«Angst und Schrecken»Frauen, Familien, Leid – zwei böse Fälle aus Trumps Amerika
Philipp Dahm
21.5.2026
Eine Frau trauert am 7. Januar 2026 in in Minneapolis, Minnesota, um Renee Nicole Good, die von einem ICE-Agenten erschossen wurde.
Bild:Keystone
Die eine kommt aus Honduras, die andere ist Amerikanerin. Beide sind Mütter, die in die Mühlen des Systems landen. Sowohl Wendy Hernandez Reyes wie auch Patience Rousseau verlieren ein Kind. Zwei Geschichten, die zeigen, wie rau das gesellschaftliche Klima in den USA geworden ist.
Diese zwei Fälle zeigen, mit welch widrigen Umständen Frauen und ihre Familien in den USA heutzutage zu kämpfen haben.
Wendy Hernandez Reyes wird abgeschoben. Trotz Bitten darf sie ihren Sohn nicht mitnehmen, der bald darauf mutmasslich von seinem Onkel getötet wird. Nun macht ICE der Mutter Vorwürfe.
Der Fall von Patience Rousseau spielt sich im ländlichen Amerika ab, wo ein sonderbares Gesetz die Mutter wegen einer Fehlgeburt ins Gefängnis bringt, obwohl Abtreibungen dort legal sind.
ICE schafft Mutter ohne ihren Sohn aus – und gibt ihr nun die Schuld an seinem Tod
Wendy Hernandez Reyes fährt am 8. Januar durch Baldwin County im US-Bundesstaat Alabama mit ihrer Schwester zur Arbeit, als Beamte des Sheriff-Büros ihren Wagen stoppen.
Markiert: Baldwin County am Golf von Mexiko im US-Bundesstaat Alabama.
Google Earth
Die Gesetzeshüter arbeiten mit der Einwanderungsbehörde ICE zusammen, der die beiden Frauen aus Honduras übergeben werden. Hernandes Reys und ihre Schwester werden in ein Abschiebegefängnis im Bundesstaat Louisiana gebracht.
«Ich habe ihnen gesagt, sie sollen mir mit meinem Jungen helfen. Ich brauchte ihn», sagt die Mutter der «Washington Post». Es geht um ihren Sohn Orlin Josue Hernandez Reyes, der drei Jahre alt ist.
ICE blames a mother it deported for her two-year-old son’s alleged murder in the US months later
Orlín Josué Hernandez Reyes, 2, showed multiple broken bones, burns and evidence of sexual abuse after his death in March
www.the-independent.com/news/world/a...
Doch die Einwanderungsbehörde bleibt hart: Weil die Asylsuchende 2022 eine Anhörung verpasst hat, sei ihre Abschiebung bereits geschlossen. Ihr Kind landet bei einem Onkel in Escambia County, Florida. Das Problem: Der 28-jährige Samuel Antonio Maldonado Erazo misshandelt den Dreijährigen schwer. Am 4. März hört das Herz des Kindes auf zu schlagen.
Achtung: Der folgende Abschnitt beschreibt Gewalt gegen Kinder. Wer das nicht lesen möchte, kann ihn überspringen.
Sheriff Chip Simmons beschreibt das Ausmass des Missbrauchs. Der Junge hat ihm zufolge mindestens 17 Schläge auf den Kopf bekommen. Er wies Prellungen am ganzen Körper auf. Das Schlüsselbein war gebrochen. Die Bauchspeicheldrüse war durch stumpfe Gewalteinwirkung gerissen. Auch mehrere Rippen waren gebrochen – eine von ihnen war vollständig von der Wirbelsäule abgerissen. Es gab zudem Anzeichen für sexuellen Missbrauch.
ICE lodged an immigration detainer against Samuel Antonio Maldonado-Erazo, a criminal illegal alien accused of violently abusing and then murdering his three-year-old nephew.
https://go.dhs.gov/iVQ
Der Knabe verstirbt im Spital. Der mutmassliche Täter, der ihn so übel verletzt hat, wird am 5. März verhaftet. Sechs Tage später äussert sich ICE zu dem Fall – und behauptet, die Mutter habe «entschieden, das Kind, das eine US-Staatsbürgerschaft hat, bei ihrer Abschiebung [am 26. Januar] nicht mitzunehmen».
«Dieses Verbrechen ist absolut widerwärtig», zitiert die Behörde ihren Direktor Todd M. Lyons. «Dieser kleine Junge hat sehr gelitten und ist gestorben, als seine Mutter ihn Maldonado-Erazos ‹Obhut› überlassen hat.»
ICE gebe Müttern «die Möglichkeit, mit ihren Kindern abgeschoben zu werden», heisst es weiter. «Aber trotz dieser Möglichkeit entschied sich Reyes dafür, ihren Sohn bei einem gewalttätigen Mörder zu lassen, der ihm das Leben genommen hat.»
ICE accused Wendy Hernandez Reyes of leaving her 2-year-old son with a violent uncle who allegedly abused and killed him.
She says her son would still be alive if officers hadn’t detained and deported her.
Wendy Hernandez Reyes widerspricht entschieden: «Wie hätte ich meinen Sohn verlassen können, wenn er die Liebe meines Lebens war?», sagt sie der «Washington Post». «Ich habe alles mit meinem Sohn gemacht. Ich bin keine schlechte Mutter, die ihr Kind bei einem Mörder gelassen hat.»
Es sei eine «besonders schreckliche Geschichte», ordnet die Abgeordnete Pramila Jayapal den Fall ein. Die in Indien geborene Demokratin setzt sich für die Rechte von Eingewanderten ein. ICE habe Wendy Hernandez Reyes abgeschoben, obwohl sie die Agenten angefleht habe, den kleinen Orlin mitzunehmen.
Wendy Hernandez Reyes.
Aliya Rahman.
Nasra Ahmed.
Destiny Jackson.
Marimar Martinez.
Renee Nicole Good.
These are just some of the women who personally know or have experienced ICE and CBP's cruelty.
Not another cent.
Die Politikerin wirft ICE eine Kampagne gegen Frauen vor, die auch Amerikanerinnen treffen könne, und oft seien es farbige Frauen. Jayapal spricht über Aliya Rahman, Nasra Ahmed, Destiny Jackson, Marimar Martinez und Renee Nicole Good. «Ice-Agenten haben Frauen immer wieder angegriffen», betont die 60-Jährige in ihrem Plädoyer vom 20. Mai.
ICE-Agenten zerren Frau aus ihrem Auto
Am 13. Januar 2026 ziehen Beamte der Einwanderungspolizei ICE eine Frau in Minneapolis, Minnesota, aus ihrem Wagen und verhaften Aliya Rahman.
15.01.2026
Zusammenfassend schreibt Jayapal am 18. Mai auf X. «In diesem Moment leben Familien in unserem Bezirk und im ganzen Land in Angst und Schrecken. Die Kinder gehen zur Schule und wissen nicht, ob ihre Eltern noch da sind, wenn sie nach Hause kommen.»
Wie eine Fehlgeburt Patience Rousseau in Nevada ins Gefängnis bringt
Humboldt County im Norden Nevadas ist ein ländlicher Bezirk. Auf einer Fläche von etwas mehr als der halben Schweiz leben laut dem letzten Zensus nur 17'285 Menschen. Es gibt nur eine Stadt, Winnemucca, mit 8431 Einwohnenden.
An einem Tag im Mai 2018 fährt Deputy Sheriff Jacqueline Mitcham mit ihren Kollegen zu einer damals 26 Jahre alten Mutter, die alleine mit ihren beiden Kindern in Winnemucca wohnt. Sie heisst Patience Rousseau.
Markiert: Lage von Winnemucca im US-Bundesstaat Nevada.
Google Earth
Eine Babysitterin hat der Polizistin den Screenshot eines Facebook-Eintrags geschickt, in dem die Mutter die Fehlgeburt ihres dritten Kindes, die es einige Wochen zuvor gegeben hat, betrauert. Sie schreibt: «Es tut mir so leid, Abel.»
«Warum sollte es dir leid tun? Warum sollte es dir leid tun, Patience?», fragt die Polizistin die Frau immer wieder, die auf der Veranda ihres Hauses zittert. «Ich hatte eine Fehlgeburt, okay? Eine Fehlgeburt. Warum seid ihr hier wegen einer verdammten Fehlgeburt?», fragt sie Mitcham.
Auf Druck der Sheriffs gibt Rousseau jedoch zu, sie habe Zimt genommen und schwer getragen, «um eine Fehlgeburt zu haben». Sie soll Mitcham die Grösse zeigen, die der Fötus erreicht hat. Warum hat sie nicht den Notruf gewählt? «Ich wollte nicht in ein Spital gesteckt werden», antwortet sie. «Wer würde auf meine Kinder aufpassen?»
Rousseau ist arm. Sie hat in ihrem Leben schon «so ziemlich jeden Job» gemacht, schreibt CNN. Den Sheriffs sagt sie, sie habe in ein Abtreibungsspital nach Remo fahren wollen, doch die Stadt ist 265 Kilometer entfernt und ihr Auto oft kaputt. Kein Job, zwei Kinder, keine Hilfe, Angst vor Armut und Obdachlosigkeit.
This is what happens when pregnancy outcomes are criminalized. The charges against Patience Rousseau in Nevada were shockly cruel and ignorant. But eventually she prevailed, and her courage and tenacity are inspring.
Die Sheriffs exhumieren den Fötus, der im Garten begraben ist, und rücken ab. Zwei Tage später wird Rousseau verhaftet, obwohl Abtreibungen in Nevada legal sind. Die Staatsanwaltschaft bemüht jedoch ein Gesetz von 1911, das es in Nevada unter Strafe stellt, Schwangerschaften nach der 24. Woche durch den Konsum von Substanzen abzubrechen.
Rousseau muss bei der Befragung der Sheriffs die Nacht der Fehlgeburt erneut durchmachen. Sie sei blutend und mit starken Schmerzen aufgewacht. Sie habe noch versucht, den Fötus zu beleben. «Ich habe Mühe, Windeln für sie zu bekommen, und ich habe Mühe, Milch ins Haus zu bekommen», sagte sie den Ermittlern mit Blick auf ihre zwei Kinder.
Ihr Anwalt rät Rousseau zu einem Geständnis. Sie wird als erste Frau überhaupt nach dem Gesetz von 1911 verurteilt und muss 2019 ins Gefängnis. 2020 erfährt die Anwältin Laura Fitzsimmons, die sich eigentlich zur Ruhe setzen will, von dem Fall. Sie übernimmt Rousseaus Vertretung pro bono, also gratis.
«[Eine Aktivistin] rief an und fragte: ‹Wusstest du, dass in Nevada eine Frau im Gefängnis sitzt, weil sie ihre eigene Schwangerschaft abgebrochen hat?›», erinnert sich Fitzsimmons bei CNN. «Ich dachte, die Frau sei verrückt, weil das nicht möglich ist. Aber ich habe mich getäuscht.»
Richter hebt Urteil wieder auf
Die Anwältin erreicht eine Wiederaufnahme des Verfahrens, berichtet der US-Sender weiter. Experten bezeugen, dass die Einnahme des Zimts und Rousseaus Verhalten nicht als Todesursache belegt werden könnten. Auch das Alter des Fötus sei nicht bestimmbar.
«Strukturelle Barrieren», die «leider häufig sind», hätten verhindert, dass Rousseau eine Abtreibung hätte durchführen lassen können, sagt der Arzt Miska Terplan vor Gericht: «Ihr Leben und der Verlust ihrer Schwangerschaft sollten Fürsorge und Mitgefühl hervorrufen, nicht Kriminalisierung.»
Nicht zuletzt räumt Rousseaus früherer Anwalt vor Gericht ein, er sei wegen Überlastung mit dem Fall überfordert gewesen. Der Richter Charles McGee kassiert deshalb 2021 das Urteil und spricht der Betroffenen 100'000 Dollar zu.
Patience Rousseau went to prison for over 2 years after she was pressured into pleading guilty to "causing" herself to miscarry by...ingesting cinnamon and lifting heavy objects pic.twitter.com/yEaOUxcEjQ
«Patience wurde als Antichristin dargestellt, aber dieser Richter glaubt, dass sie stattdessen nur eine Mutter ist, die hoffnungslos im Netz der Armut gefangen ist und der es an jeglichem Unterstützungssystem fehlt», begründet McGee sein Urteil recht deutlich.
Der Rekurs der Staatsanwaltschaft wird am 7. April abgewiesen. Als Rousseau nach dem Fötus fahndet, entdecken sie und ihre Anwältin ihn schliesslich bei Deputy Sheriff Jacqueline Mitcham, die sich als die Mutter ausgegeben, ihn abgeholt und eingeäschert hat. Die Urne stehe nun in Mitchams Haus in Texas, weiss die «Washington Post».
Anwältin Fitzsimmons hat Rousseau wieder mit ihren Kindern vereint. Sie hat inzwischen ein drittes bekommen, hat einen Job und lebt in Sturgis, South Dakota. Ihre drei Jungs seien ihr Ein und Alles: «Ich bin nach Hause gekommen, habe nie aufgegeben und immer dafür gekämpft, dass sie die ganze Zeit zusammenbleiben, und das war immer mein Ziel.»