Kapitol-Stürmer will politisches Amt «Er verkörpert den Kern der Krise, in der sich Amerika befindet»

Andreas Fischer

30.3.2026

Die Polizei versucht, das Kapitol vor Eindringlingen zu schützen.
Die Polizei versucht, das Kapitol vor Eindringlingen zu schützen.
Julio Cortez/AP/dpa

Er war das Gesicht des Kapitolsturms vom 6. Januar 2021, wurde verurteilt, von Donald Trump begnadigt: Nun könnte Adam Johnson in ein politisches Amt gewählt werden. Was sagt das über die Kultur in den USA? 

Andreas Fischer

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Adam Johnson wurde beim Sturm auf das US-Kapitol zweifelhaft berühmt: Er war der Mann, der sich mit dem Rednerpult von Nancy Pelosi erwischen und fotografieren liess.
  • Fünf Jahre nach dem Kapitolsturm kandidiert Johnson für ein lokales Amt in Florida und nutzt seine damalige Bekanntheit bewusst im Wahlkampf.
  • Seine Kandidatur gilt als Testfall dafür, ob sich die politische Bewertung des 6. Januar so weit verschoben hat, dass sie nicht mehr schadet – sondern nützen kann.

Mit einem breiten Grinsen trägt Adam Johnson am 6. Januar 2021 das Rednerpult von Nancy Pelosi wie eine Trophäe durch die Gänge. Das Bild geht um die Welt – und macht Johnson zu einer Symbolfigur des Sturms auf das US-Kapitol durch tausende Trump-Anhänger.

Fünf Jahre später steht derselbe Mann auf einem Wahlzettel in Florida. Adam Johnson, der «lectern guy» (lectern: Rednerpult), kandidiert für ein lokales politisches Amt in Manatee County, südlich von Tampa. Es ist ein unscheinbares Amt, zuständig für Bebauungspläne, Infrastruktur, Haushaltsfragen.

Und doch ist diese Kandidatur alles andere als lokal. Sie ist ein Testfall dafür, wie weit sich das Narrativ über den Sturm auf das Kapitol am 6. Januar 2021 geändert hat – oder eben nicht. Johnsons Vergangenheit als Aufrührer ist keineswegs nur eine Bürde. Sie ist auch sein politisches Kapital.

Kapitol-Sturm muss kein Makel sein

Adam Johnson wurde wegen seiner Beteiligung am Sturm auf das Kapitol zwar verurteilt, doch kam er juristisch vergleichsweise glimpflich davon. Er verbüsste eine kurze Haftstrafe (75 Tage) und musste 5000 US-Dollar Geldstrafe zahlen. Anfang 2025 wurde er schliesslich zusammen mit anderen Beteiligten am Kapitol-Sturm von Donald Trump begnadigt.

Ausgerechnet dieser Mann, der laut eigenen Angaben selten gewählt hat und öffentlich bezweifelt, dass die Präsidentschaftswahl 2020 fair verlaufen ist, hat nun genug Vertrauen in das politische System, um selbst für ein Amt zu kandidieren. Adam Johnson will sich in den Verwaltungsrat von Manatee County wählen lassen – und hofft, dass ihm seine Bekanntheit als «lectern guy» dabei hilft.

Seine Kandidatur hat Johnson jedenfalls demonstrativ am fünften Jahrestag des Kapitolsturms eingereicht: aus PR-Gründen. «Da ist man gleich in aller Munde», macht Johson in einem Interview mit einem lokalen TV-Sender keinen Hehl daraus, dass ihm seine Bekanntheit nützt. Die Aufregung nach dem Sturm auf das Kapitol sei für ihn durchweg positiv. So sei sein Foto mit Pelosi Rednerpult «kostenfreies Marketing»: Johnson hat es zu seinem Kampagnen-Symbol gemacht.

Kandidatur ist «Kern der Krise Amerikas»

Es tönt merkwürdig, wenn sich ausgerechnet ein erklärter Feind der Demokratie demokratisch wählen lassen will. Johnson inszeniert sich dabei als Aussenseiter, der gegen ein politisches Establishment antritt. «Er verkörpert wirklich den Kern der Krise, in der sich Amerika befindet», sagt Stephen Marche, Autor des Buches «The Next Civil War» in der «Washington Post». «Da ist jemand, der die Symbole der Demokratie buchstäblich beschmutzt hat und nun versucht, Teil dieser Demokratie zu werden. Das ist eine Art innerer Widerspruch, der extrem, extrem gefährlich ist.»

Johnson mag zwar «nur» für ein Amt auf lokaler Ebene kandidieren. Aber für Kritiker beginnt dort die Relativierung des Angriffs auf demokratische Institutionen: Für Johnson ist der 6. Januar Teil der politischen Marke, aus der sich Kapital schlagen lässt.

Adam Johnson wurde wegen seiner Beteiligung am Sturm auf das Kapitol zu einer Haft- und Geldstrafe verurteilt.
Adam Johnson wurde wegen seiner Beteiligung am Sturm auf das Kapitol zu einer Haft- und Geldstrafe verurteilt.
KEYSTONE

«Bekannt, aber nicht unbedingt vertrauenswürdig»

Besonders umstritten ist, dass Johnson seine damalige Tat heute anders darstellt als vor Gericht. Während er sich im Verfahren schuldig bekannte und Reue zeigte, beschreibt er seine Rolle inzwischen als legitimen Protest.

«Ich glaube, ich habe mein Recht auf freie Meinungsäusserung und Protest gemäss dem Ersten Verfassungszusatz ausgeübt», sagt Johnson heute. «Ich bin in ein Gebäude gegangen, habe ein Foto mit einem Möbelstück gemacht und bin wieder gegangen.» Einsicht sieht anders aus – das zeigen auch jüngere Posts von Johnson.

Ob Johnson mit seiner Strategie Erfolg hat? In Manatee County dominieren zwar die Republikaner, aber für Johnson ist nicht einmal klar, ob er die Vorwahlen im August übersteht. Schliesslich folgen lokale Wahlen ihren eigenen Regeln. Infrastruktur, Wohnungsbau und Steuern zählen hier mehr als nationale Symbolpolitik. Ein lokaler Beobachter fasst es gegenüber «YourObserver» so zusammen: Johnson sei zwar «sehr bekannt, aber nicht unbedingt vertrauenswürdig».

Lokale Wahl könnte ein Signal senden

Dass Johnson als verurteilter Kapitolstürmer überhaupt kandidiert, zeigt, wie sehr sich die politische Deutungshoheit des Ereignisses verschoben hat. Zumal er nicht der einzige ist.

Mehrere Beteiligte oder Unterstützer des 6. Januar haben in den vergangenen Jahren versucht, politisch Fuss zu fassen. Zwei Beispiele: In Oregon tritt David Medina, der wegen Behinderung eines amtlichen Verfahrens angeklagt und später begnadigt wurde, bei der Wahl zum Gouverneur an. In South Carolina kandidiert Tyler Dykes, der wegen Körperverletzung an Polizeibeamten verurteilt und anschliessend begnadigt wurde, für einen Sitz im Repräsentantenhaus.

Bislang war der Erfolg der Kapitolstürmer bei Wahlen sehr überschaubar. Zwar konnten die Kandidaten Aufmerksamkeit generieren, Wahlsiege sprangen hingegen nicht heraus. Ein Fall, in dem ein verurteilter Teilnehmer des Kapitolsturms später ein Amt gewann, ist laut AP bislang nicht dokumentiert.

Gerade deshalb richtet sich der Blick umso genauer auf diese unscheinbare Wahl in Florida. Sollte Johnson gewinnen, wäre das mehr als eine lokale Entscheidung. Es wäre ein Signal: dass der 6. Januar kein Makel mehr ist, sondern sich politisch nutzen lässt. Für die Demokratie in den USA wäre das nicht das beste Zeichen.

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