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Ein Taliban-Kämpfer hält Wache, während Frauen in Kabul, Afghanistan, am 23. Mai 2023 darauf warten, Lebensmittelrationen von einer humanitären Organisation zu erhalten.
Bild: Keystone
Immer mehr westliche Influencer reisen nach Afghanistan und zeigen das Land in ihren Videos von seiner gastfreundlichen Seite. Beobachter kritisieren, dass dabei das repressive Taliban-Regime ausgeblendet wird.
Sie trinken Tee mit den Taliban, lächeln für Fotos und Videos in die Kamera, baden in türkisblauen Seen oder gehen sogar auf «Dates» mit Kämpfern der Miliz. Immer mehr sogenannte Influencer*innen – darunter auch viele junge Frauen – reisen derzeit nach Afghanistan. Ihre Clips erzielen Hunderttausende, teils sogar Millionen Aufrufe.
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Auch der Reise-Influencer Harry Jaggard hat Afghanistan besucht. In seinen Videos beschreibt er das Land als seine persönliche Nummer eins und hebt die aussergewöhnliche Freundlichkeit der Menschen hervor. Seine Beiträge stossen in den Kommentaren auf viel Zuspruch und begeisterte Reaktionen.
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Seit die militant-islamistischen Taliban vor vier Jahren in Kabul erneut die Macht übernommen haben, zieht es auffallend viele Influencer aus westlichen Ländern nach Afghanistan. Dahinter steckt auch Kalkül: Während Journalistinnen, Journalisten und Menschenrechtsbeobachter kaum noch ins Land gelassen werden, verbreiten Influencer Bilder, die das Regime verharmlosen – oder gar normalisieren.
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«Die Afghanen sind warmherzig und gastfreundlich und freuen sich darauf, Touristen aus anderen Ländern zu empfangen und mit ihnen in Kontakt zu treten», sagte der stellvertretende Tourismusminister Quadratullah Jamal Anfang Juni in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Associated Press (AP). «Der Tourismus bringt einem Land viele Vorteile. Wir haben diese Vorteile berücksichtigt und wollen, dass unser Land sie voll ausschöpft.»
Der Tourismus ist für viele Länder eine wichtige Einnahmequelle. In Afghanistan jedoch hat die internationale Isolation – vor allem wegen der strengen Einschränkungen der Taliban gegenüber Frauen und Mädchen – dazu geführt, dass ein Grossteil der 41 Millionen Menschen in Armut lebt. Da es schwierig ist, ausländische Investoren zu gewinnen, erkennt die Regierung das grosse wirtschaftliche Potenzial des Tourismus dennoch deutlich.
«Wir erzielen derzeit beträchtliche Einnahmen in dieser Branche und hoffen, dass sie in Zukunft noch weiter wachsen wird», so Jamal. Er wies zudem darauf hin, dass die Ausgaben der Besucher*innen mehr Bevölkerungsschichten erreichen als die Einnahmen anderer Branchen.
Die Besucherzahlen sind zwar noch gering, aber sie steigen. Fast 9000 ausländische Tourist*innen besuchten Afghanistan im vergangenen Jahr, während es in den ersten drei Monaten dieses Jahres fast 3000 waren, sagte Jamal.
Auch für Tourist*innen gelten in Afghanistan klare Regeln. So ist es beispielsweise untersagt, Frauen anzusprechen oder zu filmen. Unter Videos von Reisenden und Influencer*innen in sozialen Netzwerken äussern viele Nutzer*innen zudem auch Kritik – insbesondere angesichts dessen, dass die Regierung des Landes weiterhin die Hälfte der Bevölkerung massiv diskriminiert.
Seit der Übernahme der Taliban wurden viele fundamentale Frauenrechte drastisch eingeschränkt oder vollständig verboten. Frauen sind aus dem öffentlichen Leben weitgehend verbannt, ihre Bewegungsfreiheit stark begrenzt.
Spätestens seitdem das «Tugend»-Gesetz 2024 eingeführt wurde, gelten restriktive Kleidervorschriften, ihr Haus dürfen Frauen nur komplett verschleiert und in Begleitung eines Mannes verlassen. Zudem dürfen sie ab der sechsten Klasse nicht mehr zur Schule gehen. Auch Schönheitssalons wurden geschlossen. Studieren? Verboten. Arbeiten? Nahezu unmöglich. Sie dürfen keinen Sport machen, nicht Autofahren, nicht singen und öffentlich auch nicht laut sprechen. Zudem verbietet das Gesetz Fahrern öffentlicher Verkehrsmittel, Frauen ohne männliche Begleitung zu transportieren.
Ende Dezember 2024 trafen die Taliban eine weitere umstrittene Entscheidung: Ein neues Dekret untersagt den Einbau von Fenstern in Wohnhäusern, durch die Bereiche eingesehen werden könnten, die von Frauen genutzt werden. Künftig dürfen Neubauten keine Öffnungen mehr haben, die den Blick auf Höfe, Küchen, Nachbarsbrunnen oder andere üblich von Frauen frequentierte Orte ermöglichen.

Ein Bild aus dem Jahr 2023. Mädchen dürfen in Afghanistan nur bis zur sechsten Klasse in die Schule gehen.
Bild: Keystone
Auch für Männer gelten Regeln: Beispielsweise müssen sie laut dem «Tugend»-Gesetz knielange Hosen und einen Bart tragen. Homosexuelle Beziehungen, Ehebruch und Glücksspiele sind verboten, ebenso wie die Herstellung und das Ansehen von Videos oder Bildern, die Lebewesen zeigen. Versäumte Gebete und Ungehorsam gegenüber den eigenen Eltern können ebenfalls bestraft werden.
Wer gegen diese strikten Regeln verstösst, muss mit Verwarnungen, Geldstrafen, Haft oder weiteren Strafmassnahmen rechnen. Auch mit dem Tod.
Zudem haben die Taliban mehrmals den Internetzugang in Afghanistan gesperrt oder stark eingeschränkt, unter anderem im September und Oktober 2025. Offiziell wurde die Abschaltung mit der Verhinderung «unmoralischer Inhalte» begründet.
«Von Reisen nach Afghanistan und von Aufenthalten jeder Art im Land wird aufgrund hoher Sicherheitsrisiken abgeraten», schreibt eine Sprecherin des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA) auf Anfrage von blue News. Die Lagebeurteilung werde laufend überprüft und bei Bedarf angepasst.
«Über Planung und Durchführung einer Reise entscheiden Reisende in Eigenverantwortung», heisst es weiter. «Reisende müssen sich bewusst sein, dass die Schweiz nur sehr begrenzte – je nach Situation gar keine – Möglichkeiten hat, in Krisengebieten Hilfe zu leisten oder die Ausreise zu unterstützen», so die Sprecherin gegenüber blue News.
Laut den aktuellen Reisehinweisen des EDA «bleibt die Lage fragil und unbeständig. Gefechte und Anschläge können jederzeit und überall stattfinden. Im ganzen Land bestehen hohe Sicherheitsrisiken: Raketeneinschläge, Terroranschläge, Entführungen und gewalttätige kriminelle Angriffe einschliesslich Vergewaltigungen und bewaffnete Raubüberfälle».
Wie aus den Angaben weiter hervorgeht, geraten ausländische Staatsangehörige zunehmend ins Visier der Behörden. Immer wieder komme es zu Festnahmen aufgrund mutmasslicher Gesetzesverstösse oder wegen der Missachtung lokaler Traditionen.
«Im Falle einer Entführung sind die lokalen Behörden zuständig; die Einflussmöglichkeiten des EDA und seiner Botschaften sowie Konsulate im Ausland sind eingeschränkt», so die Sprecherin.
Warum wollen also Menschen trotzdem nach Afghanistan reisen? Viele berichten darüber, dass sie das Land einfach gerne selbst einmal sehen wollten.
Eine Touristin sagt gegenüber der AP, dass sie und ihr Partner etwa ein Jahr lang überlegt haben, ob sie im Rahmen einer Wohnmobilreise von Grossbritannien nach Japan durch Afghanistan fahren sollten. «Manche Dinge fühlten sich moralisch nicht richtig an», sagte sie.

Taliban-Mitglieder küssen bei einer Versammlung nahe dem Gebäude der ehemaligen US-Botschaft in Kabul eine Fahne ihrer Bewegung, um am 15. August 2022 den ersten Jahrestag ihrer Machtübernahme in Afghanistan zu feiern.
Bild: Keystone
Doch hier angekommen, berichteten sie von einem herzlichen, gastfreundlichen und einladenden Volk sowie von wunderschönen Landschaften. Sie hatten nicht den Eindruck, dass ihre Anwesenheit irgendeine Form der Unterstützung für die Taliban darstellte. «Durch das Reisen gelangt das Geld in die Hände der Menschen und nicht in die der Regierung», so die Touristin.
Auch die TikTokerin, die mit einem Taliban auf ein «Date» ging, sagt dem «Spiegel», dass sie mit ihren Videos in erster Linie die schönen Seiten Afghanistans zeigen wolle, denn das Land werde zu oft mit Gewalt und anderen negativen Dingen assoziiert.
«Dieser ‹Disaster Tourism› verzerrt nicht nur systematisch die Realität vor Ort, er verhöhnt die Menschen, die unter einem brutalen Regime leben müssen», meint die deutsch-afghanische Autorin Mina Jawad zum «Spiegel».
Durchreisende Influencer würden nicht die Landessprache beherrschen und hätten auch sonst wenig Ahnung von Sitten, Gebräuchen und dem Charakter der Taliban-Herrschaft. So dürfen diese sich unwidersprochen als Beschützer der Frauen preisen.
Manche Influencer lassen sich von dem trügerischen Schein blenden und zeichnen ein Bild, das den Machthabern nur gelegen kommt: Afghanistan erscheine als traditionalistisches, aber sicheres Land. «Das sind groteske Fehldarstellungen, aber genau das funktioniert in der Plattformlogik der sozialen Medien», so Jawad. Viele dieser Videos erinnerten sie an koloniale Reisetagebücher, in denen westliche Besucher das «wilde Afghanistan» erkunden.