsten Politiker aufstellen»

Von Andreas Fischer

21.4.2021

Armin Laschet erklärte am Montagabend in einer Sondersitzung des CDU-Vorstands erneut seine Kanzlerkandidatur.
Armin Laschet hat allen Grund zu lachen: Er ist jetzt deutscher Kanzlerkandidat. Allerdings sollte er nun schleunigst an seinem Image arbeiten.
Michael Kappeler/dpa

Armin Laschet will deutscher Bundeskanzler werden. Ein Mann, der bisweilen so wirkt, wie sein Nachname klingt. Für den kann er nichts, für sein Image hingegen viel. Zwei Kommunikationsexperten analysieren das Potenzial des Rheinländers.

Von Andreas Fischer

21.4.2021

In seinem politischen Leben ist Armin Laschet schon oft unterschätzt worden. Doch in diesem Jahr startet der 60-jährige deutsche Politiker durch. Erst wählte ihn im Januar ein Online-Parteitag der CDU zum neuen Parteivorsitzenden. Und nun steht der nordrhein-westfälische Ministerpräsident nach einem scharfen Machtkampf mit CSU-Chef Markus Söder als Kanzlerkandidat der Union fest und will im Herbst Angela Merkel im Amt beerben.

Laschet gilt als Vertreter von «Mass und Mitte»: Das Polarisieren ist seine Sache nicht. «Man kann sich einen Gummiball vorstellen, der in seine Form zurückspringt, nachdem er eingedrückt wurde», schreibt «Der Spiegel» über den Mann, dessen Image dem einer grauen, ziellos umherirrenden Maus ähnelt. Ein Problem muss das nicht werden, analysieren die Kommunikations-Experten Professor Christian Hoffmann und Konrad Göke und weisen darauf hin, dass Politiker Wahrnehmungsprobleme am besten mit einem klaren politischen Profil lösen.

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Prof. Christian Hoffmann ist Professor für Kommunikationsmanagement am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig und verantwortet am Institut für Politikwissenschaft die Lehre im Bereich der politischen Kommunikation.

Die Union hält Armin Laschet trotz schwacher Umfragewerte für den besseren Kanzlerkandidaten als Markus Söder. Warum?

Prof. Christian Hoffmann: Das Image von Armin Laschet ist sehr stark von der Corona-Pandemie geprägt. In der medialen Darstellung wurden Laschet und Markus Söder wie ein Gegensatzpaar porträtiert. Söder war der harte Hund, der lautstark immer härtere Lockdown-Massnahmen forderte. Laschet sprach sich eher für eine zurückhaltende Politik aus. Es gab in Deutschland immer eine substanzielle Minderheit, die härtere Massnahmen wollte. Deswegen hat Söder in der öffentlichen Wahrnehmung mehr gepunktet.

Laschet als Kanzlerkandidat ist bisher ein unbeschriebenes Blatt: Für viele Deutsche muss Armin Laschet erst noch ein Bild von sich zeichnen, sich ein Image verpassen. Im Moment weiss die Öffentlichkeit nicht, was er für ein Politiker ist, welchen Führungsstil man erwarten kann, wofür er eigentlich steht.

Ich empfand das Starren auf die Popularitätswerte von Laschet und Söder in den letzten Wochen als ziemlich irreführend: Sie sagen vor allem etwas aus über ihre Corona-Politik und weniger darüber, ob sie qualifizierte Politiker sind, ob sie Führungskompetenzen haben und man sie sich im Kanzleramt vorstellen kann.

Wie entscheidend ist das öffentliche Image bei einer Wahl?

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Konrad Göke ist Chefredakteur des in Berlin erscheinenden Fachmagazins «Politik & Kommunikation», das sich mit politischen Strategien, Machttechniken und Kampagnen beschäftigt.

Konrad Göke: Bilder sind wichtig, ja. Aber sie erzählen keine Geschichten, sondern illustrieren sie nur. Es kommt immer darauf an, die eigene Geschichte so zu erzählen, dass man sie nicht mit einem unvorteilhaften Bild negativ verstärkt. Sonst können sich Narrative wie «Bei ihm läuft alles schief» ganz schnell verselbständigen. Armin Laschet sollte also darauf hinarbeiten, eine positive Kandidatengeschichte zu erzählen. Annalena Baerbock macht das vor, indem sie sich als aufstrebenden Stern inszeniert.

Hoffmann: Armin Laschet hat wie alle Politiker, die sich für moderate Corona-Massnahmen ausgesprochen haben, das Problem, dass er immer wieder Lockerungen zurücknehmen musste: Darin liegt die Wahrnehmung begründet, dass er sprunghaft sei. In dieser Hinsicht ist er in einem kommunikativen Rückstand. Er muss sich nun von der Corona-Politik als Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen emanzipieren und in relativ kurzer Zeit vermitteln, was er für ein Bundeskanzler sein würde.

Wäre Söder deswegen nicht der besser Kandidat für die in Umfragen kriselnde Union? Der Mann inszeniert sich als Macher, ihm trauen auch viel mehr Menschen zu, das Land zu führen.

Göke: Im Wahlkampf ist das nicht von der Hand zu weisen, wenn man nur die Zahlen betrachtet. Ein Mann wie Söder strahlt aus, dass alles Chefsache ist und er seinen Laden fest im Griff hat. Das spricht natürlich die Wählenden an. Die Philosophie bei Laschet ist eine ganz andere: Er gibt sich als Integrator, versucht verschiedene Flügel einzubinden, jeder bekommt eine Bühne. Das ist für künftige Koalitionspartner natürlich sehr attraktiv. Gegen Laschet werden die Grünen zum Beispiel keine Front aufmachen.



Hoffmann: Die Union befindet sich nicht erst seit Laschet in einem Abwärtstrend und hat seit einigen Jahren auf der konservativen Seite an Wählerzuspruch verloren. Auf der anderen Seite stösst das Zugewinnpotenzial bei jungen, bei urbanen, bei weiblichen Wählenden an Grenzen. Die Partei steckt, unabhängig von Armin Laschet, in einer strategischen Zwickmühle.

Es ist daher für Laschet ohnehin ein Problem, ein attraktives, neues Profil für die Partei zu entwickeln, zumal sich die Wahrnehmungsprobleme der CDU vor dem Hintergrund von Corona und dem unprofessionellen Hickhack um die Kanzlerkandidatur noch einmal verschärft haben.

Das machen andere Parteien besser: Annalena Baerbock von den Grünen kommt zeitgemäss, zupackend, mit klaren Positionen rüber. Hat sie nun leichtes Spiel?

Hoffmann: Die Grünen profitieren umgekehrt zur Union schon seit einer ganzen Weile von einem Aufwind, der gar nicht mal so viel mit ihrer Personalentscheidung zu tun hat. Sie werden als relevanteste Oppositionspartei wahrgenommen. Die Wählenden suchen in den Grünen eine Alternative zu einer abgekämpften grossen Koalition. Zudem profitieren die Grünen davon, dass Annalena Baerbock und ihr Co-Vorsitzender Robert Habeck eine freundliche Medienberichterstattung erfahren. Nicht zu vergessen das Trendthema Klimawandel, das den Grünen hilft.



Viele Menschen sind immer noch überrascht, dass die Grünen überhaupt eine Kanzlerkandidatin aufgestellt haben, und zwar weil sie wirklich die Chance haben, bei der Bundestagswahl stärkste Kraft zu werden. Der Vergleich zwischen Annalena Baerbock und Armin Laschet ist jedenfalls schwer: Die Grünen sind strukturell eine 10-Prozent-Partei. Sie hatten bisher stets ein begrenztes Wählerpotenzial und konnten deshalb sehr viel provokativer auftreten.

Welche Botschaft sendet es denn aus, dass eine alteingesessene Volkspartei im Hinterzimmer zwischen zwei älteren Männern ausklüngelt, wer Kanzlerkandidat werden soll?

Göke: Das Problem ist nicht, wo die Entscheidung getroffen wurde, sondern wer es «Hinterzimmer» genannt hat. Markus Söder hat mit dem Begriffsproblem eine Handgranate in die Union geworfen. Übrigens haben auch die Grünen hinter verschlossenen Türen ausgehandelt, wer Kanzlerkandidatin wird. Sie haben es nur nicht Hinterzimmer genannt. Dabei bricht die Nominierung von Annalena Baerbock mit der grünen Tradition, bei solchen Entscheidungen nach einer öffentlichen Diskussion zum Ergebnis zu kommen.

Hoffmann: Die Union hätte früher einen transparenten Fahrplan aufstellen sollen. Das Wahlprozedere war zu lange unklar. Das ist taktisch schlecht aufgegleist gewesen und hat zur Konfusion beigetragen. Dafür kann man Armin Laschet nicht allein verantwortlich machen, er ist ja erst seit Januar Parteivorsitzender. Er ist auch Opfer eines schlecht gemanagten Prozesses.

Das klingt so, als hätte Armin Laschet sein Schicksal gar nicht selbst in der Hand: Wieso kann sich der Regierungschef des bevölkerungsreichsten deutschen Bundeslandes nicht besser verkaufen?

Hoffmann: Markus Söder hat ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht, indem er seine Kandidatur erklärte. Die Union hätte besser überlegen müssen, was in diesem Fall passieren soll, wie man also in so einem Fall den Kandidaten bestimmt. Weil sie aber es nicht getan hat, gab es am Ende das grosse Chaos, das in der öffentlichen Wahrnehmung als Führungsschwäche von Laschet ausgelegt wird.

Auf der anderen Seite geht Armin Laschet damit hausieren, von Karl dem Grossen abzustammen: Braucht der Mann einen Kommunikationscoach?

Hoffmann: Das ist von aussen schwierig zu beurteilen. Jetzt ist es auf jeden Fall die Aufgabe von Armin Laschet und seinem Team, der Öffentlichkeit zu erklären, wofür er steht, was er vorhat. Das wissen die meisten Menschen in Deutschland im Moment einfach nicht.

Die Wahlkämpfe in Deutschland haben sich in den vergangenen Jahren amerikanisiert, sie sind personalisierter und stärker auf Spitzenkandidaten zugespitzt. Insofern ist es wichtig, dass die Person Laschet in der Öffentlichkeit mit klaren Botschaften verfängt. Dabei spielen auch soziale Medien eine Rolle, mehr aber noch interne Überzeugungsarbeit in der Partei und Medienarbeit. Die Journalistinnen und Journalisten müssen ihn im Prinzip auch neu kennenlernen.

Göke: Ich würde die Geschichte mit Karl dem Grossen nicht überbewerten. Bei vielen hämischen Kommentaren steckte Ironie dahinter, dass ausgerechnet der kleine Armin Laschet von Karl dem Grossen abstammt. Die Geschichte ist dann bei Twitter durch den Kakao gezogen worden und entwickelte sich zum Eigentor.

Laschet hatte bei seinen letzten Auftritten definitiv ein schlechtes Timing. Das ist ein Problem seiner politischen Inszenierung. Es fehlte ihm der Instinkt zu wissen, wann er was sagen muss. Wenn Laschet zum Beispiel als Letzter einen Lockdown vorschlägt ist er derjenige, der es am Anfang nicht besser gewusst hat. Er muss sich schon fragen, ob er die richtigen Initiativen zur richtigen Zeit startet. Daran muss Armin Laschet mit seinem Team noch arbeiten. Das hat ein Markus Söder zum Beispiel perfektioniert im letzten Jahr.

Kann Armin Laschet das steuern? Es werden Witze gemacht, weil er das «lasch» schon im Namen trägt ...

Göke: In Nordrhein-Westfalen, so sagte mir ein Freund, wird er «Lass et!» genannt: Lass' es. Insofern bieten sich die Wortspiele mit seinem Namen an. Aber man muss auch sagen: Armin Laschet hatte noch gar keine Gelegenheit, sich inhaltlich zu positionieren, solange die Frage nach dem Kanzlerkandidaten nicht geklärt war. Da konnten andere vorlegen.

Wie sich Armin Laschet kommunikativ positioniert, sehen wir erst ab jetzt. In einem Interview hat Armin Laschet jedenfalls einmal gesagt, dass er das Pferd für ein bemerkenswertes Tier hält: weil es genau weiss, wie hoch es springen muss. Er gilt als «Ein-Stimmen-Laschet», weil er viele Abstimmungen sehr knapp gewonnen hat. Das kann man jetzt als «Am Ende gewinnt er immer» auslegen, das kann man aber auch kritisieren, weil es nicht der Anspruch einer Volkspartei sein kann, mit einer Stimme Vorsprung einzulaufen.

Hoffmann: Laschet steht in einer Linie mit CDU-Kanzlerkandidaten wie Angela Merkel und Helmut Kohl: Eine grosse Volkspartei muss nicht unbedingt den peppigsten, den kantigsten, den provokativsten Politiker aufstellen. Das Spitzenpersonal muss vielmehr beruhigend, integrierend, fast schon präsidial wirken. Dieses Potenzial hat Laschet, er muss nun allerdings noch politische Schwerpunkte setzen.