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Die Rettung des gestrandeten Buckelwals beschäftigt seit Wochen Medien weltweit.
Daniel Bockwoldt/dpa
Die Rettung des Wals vor der deutschen Insel Poel bewegt Millionen – Hoffnung und Ohnmacht liegen nah beieinander. Eine Expertin von Oceancare erklärt, wieso der Wal zum Symbol für die stillen Dramen in unseren Meeren wird.
Ein Tier kämpft ums Überleben – und löst weltweit Emotionen aus. Die dritte Rettung des Buckelwals vor der deutschen Ostseeinsel Poel entwickelt sich zum medialen Krimi.
Doch warum bewegt uns ein einzelner Wal oft mehr als ganze Umweltkrisen? Blue News hat bei Fabienne McLellan, CEO der Meeresschutzorganisation Oceancare, nachgefragt.
Warum bewegt die Bergung eines einzelnen Wals die Öffentlichkeit so stark?
Fabienne McLellan, CEO von Oceancare: Das Schicksal eines einzelnen Tieres löst starke Emotionen aus. Wale sind hochentwickelte, soziale Tiere, zu denen viele Menschen eine besondere Beziehung haben. Gleichzeitig macht der gestrandete Wal komplexe Umweltprobleme greifbar. Seine wiederholten Strandungen haben Hoffnung geweckt und die Emotionen verstärkt. Dazu kommt ein Gefühl der Hilflosigkeit – beim Tier wie auch bei den Menschen, die nur begrenzt helfen können. Dass sich der Wal ausserhalb seines natürlichen Lebensraums befindet, lässt die Situation besonders tragisch erscheinen.
Auch die starke Präsenz in den (sozialen) Medien sowie die Sehnsucht nach einem «Happy End» haben die Aufmerksamkeit zusätzlich verstärkt.
Oceancare ist eine unabhängige Schweizer Non-Profit-Organisation, die sich seit 1989 weltweit für den Schutz der Meere und Meerestiere einsetzt. Die Organisation arbeitet mit Forschungs- und Schutzprojekten, Kampagnen und politischem Engagement daran, die Lebensbedingungen in den Ozeanen zu verbessern und Bedrohungen wie Unterwasserlärm, Überfischung oder Plastikverschmutzung zu bekämpfen. Seit 2011 ist Oceancare zudem als Sonderberaterin der UNO im Bereich Meeresschutz tätig.
Was macht den gestrandeten Wal zu einem so wirkmächtigen Symbol – und warum berührt er viele Menschen stärker als abstrakte Umweltprobleme?
In einem einzelnen Tier verdichten sich viele strukturelle Probleme, die sonst schwer sichtbar sind: Fischerei, Schiffsverkehr, Plastikverschmutzung, Unterwasserlärm oder Veränderungen im Ökosystem bleiben meist unsichtbar. Seltene Strandungen hingegen sind sichtbare Symptome an der Spitze des Eisberges, während sich die wahren Dramen weit draussen im Ozean abspielen.
Wo denn zum Beispiel?
Bei Grosswalen geht man davon aus, dass Strandungen nur einen kleinen Teil der tatsächlichen Todesfälle durch Schiffskollisionen zeigen – möglicherweise bis zum 20-Fachen unterschätzt. Diese Einschätzung stammt unter anderem vom Meeresbiologen Alexandros Frantzis. Im konkreten Fall dieses Wals lässt sich dies jedoch nicht sicher sagen.
Der Wal wird dadurch zur Projektionsfläche: Er steht stellvertretend für ein grösseres Problem. Gleichzeitig reagieren Menschen stärker auf Einzelschicksale, was sich auch darin zeigt, dass der Wal «getauft» wurde.
Wie hoch sind die realistischen Überlebenschancen eines Wals, der bereits mehrfach gestrandet ist?
Die Überlebenschancen eines Wals, der bereits mehrfach gestrandet ist, sind in der Regel sehr gering.
Was sind die Gründe?
In diesem Fall war das Tier laut Einschätzungen von Fachorganisationen wie der British Divers Marine Life Rescue bereits geschwächt und zusätzlich in Fischereigerät verheddert, was seine körperliche Verfassung stark beeinträchtigt hat. Die wiederholten Strandungen sind ein klares Indiz dafür, dass der Wal nicht mehr die Kraft hatte, sich dauerhaft im offenen Meer zu halten. Unter diesen Umständen sind erfolgreiche Rückführungen äusserst unwahrscheinlich, und weitere Versuche bedeuten vor allem zusätzlichen Stress und Belastung für das Tier. Die Umstände des in der Ostsee mehrfach gestrandeten Buckelwals sind zusätzlich erschwert, da sich das Tier fernab von seinem eigentlichen Lebensraum – dem Atlantik – befindet. Bei lebend gestrandeten Walen ist schnelles Handeln entscheidend: Experten müssen sofort alarmiert werden. Sind die Tiere noch in gutem Zustand, können Re-Floating-Massnahmen erfolgreich sein – sowohl bei Barten- als auch bei Zahnwalen.
Ab welchem Punkt kann eine Rettungsaktion eher eine Verlängerung von Tierleid darstellen als Hilfe?
Wenn ein Tier bereits stark geschwächt ist und wiederholt strandet, sinken die Erfolgsaussichten einer Rettung erheblich. In solchen Fällen muss abgewogen werden, ob weitere Eingriffe dem Tier tatsächlich helfen oder vor allem zusätzlichen Stress verursachen. Gerade bei grossen Walen sind die technischen Möglichkeiten zur Rettung sehr begrenzt. Gleichzeitig ist auch eine Euthanasie praktisch kaum umsetzbar, da die dafür benötigten Medikamentenmengen für ein Tier dieser Grösse nicht verfügbar sind und alternative Methoden nicht zuverlässig wirken. In dieser Situation besteht die Gefahr, dass weitere Massnahmen eher eine Verlängerung des Leidens bedeuten als eine tatsächliche Hilfe. Positiv ist auszuführen, dass es international sehr gut vernetzte Teams von Expert*innen gibt, die sich rasch austauschen, wie z. B. das Strandungsteam der Internationalen Walfangkommission (IWC). Im Mittelmeer gibt es durch das Abkommen für den Schutz von Walen und Delfinen (ACCOBAMS) ebenfalls klare Protokolle, wie zu agieren ist, sowie ein Expert*innen-Netzwerk, das auch Veterinär*innen inkludiert. Professionelle Hilfe von Fachleuten mit entsprechender Erfahrung ist essenziell: unsachgemässes Eingreifen kann mehr Schaden anrichten und das Tierleid verschlimmern.
«Seltene Strandungen sind sichtbare Symptome an der Spitze des Eisbergs, während sich die wahren Dramen weit draussen im Ozean abspielen.»
Fabienne McLellan
CEO von Oceancare
Wer entscheidet in solchen Fällen über Rettung oder Einschläferung – und welche Kriterien sind dabei ausschlaggebend?
Grundsätzlich werden solche Entscheidungen von den zuständigen Behörden in enger Abstimmung mit Fachorganisationen und Strandungsnetzwerken getroffen. Die Involvierung in dem Bereich erfahrener Veterinäre ist essenziell. Entscheidend ist dabei unter anderem der Gesundheitszustand des Tieres, die Erfolgsaussichten einer Rückführung sowie die verfügbaren technischen Möglichkeiten.
Inwiefern spiegelt die grosse öffentliche Anteilnahme tatsächliches Umweltbewusstsein – und inwieweit eher die menschliche Neigung, auf Einzelschicksale zu reagieren?
Die starke Anteilnahme zeigt zunächst, dass das Thema emotional berührt und Aufmerksamkeit erzeugt. Gleichzeitig ist es typisch, dass konkrete Einzelschicksale deutlich stärkere Reaktionen auslösen als abstrakte Zusammenhänge. Beides schliesst sich jedoch nicht aus: Solche Ereignisse können ein Einstieg sein, um breitere Umweltprobleme sichtbarer zu machen und ein tieferes Verständnis zu schaffen. Dafür ist nun wichtig, dass die Aufmerksamkeit nicht bei Betroffenheit endet, sondern Lehren gezogen werden und wir dort helfen und handeln, wo wir können. Emotion und Bedeutung der Wissenschaft könnten eng verzahnt ein Erfolgsrezept sein.
Ist diese starke Emotionalisierung aus Ihrer Sicht eine Chance für den Tierschutz – oder besteht die Gefahr, dass sie den Blick auf strukturelle Probleme verzerrt?
Sie ist beides. Einerseits kann sie helfen, Aufmerksamkeit zu schaffen und Menschen für den Schutz der Meere zu sensibilisieren. Andererseits besteht die Gefahr, dass sich die Debatte zu stark auf Einzelschicksale konzentriert und die zugrunde liegenden Ursachen und Faktenwahrheit aus dem Blick geraten. Entscheidend ist daher, wie wir diese Aufmerksamkeit nun nutzen, um genau diese strukturellen Probleme sichtbar zu machen – genau hier setzt OceanCare an, insbesondere auf Ebene internationaler Abkommen und politischer Entscheidungsprozesse, um die Gefahren an der Wurzel anzugehen und eben nicht nur die Symptome zu bekämpfen.
Sollten Rettungsmassnahmen bei mehrfach gestrandeten Walen stärker reguliert werden – auch wenn das bedeutet, auf weitere Rettungsversuche zu verzichten?
In Deutschland sind Rettungsmassnahmen bereits reguliert, die zuständige Behörde bewertet immer den jeweiligen Einzelfall. Entscheidend ist, ob eine realistische Chance besteht, dem Tier zu helfen. Wenn diese nicht mehr gegeben ist, muss sorgfältig abgewogen werden, ob weitere Eingriffe noch sinnvoll sind oder vor allem zusätzlichen Stress und Belastung verursachen. Ziel muss sein, dass wir global betrachtet in sämtlichen Regionen Expertenteams verfügbar haben, die in akuten Fällen lokale Teams anleiten können.
* Das Interview wurde schriftlich geführt.