FBI wegen sexueller Übergriffe von Top-Personal im Zwielicht

DPA

11.12.2020 - 12:15

A former FBI analyst, who asked to be identified only as Becky, poses for a photo, Wednesday, Dec. 9, 2020. Becky alleges in a new federal lawsuit that an FBI supervisory special agent licked her face and groped her at a colleagueâÄ™s farewell party in 2017. She ended up leaving the FBI and has been diagnosed with post-traumatic stress disorder. (AP Photo/David Zalubowski)
Die ehemalige FBI-Angestellte Becky wurde 2017 von einem Spezialagenten des FBI sexuell belästigt. Sie verliess das FBI kurz darauf. 
Bild: Keystone

Die US-Bundespolizei steht wegen Fehlverhalten von Führungspersonen selbst im Visier. Es geht um mutmasslichen sexuellen Missbrauch von Untergebenen. In den meisten Fällen gab es kaum Konsequenzen.

Ein Vize-FBI-Direktor steht unter dem Verdacht, im Alkoholrausch eine Untergebene begrapscht zu haben – und kann später unbehelligt in den Ruhestand gehen. Ein anderer ranghoher Mitarbeiter verlässt die US-Bundespolizei, nachdem Ermittlungen ergeben, dass er acht Angestellte sexuell belästigt habe. Und ein Top-FBI-Agent schied ohne Konsequenzen aus, nach dem Vorwürfe laut wurden, er habe eine junge Mitarbeiterin zu etlichen «sexuellen Begegnungen» gezwungen.

Mindestens sechs Fälle von mutmasslichem Fehlverhalten durch ranghohe FBI-Vertreter in den vergangenen fünf Jahren hat die Nachrichtenagentur AP gezählt. Dazu gehören zwei Anschuldigungen, die erst diese Woche von zwei Frauen vorgebracht wurden. Sie werfen Vorgesetzten sexuelle Übergriffe vor.

Jeder Beschuldigte kam offenbar um disziplinarische Massnahmen herum, wie die AP herausfand. Etliche wurden in aller Stille versetzt oder in den Ruhestand befördert und behielten ihre vollen Rentenbezüge und Leistungen – auch nachdem Untersuchungen die Vorwürfe erhärtet hatten. Andere konnten anonym bleiben und so nach ihrem Ausstieg aus FBI weich landen – etwa im Privatsektor, und manche konnten sogar bei den Strafverfolgungsbehörden weiterarbeiten.

«Er kam mit allem davon»

«Sie kehren es unter den Teppich», sagt eine frühere FBI-Ermittlerin, die nur ihren Vornamen Becky nennen möchte. In einer neuen Klage vor einem Bundesgericht wirft sie einem aufsichtsführenden Spezialagenten an einer FBI-Akademie vor, ihr 2017 auf einer Abschiedsparty eines Kollegen über das Gesicht geleckt und sie begrapscht zu haben. Er habe zudem seinen Arm um ihre Brust geschlungen, sie unten angefasst und so getan, als würde er «mit seinen Fingern durch ihre Jeans» in sie eindringen.

Der Spezialagent habe sie schon in der Vergangenheit mindestens zwei Mal verbal bedrängt, berichtet Becky. «Als wir mal auf den Direktor warteten, sagte er: «Ich werde dir an den Arsch fassen. Du weisst, dass es passieren wird».

Einst habe sie geglaubt, dass die «organisatorischen Werte und der Auftrag» des FBI mit der Art und Weise in Einklang stehe, wie sie erzogen worden sei. Doch sei sie eines Besseren belehrt worden, als sie das Management eingeschaltet habe. «Sein flegelhaftes Verhalten war wohlbekannt. Er kam mit allem davon.»

Der Agent wies die Vorwürfe zurück, ein Gericht im Staat Virginia sprach ihn später frei. Es sei «gänzlich unvorstellbar», dass Becky «dasteht und es hinnimmt und nichts sagt», befand der Richter. Der Beschuldigte schied aus dem FBI aus, ehe ein Generalinspekteur Monate später einer intern eingereichten Beschwerde Beckys nachging, wie es in ihrer neuen Klageschrift heisst. Am Ende verliess sie das FBI, bei ihr wurde eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert.

US-Kongress mischt sich ein

Die Berichte über sexuelles Fehlverhalten in FBI-Führungszirkeln sind dem Kongress nicht entgangen. «Sie brauchen einen #MeToo-Moment», mahnt die Abgeordnete Jackie Speier, eine Demokratin aus Kalifornien. Den Umgang mit Frauen in der männerdominierten Bundespolizei beäugt sie schon länger kritisch.

Es sei widerlich und ein weiterer Beleg für die Tatsache, dass das FBI und viele andere US-Institutionen nach wie vor Burschen-Netzwerke seien. «Es überrascht mich nicht, dass sie mit Blick auf sexuelle Übergriffe und sexuelle Belästigung noch immer im Mittelalter sind.»

Das FBI konterte, dass es «eine Null-Toleranz-Politik gegenüber sexueller Belästigung» aufrechterhalte. Vorwürfe gegen Vorgesetzte hätten dazu geführt, dass sie ihrer Posten enthoben worden seien, während Fälle untersucht und gerichtlich entschieden wurden.

Dies steht allerdings im Widerspruch zu der AP-Untersuchung, wonach auf keine von mindestens sechs Beschwerden Disziplinarmassnahmen folgten. Immerhin: In einem mutmasslichen Fall sexuellen Verhaltens verlor der beschuldigte Agent sein Zugriffsrecht auf sensible Daten.

Anschuldigungen werden strikt unter den Tisch gekehrt 

Das FBI ist dafür berüchtigt, Anschuldigungen wegen sexueller Übergriffe innerhalb der Belegschaft fest unter Verschluss zu halten. Die letzte umfassende Untersuchung zum Thema durch das aufsichtshabende Büro des Generalinspekteurs ergab 343 «Vergehen» zwischen den Finanzjahren 2009 bis 2012. Bei drei dieser Vorfälle seien Videoaufnahmen von «unbekleideten Frauen ohne deren Zustimmung» gemacht worden. Das FBI hat mehr als 35 000 Mitarbeiter.

Erst vor einigen Monaten schloss sich eine 17. Frau einer Sammelklage an, in der von systematischer Belästigung an einer FBI-Akademie in Quantico in Virginia die Rede war. Ausbilder hätten etwa «sexuell aufgeladene» Sprüche gemacht, FBI-Anwärterinnen zu sich nach Hause eingeladen und sie vor den Augen aller herabgewürdigt.

Becky, die Ex-FBI-Analystin, berichtet von Racheakten, nachdem sie mit den Vorwürfen gegen den Spezialagenten an die Öffentlichkeit ging. Es sei viel leichter, in der Isolation vor sich hinzuleiden, als hervorzutreten, sagt sie der AP. «Aber wenn ich es nicht melde, werde ich zur Komplizin der kulturellen und institutionalisierten Vertuschung eines solchen Verhaltens.»

Zurück zur Startseite

DPA