Gangster setzen in Favelas Ausgangssperren durch

Philipp Dahm

27.3.2020 - 18:00

«Eines Tages kommt die Rechnung», steht neben dieser Projektion des brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro am 19. März in São Paulo.
Bild: Keystone

Während Jair Bolsonaro die Corona-Krise als Verschwörung abtut, nehmen die Brasilianer die Gefahr ernst. Gouverneure verweigern dem Präsidenten die Gefolgschaft – und Gangs wollen Ausgehverbote durchsetzen.

Als am 12. März bekannt wird, dass der Pressesprecher des Präsidenten an Covid-19 erkrankt ist, macht das manchem besorgten Brasilianer Hoffnung. Nicht weil sie Fabio Wajngarten dieses Schicksal gönnen würden, sondern weil sie hoffen, dass Jair Bolsonaro endlich aufwacht – und die weltweite Corona-Krise ernst nimmt.

Sie haben sich getäuscht. «Wenn man Fussball und anderes verbietet, verfällt man in Hysterie. Solche Verbote können die Ausbreitung nicht eindämmen», predigt der Staatschef am Sonntag, den 15. März, von der Fernsehkanzel. Die Ratschläge seiner Fachleute, soziale Kontakte zu meiden, schlägt Bolsonaro in den Wind: Der Populist schüttelt vor dem TV-Interview in der Öffentlichkeit demonstrativ Hände.

Es vergehen noch mal zwei Tage, bis der Druck auf den 65-Jährigen gross genug und der Notstand ausgerufen wird – eine Grundvoraussetzung, damit Sondermittel etwa für die Anschaffung von Covid-19-Tests fliessen können. In der Bevölkerung hat der Präsident derweil Rückhalt verloren: nicht weil Matches ausfallen, sondern weil die Menschen mit dem Krisenmanagement des Ex-Militärs unzufrieden sind. 

Während die Schweizer sich auf Balkonen versammeln, um Ärzten und Pflegepersonal per Applaus Tribut zu zollen, sammeln sich die Brasilianer, um mit Topfschlagen ihren Unmut mit der Regierung auszudrücken. Das schlägt sich in den Umfragewerten nieder: Anfang der Woche finden bloss 34 Prozent der Teilnehmer einer Umfrage, Bolsonaro reagiere «gut» oder «sehr gut» auf die Pandemie.

Shoot the Messenger

Der fünffache Vater reagiert, indem er den Überbringer der schlechten Botschaft angreift. Am vergangenen Sonntag hält Bolsonaro erneut TV-Gericht und beschuldigt im Interview Medien und Oppositionelle der Manipulation der Massen.

«Die Leute werden sehr bald sehen, dass sie, wenn es um das Coronavirus geht, von Gouverneuren und grossen Teilen der Presse getäuscht worden sind», sagt er, obwohl zu jenem Zeitpunkt bereits über 1'500 Infektionen im Land bekannt und 25 Menschen gestorben sind.

Demonstrationen gegen Bolsonaro in der Schweiz

Mehr noch: Das seit sechs Wochen anhaltende, sonntägliche Topfschlagen wie auch die schlechten Umfragewerte seien das Ergebnis einer Intrige, glaubt Bolsonaro. «Es ist eine schamlose Kampagne, eine kolossale und absurde Kampagne gegen den Kopf des Staates. Sie wollen mich rausdrängen – auf welchem Weg auch immer.»

Grossstädte ergreifen die Initiative

Zwischen Sonntag und Mittwoch steigen die Zahlen der Infektionen und Toten auf 2'433 und 57 an.

Sie müssten höher sein, wenn mehr Menschen handeln würden, wie es Bolsonaro am Vortag in einer landesweiten TV-Ansprache empfohlen hat. Das Virus sei nur für die Generation Ü60 ein Problem, wobei ihm als 65-Jährigen wegen seiner «Vorgeschichte als Athlet» keine Gefahr drohe. Und auch andere Viren würden töten, wegen denen werde aber «nicht so viel Aufhebens» gemacht.

Die Fallzahlen wären wohl noch höher, würden sich die Gouverneure der grossen Bundesstaaten nicht widersetzen: In Rio de Janeiro und São Paulo sind Geschäfte geschlossen und der Nahverkehr eingestellt worden.

Umdenken: Polizisten vertreiben per Helikopter Touristen vom Strand.

Selbst das Militär unterstützt eine Ausgangsperre, doch Bolsonaro will der Wirtschaft keine Steine in den Weg legen. Am Donnerstag verfügt der Präsident per Dekret, dass Kirchen trotz Ausgangssperren weiterhin Messen abhalten dürfen.

Gangs als Gesundheitspolizei

Ob der staatlichen Ignoranz ist es sogar so weit gekommen, dass kriminelle Gangs plötzlich zur Gesundheitspolizei werden. «Wenn die Regierung nicht das Richtige tut, tut es das organisierte Verbrechen», heisst es nun in Rio de Janeiro.

Ein Aufruf im Internet liest sich wie folgt: «Achtung, Bewohner von Rio das Pedras, Muzema und Tijuquinha! Ausgangssperre ab 20 Uhr. Wer danach auf der Strasse gesehen wird, wird lernen, die nächste [Ausgangssperre] zu respektieren.»

In anderen Drohungen steht lokalen Medien zufolge noch, die Gangs wollten «nur das Beste für die Bevölkerung». 1,5 Millionen Menschen leben dicht gedrängt in Rios Favelas, in denen Schulen und Geschäfte geschlossen sind. Die erste Infektion ist in Brasilien am 26. Februar nachgewiesen worden. Inzwischen sind 2'988 Infizierte und 77 Todesopfer zu beklagen.

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