«Alle komplett aufgeregt» Hatte Jan Marsalek Kontakte zum deutschen Geheimdienst?

Samuel Walder

13.1.2026

Jan Marsalek ist untergetaucht und wird seitheir gesucht. 
Jan Marsalek ist untergetaucht und wird seitheir gesucht. 
sda

Neue Recherchen zeigen: Jan Marsalek könnte nicht nur einer der grössten Wirtschaftsbetrüger Europas sein, sondern auch Teil eines undurchsichtigen Spionagenetzwerks. Seine angeblichen Kontakte zum BND werfen nun Fragen auf.

Samuel Walder

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Jan Marsalek, Ex-Wirecard-Vorstand und untergetauchter Hauptverdächtiger im Wirecard-Skandal, soll enge Kontakte zu russischen Behörden und möglicherweise auch zum deutschen Geheimdienst BND gehabt haben.
  • Ermittlungen deuten darauf hin, dass Marsalek hochsichere Laptops über Umwege nach Russland schmuggeln liess – ein möglicher Spionagefall mit weitreichenden Konsequenzen.
  • Die Enthüllungen werfen Fragen zur Sicherheit westlicher Geheimdienste auf und könnten das Vertrauen zwischen internationalen Nachrichtendiensten stark belasten.

Er gilt als Phantom des digitalen Finanzzeitalters, als Strippenzieher hinter einem der grössten Wirtschaftsskandale Europas – und als mutmasslicher Spion im Dienste Russlands: Jan Marsalek, Ex-Vorstand des insolventen Zahlungsdienstleisters Wirecard, steht im Zentrum neuer, brisanter Enthüllungen.

Und diese werfen nun auch ein grelles Licht auf mögliche Kontakte zu westlichen Geheimdiensten – allen voran zum deutschen Bundesnachrichtendienst (BND), wie die «Süddeutsche Zeitung» berichtet. 

«Leugnen, leugnen, leugnen»

Bereits im Herbst 2020, während Marsalek sich in Russland absetzt, zeigt sich der Österreicher in Chats mit seinem Gehilfen Orlin Roussev erstaunlich offen: «Die Wahrheit wird sowieso nicht ans Licht kommen. Alle werden einfach leugnen, leugnen, leugnen», schrieb er am 16. November.

Zu diesem Zeitpunkt ist Marsalek bereits untergetaucht – offenbar unter dem Schutz russischer Behörden.

Doch brisant wird es, als er weiter spekuliert: Ein ehemaliger Wirecard-Kollege könnte über Kontakte zu westlichen Geheimdiensten auspacken. Marsalek schreibt sogar, er rechne mit einem «Selbstmord im Epstein-Stil» – eine Anspielung, die an Zynismus kaum zu überbieten ist.

Verbindungen zum BND – nur Gerede oder Realität?

Was bislang als Gerücht kursierte, scheint durch Ermittlungsakten an Substanz zu gewinnen: Österreichische Behörden vermuten laut «profil» und «Süddeutscher Zeitung», dass Marsalek tatsächlich mit dem BND in Kontakt stand. In einem Chat fragte Marsalek seinen Komplizen Roussev, ob dieser noch Zugriff auf eine «deutsche Mobilfunknummer für den BND-Chat» habe.

Marsalek brüstete sich 2022, der BND habe ihm quasi beim Kauf spezieller, hochsicherer SINA-Laptops geholfen. «Ich habe jemanden gefunden, den der BND tatsächlich ausspionieren will, sodass sie uns buchstäblich zum Kauf der Laptops gedrängt haben 😂», schrieb er.

Die Ermittler sehen darin Hinweise, dass der deutsche Geheimdienst in diese Beschaffungsaktion eingebunden gewesen sein könnte – oder dass Marsalek dies zumindest erfolgreich vortäuschte.

Von Wien bis zur Lubjanka

Ein SINA-Laptop taucht später in Russland auf. Die Spur führt über Wien und Istanbul bis zur berüchtigten Lubjanka – dem Sitz des russischen FSB. Der ehemalige FPÖ-Pressesprecher Alexander Surowiec hatte mehrere Laptops offiziell für ein «journalistisches Projekt» gekauft.

Drei davon landeten bei Egisto Ott, einem ehemaligen Spitzenbeamten des österreichischen Verfassungsschutzes. Ott, der bald vor Gericht steht, bestreitet jegliche Spionagetätigkeit. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Doch Marsalek jubelte im Dezember 2022: «Der Laptop ist gerade ohne Probleme durch den Zoll gekommen und befindet sich im Auto zur Lubjanka. 👍» Für Russland offenbar ein technologischer Coup: «Alle komplett aufgeregt 😂», schrieb Marsalek – man hoffe auf Medaillen.

BND schweigt – Ermittler warnen vor Spaltung

Offiziell reagiert der Bundesnachrichtendienst mit gewohnter Zurückhaltung: Man nehme «zu etwaigen nachrichtendienstlichen Erkenntnissen oder Tätigkeiten grundsätzlich nicht öffentlich Stellung».

Aus dem Umfeld heisst es nur, es gebe keinen Anlass zur Neubewertung der Causa Marsalek.

Doch intern sehen Ermittler durchaus Sprengstoff: Sollte sich bewahrheiten, dass Marsalek Sicherheitslücken westlicher Geräte für Russland ausnutzte – und dabei womöglich unter dem Radar westlicher Dienste agierte –, könnte das das Vertrauen zwischen den Nachrichtendiensten empfindlich erschüttern.

Ein Mann mit vielen Gesichtern

Jan Marsalek bleibt untergetaucht, seine wahre Rolle ein Puzzle mit vielen fehlenden Teilen. Fest steht: Der Mann, der einst für ein DAX-Unternehmen Milliarden bewegte, bewegt heute die Sicherheitsapparate Europas. Als mutmasslicher Betrüger, Strippenzieher – und möglicherweise als Spion, der zwischen den Fronten spielte.