Politexperte Reginold im Gespräch«Europas Abstieg begann schon unter Obama, das hat einfach niemand gemerkt»
Samuel Walder
27.3.2025
Sicherheits- und Politexperte Remo Reginold äussert sich zur Weltlage und wo Europa steht.
Bild:Christin Schäfer
Es brodelt, oder doch nicht? Die geopolitische Lage verändert sich stark. Europa steht jedoch nicht mehr an erster Stelle. Experte Remo Reginold schätzt die Lage von Europa in der Weltpolitik ein und sieht viel Verbesserungspotential.
Europas geopolitische Bedeutung schwindet, da die USA ihren Fokus seit Jahren auf Asien verlagern.
Militärisch und sicherheitspolitisch ist Europa stark von den USA abhängig.
Wirtschaftliche und technologische Resilienz geht in Europa zunehmend verloren.
Politische Uneinigkeit, institutionelle Selbstbeschäftigung und fehlende strategische Visionen machen Europa laut Experte Remo Reginold zum Getriebenen statt Gestalter globaler Entwicklungen.
In der Ukraine herrscht seit drei Jahren Krieg. In Deutschland wurde gerade eine neue Regierung gewählt, die mit Milliardenschulden kämpft. Frankreich und Grossbritannien wollen nukleare Waffen in Europa stationieren. Portugal hat ebenfalls Regierungsprobleme. In Serbien streiken Tausende auf den Strassen gegen die Korruption. Die Schweiz hat innenpolitisch mächtig zu tun.
Die Situation in Europa war sicher schon einmal ruhiger. Die Beziehungen zu den USA und zu Russland waren schon freundschaftlicher und die Wirtschaft mal stärker. Und die USA haben Europa kritisch ins Visier genommen. Doch wie steht es wirklich um die einstige Grossmacht Europa?
blue News spricht mit Dr. Remo Reginold. Er ist Sicherheits- und Politexperte. Er ist der Meinung, dass man die Mitteilungen aus Amerika ernst nehmen müsse: «Was traurig ist an der ganzen Sache, ist, dass man es erst jetzt wahrnimmt.» Die aktuelle Regierung gehe sehr undiplomatisch mit ihren Partnern und Alliierten um. «Sie geben einem sehr klar zu verstehen, dass der Kurs, auf dem sich Europa gerade bewegt, ihnen nicht passt», erklärt Reginold.
Die Priorität liege nicht mehr bei Europa
Längst sei sichtbar, dass die USA ihren Blick abwenden. Bereits 2008 unter Barack Obama wurde mit der «Pivot to Asia»-Strategie eine geopolitische Neuvermessung eingeleitet. «Europas Abstieg begann schon unter Obama, es hat in Europa aber niemanden interessiert», sagt Reginold. Die Prioritäten liege nicht mehr in Europa, sondern in Asien – bei China, bei seltenen Erden, bei strategischen Rohstoffen, so Reginold. Die Zeiten freundlicher Diplomatie unter Obama und Biden hätten diese Entwicklung nur kaschiert. Heute werde sie mit aller Deutlichkeit formuliert.
Trump sei einfach sehr undiplomatisch. «Es ist nicht besonders anständig, was JD Vance sagt und wie er es formuliert», sagt Reginold. Aber Europa sei halt einfach nicht mehr der Hauptpartner der USA.
Was einst die unantastbare transatlantische Brücke war, bröckelt. Europa ist für Washington längst nur noch ein Partner unter vielen – nicht mehr der Dreh- und Angelpunkt westlicher Interessen.
Verwundbare Festung: Europas sicherheitspolitisches Vakuum
«Unsere Sicherheitsarchitektur basiert auf zwei Säulen: dem amerikanischen Militär und günstigen Produkten aus Asien», sagt Reginold. Eine gefährliche Abhängigkeit, wie sich jetzt zeigt.
Militärisch sei Europa kaum in der Lage, sich selbst zu verteidigen – es fehle nicht nur an Material, sondern vor allem an Bewusstsein: «Die besten Kampfjets nützen nichts, wenn die Bevölkerung nicht versteht, was es zu verteidigen gilt.»
Seine Forderung: eine umfassende, auch zivile Resilienzstrategie – angefangen bei digitaler Selbstverteidigung bis hin zur Stärkung handwerklicher Ausbildung. «Wir haben unsere wirtschaftliche Resilienzstruktur verspielt.» Europa habe zu spät nach weiteren Partnern gesucht. Es gebe nicht nur die USA, so Reginold.
Geopolitische Spielbälle statt Mitspieler
Wirtschaftlich sei Europa stark, politisch aber schwach, so die schonungslose Einschätzung. «Wir sind Getriebene statt Gestaltende», sagt Reginold. In einer Welt, die von Dynamik, Agilität und strategischem Denken geprägt ist, «hängt Europa gefährlich zurück».
China, Indien, der Nahe Osten und selbst afrikanische Staaten hätten längst gelernt, sich geopolitisch flexibel zu bewegen – nach dem Prinzip der «Frenemies»: Kooperieren, wo es nützt. Distanzieren, wo es schadet. Europa hingegen verharre in alten Denkmustern und reagiere nur auf Krisen, statt sie vorauszudenken. Das habe man zum Beispiel auch beim Ukrainekrieg gesehen. «Man dümpelt immer gleich weiter, statt mal wirklich etwas zu unternehmen. Europa vertraut auf die USA, dass sie durchgreifen», erklärt Reginold.
Ein Kontinent ohne Plan?
Die EU wirkt geeint – doch unter der Oberfläche brodelt es. Uneinigkeit über die Ukraine-Politik, instabile Regierungen, wirtschaftliche Schieflagen: von Portugal über Serbien bis Deutschland. «Wir haben Institutionen geschaffen, die mehr mit ihrem Selbsterhalt als mit Strategie beschäftigt sind», sagt Reginold.
Hinzu kommt die technologische Abhängigkeit: Cloud-Dienste, militärische Systeme, kritische Infrastruktur – vielfach nicht in europäischer Hand. «Europa spielt noch immer mit der alten Logik von Garantien und Regeln. Doch diese Welt existiert nicht mehr.» In Europa und auch in der Schweiz benutze man beispielsweise Microsoft. Die Kontrolle über die Daten hat aber die USA und nicht Europa.
Reginold sieht drei Schlüssel zum Wiedererstarken: Führungsverantwortung, Unternehmertum und Kreativität. «Wir brauchen keine Luftschlösser, sondern echte Visionen und den Mut, neue Wege zu gehen.»
Ob Europa den Turnaround schafft, ist offen. Sicher ist nur: Die Welt wartet nicht. Wer nicht gestaltet, wird gestaltet.
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