«Er ist so ein Trottel, dass er aus Versehen die Wahrheit sagt»

Philipp Dahm

6.8.2019 - 16:17

Für seine Verhältnisse relatic ernst: Seth Meyers.
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Wie reagieren die Late-Night-Gastgeber auf die Amokläufe in den USA? Eines haben sie gemein: Wut. Denn der Präsident habe die Tat befördert – und dann blockiere der Senat ja auch zwei Waffengesetze.

Late Night with Seth Meyers

«Das Wochenende mit seinen unaussprechlichen Tragödien war herzzerreissend, und dennoch fühlt es sich auf verstörende Art bekannt an. Wir wissen jetzt natürlich, dass es in diesem Land eine Epidemie von Waffengewalt und Massenschiessereien gibt, und auch wenn es schwer ist, dürfen wir demgegenüber nicht taub werden», beginnt Seth Meyers seine Show.

Mit Blick auf den Schützen von El Paso fährt Meyers fort: «Die gewaltsame Verbreitung der Idee weisser Vorherrschaft ist von rassistischen Boshaftigkeiten befeuert worden, von den Warnungen einer Invasion von Immigranten. Eine Sprache, die regelmässig ein Echo in rechten Medien auslöst – und natürlich beim Präsidenten. Hinzu kommt natürlich, dass es viel zu leicht ist, an Kriegswaffen heranzukommen, was ungesetzlich sein müsste.»

Eric und Donald Trump Junior bei einem UFC-Kampf.
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251 Massenschiessereien hätten die USA in den bisherigen 216 Tagen des Jahres 2019 heimgesucht, rechnet Meyers vor. «Und lassen Sie uns von Beginn an klarstellen: Wir wissen, dass es eine eindeutige Korrelation zwischen der Zahl von Waffen in diesem Land und der Zahl der Opfer von Waffengewalt gibt. Auf der einen Seite leben in Amerika 4,4 Prozent der Weltbevölkerung, auf der anderen Seite halten sie knapp die Hälfte aller privaten Waffen.»

Die Republikaner wollen sich naturgemäss nicht zu den Themen Waffen und präsidialer Rassismus äussern, wie der Moderator zwischen Minute 1:59 und 4:00 nachweist. Aber das ist immerhin besser, als das Ganze mit Dingen zu vermischen, die so gar nichts mit der Sache zu tun haben.

«Misch nicht einfach ein anderes Thema wie Obdachlosigkeit da rein, gegen die Ihr auch nichts tut», pöbelt Meyers ob eines Tweets des texanischen Republikaners John Cornyn. «Das ist nur eine Blendgranate, um das erste Problem zu kaschieren.»

Man erhalte keine Antworten, indem man sich Fragen verweigere. «Aber diese Typen müssen so tun, als sei das alles ein unlösbares Problem, weil sie mächtigen Lobbygruppen wie den Waffenherstellern und der National Rifle Association (NRA) verpflichtet sind.»

Wenn Republikaner dann doch über die Massaker redeten, würden andere Sündenböcke geopfert: die Gamer (ab Minute 4:50). «Ihr gebt Games die Schuld? Ihr wisst, dass es in anderen Ländern auch Games gibt, oder? Japan hat eine enorme Gaming-Kultur und nur sehr wenige Tote durch Waffen. Wenn Games so viel Einfluss hätten, sollte man eines über den Kongress machen, das ‹Tut verdammt noch mal etwas› heisst.»

Dabei gebe es Massnahmen, die von einer überwältigenden Mehrheit mitgetragen würden, die einfach umgesetzt werden könnten und zumindest die Häufigkeit solcher Taten verringerten. «Tatsächlich hat das Repräsentantenhaus [im Februar] ein solches Gesetz verabschiedet, aber im Senat wird es von Mitch McConnell und seinen Parteisoldaten blockiert.»

Wer eine Idee davon bekommen will, wie viel Macht diese NRA in den USA hat, wird ab Minute 6:45 Minuten grosse Augen machen: Es wird eine Besprechung gezeigt, die nach dem Parkland-Amoklauf mit 17 Toten im Februar 2018 stattgefunden hat.

«Wir haben [einen Aspekt] nicht ins Gesetz einfliessen lassen», sagt ein Mann. Trump antwortet: «Und warum nicht? Ihr habt Angst vor der NRA, stimmt's?»

An anderer Stelle sagt jemand dem 73-Jährigen: «Ihr unterschätzt die Macht der Waffenlobby.» Trumps Replik: «Sie haben grosse Macht, ich stimme zu. Sie haben grosse Macht – über euch; Leute!»

Meyers fasst zusammen: «Manchmal bin ich froh, dass er so ein Trottel ist, weil er aus Versehen die Wahrheit sagt.»

Mitch McConnell als reifes Covermodel.
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Nicht gerade clever ist auch die erste Reaktion Donald Trumps vor laufender Kamera (ab Minute 7:59): «Hass hat keinen Platz in unserem Land. Wir werden uns darum kümmern […] Wir müssen das stoppen. Das geht schon seit Jahren so. Seit Jahren geht das so in unserem Land, und wir müssen das stoppen. Viele Sachen sind in der Mache, eine Menge guter Sachen, und wir haben mehr getan als die meisten anderen Administrationen. Es wird nicht viel darüber geredet, aber tatsächlich haben wir viel gemacht. […] Es geschehen also gerade eine Menge Dinge. Eine Menge Dinge geschehen genau jetzt.»

Was Trumps Worte mit dem politischen Gegner machen, ist ab Minute 8:57 zu sehen. Da flippt der Demokrat Beto O'Rourke fast aus, als er gefragt wird, ob der Präsident etwas besser machen könne.

«Was glauben Sie denn», stottert der potenzielle Gegenkandidat Trumps ungläubig. «Sie kennen doch den Scheiss, den der redet. Liebe Pressevertreter: Was zum Teufel? Warten Sie, es sind diese Fragen, deren Antworten sie bereits kennen.» Ab Minute 9:55 nimmt «Late Night» noch einmal Trumps jüngste Rede zur Nation auseinander. «Er ist seine üblichen Sündenböcke wie psychisch Kranke und Gamer durchgegangen», meint Meyers.

Jimmy Kimmel Live

Jimmy Kimmel hat ähnlich viel Wut im Bauch wie Meyers. «Und schon wieder bieten unsere Anführer, insbesondere in einer Partei, nicht viel mehr als ihre Gedanken – und Gebete.» Beide Parteien finden, das Land sei zu gespalten. «Hier ist aber etwas, auf das wir uns alle einigen können: Zu viele Menschen werden mit schweren Waffen erschossen. Und hier noch etwas: 97 Prozent der Waffenbesitzer unterstützen laut einer Umfrage vom letzten Jahr strengere Hintergrundüberprüfungen. 97 Prozent! Man könnte die Leute fragen, ob sie gern Glace essen – und bekäme nicht so ein gutes Ergebnis.»

Das Problem sei, dass Mitch McConnell als Mehrheitsführer im Senat nicht über zwei entsprechende Gesetze abstimmen lassen wolle, die Vertreter beider Parteien ausgearbeitet hätten. Nun müsste man McConnell anrufen «und ihm sagen, dass wir in etwas übereinstimmen: Dass er seinen knochigen, grauen Arsch wieder zur Arbeit bringen soll, damit über diese Gesetze abgestimmt werden kann.» Ab Minute 2:14 beleuchtet Kimmel noch, was Trump am Wochenende noch wichtig war. Etwa dieses Thema:

Auch Kimmel zeigt Trumps stammelnde New-Jersey-Rede, in der der Präsident behauptet, er habe mehr als viele andere Präsidenten gegen solche Hassverbrechen getan – was eine Lüge ist. Tatsächlich hat Trump 2017 Vorschriften zurückgenommen, mit denen sein Vorgänger Barack Obama psychisch Kranken den Kauf einer Waffe erschwert hat.

Kein Wort über Toledo: Trump bei seiner gestrign Rede an die Nation.
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Ab Minute 3:57 zeigt Kimmel noch, dass Trump in seiner Rede an die Nation fälschlicherweise den Opfern von Toledo gedenkt, obwohl auf dem Teleprompter bloss von Dayton und El Paso die Rede ist. «Und das gibt Ihnen wirklich einen Einblick darin, wie wichtig das diesem Mann ist: 14 Minuten nach seinem El-Paso-Tweet vom Samstag hat er mit einem Tweet über einen URFC-Kämpfer nachgelegt.»

«Wie viele Amerikaner, die wiederholt auf den Kopf gekriegt haben, ist Colby Covington ein grosser Trump-Fan.» Und der Präsident habe auch deshalb so auf diesen Kampf geschaut, weil seine Söhne Eric und Donald Jr. vor Ort waren.

«Schaut Sie euch an, The Douches of Hazzard [quasi: 'Ein Doofer kommt selten allein']. Sie sind so cool: Einfach ein paar ganz normale Typen, die ganz genau wissen, was sie mit ihren Händen und Gesichtern machen.»

50 Staaten, 330 Millionen Menschen und noch mehr Meinungen: Wie soll man «Amerika verstehen»? Wer den Überblick behalten will, ohne dabei aufzulaufen, braucht einen Leuchtturm. Die Late-Night-Stars bieten eine der besten Navigationshilfen: Sie sind die perfekten Lotsen, die unbarmherzig Untiefen bei Land und Leuten benennen und dienen unserem Autor Philipp Dahm als Komik-Kompass für die Befindlichkeit der amerikanischen Seele.

The Late Show with Stephen Colbert

Colbert fasst die jüngsten Ereignisse mit Groll zusammen und schiesst besonders scharf gegen den republikanischen Mehrheitsführer im Senat, Mitch McConnell, der ja zwei Waffengesetze auf die lange Bank geschoben hat. Der Moderator sieht in ihm ein potenzielles Covermodel für die «Monatszeitschrift für Korruption» – das Publikum buht empört. «Ja, das ist sein Balzruf», lästert Colbert.

Ab Minute 3:30 zeigt er Bewegtbilder von Beto O'Rourke inklusive dessen Trump-Verzweiflung. «Es ist okay, seine Gedanken und Gebete anzubieten, aber manchmal will man schreien und fluchen.»

Ab Minute 4:38 zeigt Colbert Trumps Toledo-Missgriff, er ergänzt aber auch, dass der Demokrat Joe Biden peinlicherweise den Menschen in Houston und Michigan sein Beileid ausgesprochen hat.

Es folgt ein Zitat aus Trumps Rede an die Nation: «Wir müssen einstimmig Rassismus, Bigotterie und weisses Vorherrschaftsdenken bekämpfen», so der Mann aus dem Weissen Haus. Colberts Konter: «Ich gebe jeden Abend mein Bestes, aber Sie sind immer noch im Amt.»

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