Seit dem Sturm aufs Kapitol hat jeder eine Meinung zu Pauline

Von Michael Kunzelman, AP

29.7.2021

Am 6. Januar hatte sich Pauline Bauer in Washington dem Mob angeschlossen, der gewaltsam in das Kapitol eingedrungen war. Foto: Michael Kunzelman/AP/dpa
Die Meinung der Leute ist ihr herzlich egal: Pauline Bauer in ihrem Restaurant.
Michael Kunzelman/AP/dpa

Lange war Pauline Bauer in der Kleinstadt Kane, im US-Staat Pennsylvania, vor allem wegen ihrer Pizzas bekannt. Nachdem sie beim Sturm aufs Kapitol mitgemacht hat, hat sich das geändert.

Von Michael Kunzelman, AP

29.7.2021

Am Telefon wollte jemand eine «Pizza Revolte» bei ihr bestellen. In einer E-Mail wurde sie als Terroristin beschimpft. Zuletzt nahm sogar eine der in den USA so populären Late-Night-Shows die Restaurant-Besitzerin aufs Korn. Aber mit solchen Reaktionen muss wohl rechnen, wer das tut, was Pauline Bauer getan hat. 

Am 6. Januar hatte sich Bauer in Washington dem wütenden Mob angeschlossen, der gewaltsam in das Kapitol eingedrungen war. In ihrer Heimatstadt im ländlichen Pennsylvania sind viele Mitbürger entsetzt, dass es mit ihr so weit kommen konnte.

«Ich finde, es war ganz ungeheuerlich. Es war illegal und ich denke, es war Landesverrat», sagt Joe Lanich, der in dem etwa 3500 Einwohner zählenden Kane mit seiner Frau eine kleine Buchdruckerei betreibt. Die meisten Menschen in Kane würden hart dafür arbeiten, die Stadt voranzubringen – und sie «wollen nicht, dass eine Person uns in ein schlechtes Licht rückt».

Was andere denken, ist ihr egal

Bauer muss sich wegen ihrer Teilnahme an dem Sturm auf das Kapitol vor Gericht verantworten, ebenso wie William Blauser Jr., ein langjähriger Freund der Anhängerin von Ex-Präsident Donald Trump. Dass sie inzwischen oft angefeindet wird, scheint sie kaum zu kümmern. Zugleich ist ihr aber bewusst, dass sie in ihrer Heimatstadt viele Menschen verärgert hat. «Manche Leute mochten es nicht, dass ich politisch wurde», sagt sie während eines Gesprächs mit der Nachrichtenagentur AP in ihrem Restaurant «Bob's Trading Post».



Trump und seine Unterstützer versuchen bis heute, die Aufrührer vom 6. Januar als friedliche Patrioten darzustellen – obwohl Videoaufnahmen belegen, wie einige von ihnen auf Polizisten einschlugen und im Herzen der amerikanischen Demokratie Jagd auf Abgeordnete machten. Vor einem Untersuchungsausschuss sagten am Dienstag Sicherheitskräfte, die an dem Tag im Einsatz gewesen waren, sie hätten um ihr Leben gefürchtet und würden noch immer darunter leiden.

Die Restaurant-Besitzerin Bauer soll während der Tumulte Polizisten vor Ort aufgerufen haben, Nancy Pelosi, die demokratische Vorsitzende des Repräsentantenhauses, «herauszubringen», damit sie gehängt werden könne. Fünf Menschen kamen bei dem Angriff auf das Kapitol ums Leben, Dutzende Sicherheitskräfte wurden verletzt. Gegen mehr als 500 Personen ist inzwischen Anklage erhoben worden.

Trotz allem gibt es in der Kleinstadt Kane noch immer auch Leute, die Bauer zur Seite stehen. Sie selbst betont, dass sie keine Freunde verloren und auch keine geschäftlichen Einbussen erlitten habe. Bei dem Besuch der AP an einem Mittwochabend sind alle Tische in ihrem Restaurant besetzt. «Sie ist ein Mensch, der für die eigenen Rechte eingetreten ist. Sie sollte das Recht haben, für das einzutreten, an das sie glaubt», sagt der 68-jährige Glenn Robinson.

Laut einer aktuellen Umfrage der Monmouth University betrachten 47 Prozent der Republikaner den Aufstand vom 6. Januar als einen «legitimen Protest». Unter den Demokraten tun dies demnach nur 13 Prozent. In einer Umfrage von AP-Norc bezeichneten es zuletzt 81 Prozent der Demokraten als «extrem» oder «sehr» wichtig, dass die Ermittlungen zu dem Sturm auf das Kapitol fortgesetzt würden – eine Meinung, die nur von 38 Prozent der befragten Republikaner geteilt wurde.

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In dem Bezirk, zu dem Kane gehört, hatte Trump bei der Wahl im vergangenen Herbst fast drei Viertel der Stimmen bekommen. An vielen Wohnhäusern und Geschäften der Stadt hängen noch heute Trump-Fahnen. Bauer betreibt in Kane seit 15 Jahren ihr Restaurant – und bis vor gut einem Jahr war sie politisch kaum aktiv.

In der Pandemie wurde sie dann aber zu einer offenen Kritikerin der verhängten Schutzmassnahmen. Nach Angaben der Lokalzeitung «The Kane Republican» hatte sie sich zwei Wochen vor ihrer Festnahme im Mai bei einer Sitzung des örtlichen Schulausschusses über eine Maskenpflicht beschwert.

Ideologisch näherte sich Bauer derweil einer Bewegung an, die jegliche Autorität der Regierung ablehnt. Dies hat sie auch dem für ihren Fall zuständigen Richter zu verstehen gegeben. Im Juni musste sie eine Nacht im Gefängnis verbringen, weil sie sich geweigert hatte, Routinefragen zu beantworten. Bei einer Anhörung erklärte sie kürzlich, dass sie das Gericht nicht anerkenne und auch nicht von einem Anwalt vertreten werden wolle.

Zielscheibe des Spotts

Über das Verhalten der Restaurant-Besitzerin aus Kane wurde auch in nationalen Medien berichtet. Und in einer Ausgabe von «The Late Show with Stephen Colbert» machte sich der Gastgeber darüber lustig, dass Bauer sich als eine «von Gott ermächtigte Entität» bezeichnet hatte, die «gegen Gesetze immun» sei. «Das wirft eine Frage auf», witzelte Colbert. «Wenn Sie von Gott auserwählt wurden, über den Gesetzen der Regierung zu stehen, warum kümmert es Sie dann, wer für diese verantwortlich ist?»

Bauer hatte am 6. Januar auf Facebook gepostet, dass sie im Inneren des Kapitols sei. Mehrere Personen, die den Post sahen, meldeten dies der US-Bundespolizei FBI. Einer der Zeugen war laut FBI ein Kunde, der erklärt habe, Bauer sei «im Laufe des zurückliegenden Jahres immer politischer geworden» und viele Leute hätten ihre «dauernde politische Rhetorik» als unangenehm empfunden. Den Ermittlern zufolge hatte Bauer auch versucht, über die Facebook-Seite ihres Restaurants eine Busreise zu den Protesten am 6. Januar zu organisieren.

Bauer und ihr guter Freund Blauser wurden kurz nach ihren Festnahmen gegen Kaution wieder freigelassen. Bisher haben sie keine Termine für ihre Prozesse genannt bekommen. Aber auch ganz unabhängig von der rechtlichen Aufarbeitung dieses Falls sieht Brandy Schimp, die republikanische Bürgermeisterin von Kane, ihre Stadt noch vor enormen Herausforderungen stehen. Es gebe zu viel Spaltung, zu viel Wut, zu viel Traurigkeit und zu viel Frust, sagt sie.