So unbeliebt ist der KanzlerFazit nach einem Jahr Friedrich Merz: Es könnte besser laufen
Andreas Fischer
6.5.2026
Ein Jahr Schwarz-Rot – Was ist geschafft?
Berlin, 04.05.2026:
Ein Jahr Schwarz-Rot – was ist geschafft? Von Beginn an wollten Union und SPD liefern. Doch der Start der Regierung verlief holprig.
Bundeskanzler Friedrich Merz wurde erst im zweiten Wahlgang gewählt. Für Kritik sorgte früh eine Grundgesetzänderung: Die Schuldenbremse wurde für Verteidigung gelockert und ein 500-Milliarden-Euro-Sondervermögen beschlossen.
Inzwischen sind erste Massnahmen umgesetzt: etwa bei Rente, Migration und Sozialpolitik. Mehr als 32.000 Menschen wurden an den Grenzen zurückgewiesen. Insgesamt beschloss die Regierung 175 Gesetze und Massnahmen.
Viele zentrale Reformen stehen jedoch noch aus. Für das erste Jahr wurde beispielsweise eine erneute Wahlrechtsreform angekündigt – eine Einigung fehlt bislang. Auch andere Themen bleiben strittig, die Schuldenbremse bleibt ein Thema: Die SPD will sie weiter reformieren, grosse Teile der Union lehnen das ab.
Und der Krieg und seine Folgen machen es der Koalition weiter schwer, ein Hauptziel zu erreichen: Wachstum. Wirtschaftsministerin Reiche musste ihre Konjunkturprognose für dieses Jahr erst kürzlich auf lediglich 0,5 Prozent halbieren.
04.05.2026
Die Umfragewerte sind im Keller, das Image mehr als angekratzt. Einzelne meinen sogar, der erste Jahrestag seiner Regierung könnte der letzte werden. Kriegt der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz noch die Kurve?
Friedrich Merz ist vor einem Jahr mit grossen Worten als deutscher Bundeskanzler gestartet.
Doch wie viele von seinen Versprechen konnte er umsetzen? Wie gut ist dem 70-Jährigen der Sprung von der Oppositionsbank ins lang ersehnte Kanzleramt gelungen?
Das Fazit nach einem Jahr Merz-Regierung in Deutschland: Es könnte besser laufen.
Die Sache mit dem Bierdeckel, die wird Friedrich Merz nicht wieder los. 2003 war es, als der damalige CDU-Vizefraktionschef erklärte, er wolle das Steuersystem so einfach gestalten, dass die Steuererklärung auf einen Bierdeckel passe. Es war eine typisch markige Merz-Ansage und ein Symbol für Klarheit, Entschlossenheit und wirtschaftsliberalen Aufbruch.
Gut 20 Jahre später ist Joachim-Friedrich Martin Josef Merz deutscher Bundeskanzler – und hat jetzt, am 6. Mai 2026, das erste Jahr im Amt geschafft. Statt Bierdeckel-Vereinfachung herrscht allerdings Regierungsrealität. Und die ist kompliziert, widersprüchlich, konfliktreich.
Es ist Zeit für eine erste Bilanz. Immerhin ist der heute 70-jährige Merz mit dem Anspruch angetreten, Deutschland wirtschaftlich zu stärken, politisch neu zu positionieren und Führungskraft zu zeigen. Er wolle Politik machen für Leute, die «alle Tassen im Schrank» hätten, nicht «für irgendwelche grüne und linke Spinner».
Friedrich Merz hat in seinem ersten Jahr als deutscher Bundeskanzler nicht immer das politische Glück auf seiner Seite gehabt.
KEYSTONE
Also: Was wurde aus den grossen Wahlkampfversprechen von Friedrich Merz? Was hat sich in Deutschland konkret verändert? Und würden ihn die Deutschen nochmal wählen?
Hat Friedrich Merz seine (oft markigen) Versprechen gehalten?
Um es kurz zu machen: Nein, nicht immer.
Merz hatte jahrelang aus der Opposition heraus mit klaren, oft zugespitzten Positionen die Regierung attackiert und ihr Schuldenmacherei vorgeworfen. Kurz vor seiner Wahl gab er dann aber den Anstoss für eine Grundgesetzänderung, durch die die Schuldenbremse für Verteidigungsinvestitionen gelockert und ein 500-Milliarden-Euro-Sondervermögen auf den Weg gebracht wurden. Damit hatte seine Glaubwürdigkeit schon gelitten, bevor er ins Bundeskanzleramt einzog.
Was hat Friedrich Merz als Bundeskanzler für Deutschland erreicht?
Insgesamt hat die schwarz-rote Bundesregierung in den ersten zwölf Monaten 175 Gesetze und Massnahmen beschlossen. Einige zielen auf konkrete Verbesserungen für Wohnungssuchende, Verbraucher, Autofahrer oder andere Gruppen.
Die Liste grosser Reformen ist bislang allerdings überschaubar. Viele der zentralen Projekte – Rente, Steuern, Pflege, Gesundheit – sind angekündigt, aber nicht umgesetzt.
Das Narrativ des Aufbruchs bleibt damit bislang vor allem eines: ein Versprechen. Kritiker sprechen bereits von einem «Enttäuschungsberg», der sich vor dem Kanzler auftürmt. Oder um es anders auszudrücken: Merz wurde als Kanzler von der Regierungsrealität eingeholt.
Inzwischen ist immerhin ein «Investitions-Sofortprogramm» angelaufen. «Alles, was gebaut werden soll und geplant ist, kann gebaut werden», heisst es bei der Regierung. Schulen, Brücken, Strassen und Schienen würden saniert. Unklar ist indes, inwieweit es sich tatsächlich um zusätzliche Investitionen handelt, die es regulär nicht gegeben hätte.
Wie souverän agiert Friedrich Merz als Regierungschef?
Nicht besonders. Seine Koalition wirkt oft wie ein Bündnis unter Spannung. Merz selbst klagt öffentlich, die Union habe der Regierung noch nicht ausreichend ihren Stempel aufgedrückt.
Gleichzeitig eskalieren Konflikte intern. Berichte über lautstarke Auseinandersetzungen – etwa mit Vizekanzler Lars Klingbeil – verstärken den Eindruck eines Kanzlers im Dauerstreitmodus. Merz, so scheint es, hat immer wieder Schwierigkeiten, seine Leute – und auch sich – in den Griff zu bekommen. Manche sprechen bereits von einer fehlenden Impulskontrolle des Kanzlers.
Zuletzt wurde Merz zunehmend von seiner eigenen Partei kritisiert: als unnahbar, beratungsresistent und strategisch ungeschickt.
Wo knirscht es im politischen Gebälk?
Überall. Dabei war die Ausgangssituation für die Regierung eigentlich günstig. Union und SPD waren bei der Regierungsbildung nicht auf die Grünen angewiesen, was eigentlich alles hätte einfacher machen können.
Doch schlitterte die Regierung in ihre erste Krise, bevor sie überhaupt vereidigt war: Friedrich Merz scheiterte bei der Kanzlerwahl im ersten Anlauf, weil ihm Leute aus den eigenen Reihen die Stimme verweigerten. Dass ein Kanzler erst im zweiten Wahlgang gewählt wurde, war ein Novum in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland.
„Ich habe keine Vollmacht, die CDU umzubringen“ – für Bundeskanzler Friedrich Merz haben Kompromisse in der Regierung Grenzen.#Miosgapic.twitter.com/7104jlAvGt
Ausserdem hatte die Regierung zunächst zehn Monate ohne Landtagswahlen vor sich. Beste Voraussetzungen, um ohne Profilierungszwänge befreit losregieren zu können. Eigentlich.
Welchen Kurs fährt Merz in der Wirtschaft – und wer profitiert?
Das Hauptziel von Friedrich Merz ist: Wachstum. Er ist mit dem Anspruch gestartet, Deutschland wirtschaftlich neu aufzustellen. Doch konkrete, spürbare Richtungsentscheidungen bleiben bislang aus. Die Konjunkturprognose musste für dieses Jahr schon auf lediglich 0,5 Prozent halbiert werden.
Friedrich Merz hat mit Katherina Reiche eine ehemalige Lobbyistin und Managerin als Wirtschaftsministerin eingesetzt. Die Nähe zur Wirtschaft merkt man der Politik an. Umgesetzt sind vor allem Entlastungen von Firmen – etwa für stromintensive Unternehmen durch einen staatlich subventionierten Industriestrompreis.
Wie hat Merz Deutschlands Rolle in der Welt verändert?
Aussenpolitisch zeigt sich ein gemischtes Bild. Friedrich Merz hat erkennbar mehr Anspruch auf eine deutsche Führungsrolle in Europa und der Welt. Allerdings geht er dabei nicht immer geschickt und stringent vor.
Zuletzt hat Merz besonders im Verhältnis zu den USA der Ton spürbar verschärft: Dabei konnte ihn Donald Trump eigentlich ganz gut leiden. Schon allein, weil Merz nicht Merkel war. Ausserdem wagte Merz zunächst kaum Widerworte.
Mittlerweile ist die Männerfreundschaft erkaltet. Merz hat es gewagt, den US-Präsidenten zu kritisieren, der sich mit höheren Zöllen für deutsche Autos und dem Abzug von 5000 Soldaten aus Deutschland revanchierte.
Wie bewerten die Deutschen ihren Kanzler?
Zurückhaltend – um es vorsichtig auszudrücken. In einer aktuellen, deutschlandweiten Umfrage zeigten sich nur noch 15 Prozent der Befragten zufrieden mit der Regierungsarbeit. Das ist der bisher niedrigste Wert für Merz und sein Kabinett.
Der Vertrauensverlust trifft auch den Chef persönlich: Auf der Beliebtheitsskala mit 20 Spitzenpolitikern liegt Friedrich Merz auf dem letzten Platz – deutlich hinter Oppositionsführerin Alice Weidel von der AfD und Linken-Frontfrau Heidi Reichinnek.
Wenn jetzt gewählt würde, hätte die Merz-Regierung aus Union und SPD allen Umfragen zufolge keine Mehrheit mehr. Zusammen kommen die Koalitionsparteien nur noch auf 34 bis 40 Prozent. Bei der Bundestagswahl waren es 44,9. In vier von fünf Umfragen grosser Meinungsforschungsinstitute seit Mitte April hat die AfD die Union als stärkste Kraft abgelöst – mit bis zu vier Prozentpunkten Vorsprung.
Das Fazit? Ganz so einfach ist Regieren offensichtlich nicht. Auf jeden Fall braucht es dafür mehr als eine Bierdeckel-Idee.
Dieser Artikel wurde unter anderem mit Agenturmaterial erstellt.
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