Rätselhafter Identitätsraub in den USA Geheimtinte, Codes und falsche Papiere

AP

1.8.2022 - 17:16

Primose, ein US-Verteidigungsunternehmer, und Morrison, die jahrzehntelang unter der Identität zweier toter texanischer Kinder lebten, wurden wegen Identitätsdiebstahls und Verschwörung gegen die Regierung angeklagt.
Primose, ein US-Verteidigungsunternehmer, und Morrison, die jahrzehntelang unter der Identität zweier toter texanischer Kinder lebten, wurden wegen Identitätsdiebstahls und Verschwörung gegen die Regierung angeklagt.
United States District Court District of Hawaii/AP/Keystone

Es könnte das Drehbuch für einen Spionagefilm sein: In den USA wird ein Paar beschuldigt, jahrzehntelang unter der falschen Identität verstorbener Babys gelebt zu haben. Die Anklage schliesst Verbindungen nach Russland nicht aus.

DPA, AP

Mit 27 Jahren wurde Bobby Edward Fort 1994 von der US-Küstenwache einberufen. 22 Jahre später schied er aus dem Dienst und arbeitete für einen Rüstungskonzern in Honolulu. Doch in Wahrheit war Bobby Fort schon lange tot: Er war im Alter von nicht einmal drei Monaten 1967 in einem Krankenhaus in Texas gestorben. Der Bobby Fort, der bei der Küstenwache angeheuert hatte, hatte die Identität des toten Babys vor 35 Jahren gestohlen. Mithilfe einer falschen Geburtsurkunde konnte der Mann sich fünf Pässe, Führerscheine und Referenzen des US-Verteidigungsministeriums besorgen.

Der Betrug flog erst in der vergangenen Woche auf: Wie der Mann soll auch seine Ehefrau jahrzehntelang unter der geraubten Identität eines Kindes aus Texas gelebt haben. Ein Bezirksrichter ordnete Untersuchungshaft für den inzwischen 66-Jährigen an, der seinen Namen vor Gericht mit Walter Glenn Primrose angab.

«Versiert darin, sich als jemand anders auszugeben»

Die Anhörung brachte keinen Aufschluss darüber, warum das Paar seine eigene Vergangenheit verschleierte, sondern warf im Gegenteil neue Fragen auf. Ob der Fall über gestohlene Identitäten hinausgeht, ist ebenfalls noch unklar. Staatsanwalt Wayne Myers deutete jedoch an, dass der beschuldigte Mann Beziehungen ins Ausland haben könnte.

«Wir glauben, dass der Angeklagte offensichtlich sehr versiert darin ist, sich als jemand anders auszugeben, offizielle Ausweisdokumente zu erhalten, zu täuschen und nicht entdeckt zu werden», sagte Myers. «Er könnte – wir sagen nicht, dass das sicher der Fall ist – beunruhigende ausländische Verbindungen haben. Und wenn das zutrifft, könnte er diese womöglich nutzen, um sich Hilfe suchen.»

Geheimtinte und Karten von Stützpunkten

Bei einer Durchsuchung des Hauses, in dem das Paar auf Hawaii lebte, wurden dem Staatsanwalt zufolge verblichene Polaroids gefunden, auf denen beide in offenbar echten russischen KGB-Uniformen zu sehen sind. Ein Experte datierte den Zeitpunkt der Aufnahme auf die 80er Jahre. In dem Haus wurden zudem ein Set mit Geheimtinte, Dokumente in verschlüsselter Sprache sowie Karten von Militärstützpunkten sichergestellt, wie Myers sagte. Aufnahmen von einem Gespräch des Paares unter vier Augen deuteten auf einen Spionage-Hintergrund hin.

Der Pflichtverteidiger der beiden, Craig Jerome, erklärte, die Regierung habe nur Spekulationen und keine Beweise dafür vorgelegt, dass das Paar in ein schwereres Verbrechen verwickelt sein könnte. Wenn der Fall nicht derart aufgeladen worden sei, wäre sein Mandat sicher freigelassen worden, sagte Jerome.

Die Ankläger sahen indes eine Fluchtgefahr. Sie wiesen vor Gericht darauf hin, dass Primrose bei der Küstenwache als Elektrotechniker gearbeitet habe und hochqualifiziert sei, um im Fall einer Freilassung verdeckt kommunizieren zu können. Ob seine Ehefrau Gwynne Darle Morrison gegen Kaution auf freien Fuss kommt, will das Gericht am Dienstag entscheiden.

«Sie will, dass alle wissen, dass sie keine Spionin ist»

Morrisons Anwältin Megan Kau betonte, die Eheleute hätten unabhängig von den Namen, die sie gebrauchten, ein unbescholtenes Leben geführt. In den mutmasslichen KGB-Uniformen hätten beide zum Spass für Fotos posiert. «Sie will, dass alle wissen, dass sie keine Spionin ist», sagte Kau über ihre Mandantin. «Das alles ist unverhältnismässig aufgeblasen worden. Die Regierung schiesst über das Ziel hinaus.»

Die Geschichte des Paares beginnt in Texas, wo Primrose und Morrison zusammen zur Schule und aufs College gingen und 1980 heirateten. In den frühen 80er Jahren verkündeten sie ihren Angehörigen, in ein Zeugenschutzprogramm zu gehen, wie Myers sagte. Sie übergaben die Schlüssel für ihr Haus in Nacogdoches und sagten den Verwandten, diese könnten sich nehmen, was sie wollten. Dann verliessen die Eheleute abrupt die Stadt und Texas, das Haus wurde später zwangsversteigert.

Als sie wiederauftauchten, hatten sie neue Namen und unterschiedliche Erklärungen dafür, was passiert war. Primrose nahm 1987 die Identität von Fort an, Morrison die von Julie Lyn Montague, die 1968 als Kind im selben Krankenhaus wie Fort im texanischen Burnet gestorben war. In ihren neuen Ausweispapieren waren die Eheleute, die 1955 geboren wurden, beide mehr als zehn Jahre jünger als in Wahrheit.

Ihrem Umfeld erzählten sie laut Myers, dass sie ihre Namen aus rechtlichen und finanziellen Gründen hätten ändern müssen. Primrose erklärte einmal, er sei ein Regierungsvertreter und könne deshalb keine Fotos von sich selbst teilen. Gerichtsdokumenten zufolge heiratete das Paar unter den neuen Namen 1988 noch einmal.

Primrose interessiere sich nach Angaben von Staatsanwalt Myers seit langem für Spionage. Seine Frau sei regierungs- und militärkritisch eingestellt gewesen und soll zu Zeiten des Kommunismus in Rumänien gelebt haben – was Anwältin Kau jedoch als falsch zurückwies.

Das Paar wurde nun in seinem Haus in Kapolei auf Hawaii festgenommen und unter anderem des schweren Identitätsbetrugs beschuldigt. Beiden drohen bis zu 17 Jahre Haft.