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Gisèle Pelicot weigert sich in ihren Memoiren, ein Opfer zu sein
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Die Scham, die die Seite wechselte

Gisèle Pelicot weigert sich in ihren Memoiren, ein Opfer zu sein

Gisèle Pelicot im Jahr 2024  während des Gerichtprozesses gegen ihren Ex-Mann.

Gisèle Pelicot im Jahr 2024  während des Gerichtprozesses gegen ihren Ex-Mann.

Bild: Keystone

«Eine Hymne an das Leben» nennt Gisèle Pelicot ihre Memoiren – obwohl sie von jahrelanger sexualisierter Gewalt erzählen. Aus diesem scheinbaren Widerspruch schöpft das Buch seine Kraft: Es ist die Weigerung, Scham zu tragen, die Tätern gehört.

Noemi Hüsser

Noemi Hüsser

17.02.2026, 04:30•25.06.2026, 13:11

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Gisèle Pelicot veröffentlicht am 17. Februar ihre Memoiren «Eine Hymne an das Leben», in denen sie schildert, wie ihr Ehemann sie über Jahre hinweg sedierte und von Dutzenden Männern vergewaltigen liess.
  • Der Prozess gegen ihre Vergewaltiger endete 2024 mit Schuldsprüchen gegen alle 51 Angeklagten, während über 30 weitere Täter unidentifiziert bleiben.
  • Mit ihrer öffentlichen Haltung und dem Satz «Die Scham muss die Seite wechseln» wurde Pelicot zu einer Symbolfigur im Kampf gegen sexualisierte Gewalt.
Zusammenfassung erstellt mitmyAi

Hinweis: Der folgende Text enthält Beschreibungen sexualisierter Gewalt, die belastend sein können.

Es mag befremdlich wirken, dass ein Buch, in dem eine Frau davon erzählt, wie sie über Jahre hinweg hunderte Male sediert und im bewusstlosen Zustand von ihrem Ehemann und mehr als fünfzig anderen fremden Männern vergewaltigt wurde, den Titel «Eine Hymne an das Leben» trägt.

Doch genau darin liegt die Kraft von Gisèle Pelicots Memoiren, die am Dienstag, 17. Februar, in zwanzig Sprachen gleichzeitig erscheinen. Sie erzählen von einem Verbrechen, das die Welt erschütterte – und von einer Frau, die sich weigert, darauf reduziert zu werden.

Die heute 73-jährige Französin beginnt ihre Erzählungen im Jahr 2020. Mit dem Moment, in dem sie von den Taten ihres Mannes Dominique erfuhr, mit dem sie fast fünfzig Jahre verheiratet war.

Sie beschreibt den Gang zur Polizeistation, nachdem Dominique dabei ertappt worden war, wie er im Supermarkt Frauen unter den Rock filmte. Wie sie die Bilder, die der Polizist ihr dort zeigte, anfangs für eine Fotomontage hielt. «Für das Machwerk einer Person, die Dominique Übles will», schreibt sie. Und wie sie nicht glaubte, dass diese Frau, die auf den Fotos da regungslos in Unterwäsche auf dem Bett liegt, während Männer in sie eindringen, sie ist.

Sie erzählt davon, wie sie dann nach Hause ging und erstmals das ganze Haus putzte, Wäsche aufhängte. Als versuche sie Ordnung herzustellen in dem Leben, das gerade zerbrach. Als liess sich das Ungeheuerliche, von dem sie gerade erfahren hatte, einfach wegwischen. Erst danach konnte sie es zum ersten Mal laut aussprechen: «Dominique wurde gerade verhaftet. Er hat mich jahrelang vergewaltigt und von fremden Männern vergewaltigen lassen.»

War er schon immer der Teufel oder wurde er es erst?

Dann blendet Pelicot zurück. Zurück ins Jahr 1971 und die folgenden fünfzig Jahre. Sie schreibt von der Zeit, in der sie Dominique kennenlernte, sich in ihn verliebte. Von seinen schulterlangen Locken, dem Matrosenpulli, den er damals trug. Von der Zärtlichkeit, die er ihr schenkte, und dem Selbstvertrauen, das sie durch ihn gewann.

Sie weigert sich, diese fünfzig Jahre Ehe, die sie mit ihrem Vergewaltiger verbindet, als Lüge auszulöschen. Stattdessen stellt sie eine Frage, die sie durch das ganze Buch hindurch begleitet: War Dominique Pelicot schon immer der «Teufel von Avignon», wie ihn Medien später nannten, oder wurde er es erst? Und wohin mit den Erinnerungen an das gemeinsame Leben, das nicht aus Gewalt bestand? An eine Ehe, die für Gisèle Zufluchtsort vor dem frühen Tod ihrer Mutter und für Dominique Rettung vor seinem gewalttätigen Vater war.

Die Suche nach Antworten gab ihr in den Tagen, Wochen und Jahren nach der Verhaftung ihres Mannes Halt. «Ich konnte mich nicht damit abfinden, alles zu verlieren, ich kämpfte gegen den völligen Zusammenbruch, meinen Zusammenbruch», schreibt Pelicot. «Wenn man mir die letzten fünfzig Jahre meines Lebens entriss, hätte ich praktisch nicht existiert. Ich wäre tot.»

Erfährst du oder jemand, den du kennst, sexualisierte Gewalt? Hier findest du Hilfe:

  • Opferhilfe Schweiz
  • Dachorganisation Frauenhäuser Schweiz und Liechtenstein (DAO)
  • Beratungsstelle für Frauengegen Gewalt in Ehe und Partnerschaft, 044 278 99 99
  • Stiftung gegen Gewalt an Frauen und Kindern, 031 533 03 03
  • Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Telefon 143

Später wurde ihr diese Haltung als In-Schutz-Nehmen ihres Ex-Mannes ausgelegt – ebenso wie ihre gefasste, fast kühle Präsenz vor Gericht. Viele konnten nicht verstehen, wie sie ohne Tränen und mit erhobenem Haupt im Gerichtssaal sitzen konnte. Heute erklärt sie ihre scheinbare Unerschütterlichkeit damit, dass sie sich an die Taten nicht erinnern kann.

Die einzige Zeugin der Verbrechen ist nicht sie selbst, sondern Fotos und Videos, die Dominique akribisch archiviert hatte und die die Polizei fand, als sie sein Handy beschlagnahmte. Eindeutige Beweise – wie es sie in Fällen sexualisierter Gewalt nur selten gibt.

Lange weigerte sich Pelicot, die Videos anzusehen. «Ich brauchte die Videos nicht, ich stellte mir schon genug vor. Und ich wollte nicht bis ins kleinste Detail wissen, was man mir angetan hatte», schreibt sie. Erst kurz vor dem Prozess sah sie sich einige der Aufnahmen an. Als sie im Gerichtssaal gezeigt wurden, senkte Pelicot den Kopf. Sie blickte auf ihr Handy, auf Bilder ihrer Enkel, auf das Meer und auf die Atlantikinsel Île de Ré, auf der sie heute lebt.

«Ich konnte den Schock nachvollziehen. Mir war klar, dass es unsere Familie in den Grundfesten erschütterte. Aber sie sollte nicht daran zugrunde gehen.»

Gisèle Pelicot

Für ihre Kinder, die ihre Akte lange besser kannten als sie selbst, war dieses Wegsehen, wie Pelicot im Buch schreibt, jedoch lange kein Schutz, sondern Verdrängung. Sie warfen Gisèle vor, die Weite der Verbrechen ihres Vaters nicht ausreichend anzuerkennen. Während Gisèle noch damit rang, wie sie den Mann, den sie jahrzehntelang «Doumé» oder «Mino» genannt hatte, nun nennen sollte, sprachen ihre Kinder längst nicht mehr von einem Vater, sondern von einem Monster.

Als Fotos auftauchten, welche die gemeinsame Tochter Caroline schlafend in Unterwäsche auf dem Bett zeigten, war für Caroline sofort klar: Auch sie könnte Opfer ihres Vaters geworden sein. Gisèle Pelicot hingegen klammerte sich an jedes Argument, das diese Möglichkeit unwahrscheinlich erscheinen liess. Dominique sei nie alleine zu Besuch gewesen und sie schlafe ja immer mit ihrem Mann in einem Bett, argumentierte sie.

Für David Pelicot, Caroline Darian und Florian Pelicot (v.l.n.r.) wurde Dominique Pelicot schnell vom Vater zum Monster.

Für David Pelicot, Caroline Darian und Florian Pelicot (v.l.n.r.) wurde Dominique Pelicot schnell vom Vater zum Monster.

Bild: Imago/Bestimage

«Ich konnte den Schock nachvollziehen, den Schmerz, die schrecklichen Zweifel, die sie befielen, mir war klar, dass es unsere Familie in den Grundfesten erschütterte», schreibt sie. «Aber sie sollte nicht daran zugrunde gehen. Die Kinder hatten so viel Liebe und Wärme erfahren.»

Doch der Schmerz und der Umgang damit, was der Familienvater getan hat, sah für jedes Familienmitglied anders aus. Was für Gisèle Pelicot Überlebensstrategie war, fühlte sich für Caroline – die mittlerweile auch ein Buch geschrieben hat – als Verrat an. Als Relativierung des Unfassbaren. Als würde Gisèle Pelicot die Opfer nicht anerkennen, die auch die Kinder trugen.

Und so schreibt Pelicot auch offen davon, wie ihre Familie auseinanderbrach und wie sie aufhörten, miteinander zu sprechen. Erst jetzt, so erzählt sie, tasten sie sich langsam wieder aneinander heran.

Auch wenn Pelicot immer noch daran festhält, dass ihr Ex-Mann zwar ein Vergewaltiger, aber – solange es ihr nicht anders bewiesen wird – nicht inzestuös ist. Und auch nicht zwangsläufig ein Mörder. Obwohl Dominique Pelicot mittlerweile verdächtigt wird, 1991 in Paris eine junge Frau vergewaltigt und ermordet zu haben. Er bestreitet die Vorwürfe.

Bewusstloser Zustand war für die Täter Einladung

Die Grausamkeit der Taten von Dominique Pelicot ist das eine, das andere ist die beängstigende Gleichzeitigkeit, von der Gisèle Pelicot berichtet: Da ist der von ihr liebevoll wahrgenommene Ehemann, der sie zu unzähligen Arztterminen begleitete, während sie von ihren Aussetzern erzählte. Wie sie immer wieder Dinge vergass, Angst hatte, wie ihre Mutter an einem Hirntumor zu sterben. Und Dominique, der daneben sass – und wusste, dass diese Blackouts die Folge seiner Sedierungen waren.

Oder wie er ihr eine Zahnkrone zog, die locker geworden war. Sie hatte dem Druck der Penisse nachgegeben, die ihre Vergewaltiger ihr in der Nacht zuvor in den Mund gesteckt hatten.

Es ist die ultimative Form männlicher Macht, die Pelicot in diesen Szenen beschreibt: Die Deutungshoheit über den Körper und den Geist der Frau.

Und darum lassen sich die Memoiren von Gisèle als Journalistin nicht lesen – und dieser Artikel nicht schreiben – ohne es auch als Frau zu tun. Ohne die eigene Realität mitzudenken. Ohne jene unterschwellige Vorsicht anzusprechen, die viele Frauen im Alltag begleitet. 

Sie wird getragen von der Auswechselbarkeit der Täter, die Ehemänner, Väter, Grossväter, Brüder und Söhne waren. Journalisten, Ärzte, Handwerker, Krankenpfleger. 26- bis 70-jährige «durchschnittliche Typen», wie Gisèle Pelicot sie nennt. «Monsieur Tout-Le-Monde», wie französische Medien schrieben. Pelicots bewusstloser Zustand war für sie alle keine Grenze, sondern Einladung.

30 Täter sind bis heute unidentifiziert

Im Dezember 2024 wurden alle 51 Angeklagten schuldig gesprochen. Dominique Pelicot wurde zu zwanzig Jahren Haft verurteilt, seine Mitangeklagten erhielten Gefängnisstrafen von zwischen drei und zwanzig Jahren.

Und doch bleiben rund dreissig weitere Täter, die auf den Videos zu sehen sind, bis heute unidentifiziert. Sie sind weiterhin Teil eines Alltags, in dem Frauen ihre Wachsamkeit nie ganz ablegen können – und sogar Angst haben müssen, dass sie ihnen von Männern unfreiwillig abgenommen wird.

Genau darin liegt die politische Konfrontation dieses Buches: Es richtet sich nicht nur gegen einen Täter, sondern gegen ein System, das ihn gewähren liess. Und es lenkt die Scham dorthin zurück, wo sie hingehört, wo Pelicot sie schon während des Prozesses verortete, als sie sagte: «Die Scham muss die Seite wechseln.»

Gisèle Pelicots Forderung («Die Scham muss die Seite wechseln») ging um die Welt. Hier eine Kunstinstallation an der Zürcher Zollstrasse am Rande der SBB-Gleise.

Gisèle Pelicots Forderung («Die Scham muss die Seite wechseln») ging um die Welt. Hier eine Kunstinstallation an der Zürcher Zollstrasse am Rande der SBB-Gleise.

Bild: Keystone

Ein Satz, der um die Welt ging. Ein Satz, der die Scham – das so wirksame Kontrollinstrument des Patriarchats, die unzählige Opfer männlicher Gewalt davor hindert, sich zu wehren, Hilfe zu suchen, Täter anzuzeigen – von den Opfern weg und hin zu den Tätern schiebt.

Es ist die gleiche Haltung, die Pelicot dazu bewegte, den Gerichtsprozess öffentlich zu machen. Sie wollte nie ein Opfer sein, sondern dafür sorgen, dass die Täter sich nicht nur vor ihr, sondern vor der Öffentlichkeit verantworten mussten. «Alle Welt sollte auf die einundfünfzig Vergewaltiger schauen. Sie mussten zu Kreuze kriechen», schreibt Pelicot.

«Ich bin immer noch in der Lage, anderen zu vertrauen»

Damit erhob sie sich über die Gewalt, die ihr angetan wurde. Es macht sie aber nicht zur unfehlbaren Heiligen. Sie ist eine Frau, die ein unvorstellbares Trauma überlebt hat und dabei mit Verleugnung, Zweifeln und widersprüchlichen Gefühlen rang. Es ist ein schmerzhaftes Hadern, das sich durch die Seiten zieht und Pelicot in dem Buch erstmals so klar öffentlich macht: Den Mann, den sie den Grossteil ihres Lebens liebte, mit dem Monster zusammenzubringen, das sie immer und immer wieder vergewaltigte.

Indem sie das so präzise und gleichzeitig menschlich unvollkommen schildert, gibt sie sich selbst – damit aber auch allen Frauen – etwas zurück: Das Recht, ambivalent und komplex zu sein. Und damit das Recht, weiterzuleben.

Und so schreibt sie auch vom vorsichtigen Herantasten daran. Vom Alleinsein. Vom Neuverlieben. «Mir ist bewusst, meine Geschichte ist der beste Beweis, dass es überall um uns herum eine hohe Anzahl von potenziellen Vergewaltigern gibt», schreibt Pelicot. Aber die Liebe habe sie nicht verlassen. «Ich bin immer noch in der Lage, anderen zu vertrauen. Das ist meine Stärke. Letztendlich mein Sieg.»

Hinter der Entscheidung, dieses Buch auf diese Art zu schreiben – und es «Eine Hymne an das Leben» zu nennen –, steht die Weigerung, sich als lebender, liebender und leidender Mensch auslöschen zu lassen. Und es macht Gisèle Pelicot zu einer Frau, der man nicht nur zuhören muss, sondern unbedingt zuhören will.

Gisèle Pelicot: Eine Hymne an das Leben: Die Scham muss die Seite wechseln. Aus dem Französischen von Patricia Klobusiczky. Piper Verlag, 2026. 256 Seiten.

Gisèle Pelicot: Eine Hymne an das Leben: Die Scham muss die Seite wechseln. Aus dem Französischen von Patricia Klobusiczky. Piper Verlag, 2026. 256 Seiten.

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