Nach dem Prozess von Avignon Jetzt spricht Gisèle Pelicot über ihr Martyrium

Sven Ziegler

12.2.2026

Gisèle Pelicot ist zu einer Ikone im Kampf gegen den Missbrauch von Frauen geworden.
Gisèle Pelicot ist zu einer Ikone im Kampf gegen den Missbrauch von Frauen geworden.
Lewis Joly/AP/dpa

Ihr Mut im Vergewaltigungsprozess von Avignon bewegte Frauen weltweit. Nun spricht Gisèle Pelicot erstmals ausführlich über die Zeit im Gerichtssaal, ihr neues Leben – und warum sie ihren Ex-Mann im Gefängnis noch einmal sehen möchte.

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Sven Ziegler, Agence France-Presse

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  • Gisèle Pelicot veröffentlichte nach dem Prozess von Avignon ein Buch über ihr Leben und den öffentlichen Gerichtsprozess.
  • Sie sagt, sie wolle die «Scham auf die andere Seite» verlagern und habe wieder Glücksmomente in ihrem Leben.
  • Pelicot plant, ihren Ex-Mann im Gefängnis zu besuchen, um offene Fragen zu klären.

Mehr als ein Jahr nach dem aufsehenerregenden Prozess von Avignon meldet sich Gisèle Pelicot erstmals ausführlich zu Wort. In einem Interview mit dem «Spiegel» spricht die 73-Jährige über die Zeit nach dem Verfahren, ihre Entscheidung für Öffentlichkeit – und über einen persönlichen Neuanfang.

«Die schwerste Zeit liegt hinter mir. Ich erlaube mir jetzt, wieder glücklich zu sein», sagt Pelicot. Sie erlebe wieder glückliche Momente – auch, weil es einen neuen Partner in ihrem Leben gebe. Mit ihrem Buch, das in 22 Ländern erscheint, wolle sie zeigen, dass es «einen Weg aus der Dunkelheit» gebe.

Ein Prozess mit Signalwirkung

Im Herbst 2024 hatte Pelicot darauf bestanden, dass der Prozess gegen ihren damaligen Ehemann Dominique Pelicot öffentlich geführt wird. Er hatte sie über Jahre hinweg betäubt und Dutzenden Männern Zugang zu ihr verschafft. Die Beweislage galt als erdrückend, weil der Täter die Taten filmte und dokumentierte. Am Ende wurden alle 51 Angeklagten verurteilt, die meisten zu mehrjährigen Haftstrafen.

Mit ihrer Entscheidung gegen einen Ausschluss der Öffentlichkeit setzte Pelicot ein deutliches Zeichen. «Wenn der Prozess nicht öffentlich stattfindet, mache ich diesen Männern das grösste Geschenk», sagt sie heute. Die Öffentlichkeit habe verhindert, dass das Geschehene relativiert werde.

Während der Verhandlung habe sie versucht, Haltung zu bewahren. Sie habe sich vorbereitet, Aussagen geübt und sogar die belastenden Videos vorab angeschaut, um im Gerichtssaal nicht zusammenzubrechen. «Ich kam gut vorbereitet in diesen Saal», sagt sie rückblickend.

Zwischen Wut, Scham und Kontrolle

Die Verteidiger der Angeklagten hätten versucht, sie zu diskreditieren und Mitschuld zu unterstellen. Pelicot beschreibt diese Phase als besonders belastend. Gleichwohl habe sie sich geweigert, in eine reine Opferrolle gedrängt zu werden.

«Ich wollte nie die arme kleine Frau sein», sagt sie. Der Titel ihres Buches – «Eine Hymne an das Leben» – sei bewusst gewählt. Zwar gebe es weiterhin Traurigkeit, doch sie solle nicht das gesamte Leben bestimmen.

Pelicot schildert auch familiäre Spannungen nach Bekanntwerden der Taten. Besonders das Verhältnis zu ihrer Tochter sei zeitweise belastet gewesen. Inzwischen nähere man sich wieder an, doch offene Fragen blieben.

Ein Besuch im Gefängnis

Bemerkenswert ist Pelicots Ankündigung, ihren Ex-Mann im Gefängnis besuchen zu wollen. Seit der Festnahme 2020 habe sie sich nicht mehr direkt mit ihm ausgetauscht. «Ich muss Monsieur Pelicot noch einmal sehen», sagt sie. Sie brauche Antworten – auch für ihre Tochter.

Zugleich betont sie, dass sie sich vom Täter getrennt und scheiden lassen habe. Trotz der gemeinsamen Jahrzehnte gebe es kein Zurück. Der Besuch solle ihr helfen, endgültig abzuschliessen.

Pelicot wurde nach dem Prozess zur Ikone feministischer Bewegungen. Der Satz «Die Scham muss die Seite wechseln» wurde zu einem Symbol. Sie selbst sieht sich jedoch nicht als Aktivistin, sondern als jemand, der einen Beitrag leisten wollte.

Seit dem Prozess habe sich in Frankreich zumindest juristisch etwas bewegt: Das Prinzip der Zustimmung beim Geschlechtsverkehr sei klarer im Gesetz verankert worden. «Ich glaube, ich habe einen kleinen Baustein gelegt», sagt sie.

Trotz internationaler Aufmerksamkeit versucht Pelicot heute, ein möglichst normales Leben zu führen – auch wenn Paparazzi-Fotos und öffentliche Begegnungen dazugehören. Die Entschädigung aus einem gewonnenen Verfahren gegen ein Magazin spendete sie an Opferverbände.

Ihr Fazit: «Es existiert ein Weg aus der Dunkelheit heraus.»

Berufungsprozess zur Vergewaltigung von Gisèle Pelicot

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