Tötungen in der Karibik Video aufgetaucht – US-Verteidigungsminister stolpert über frühere Aussagen

Philipp Dahm

5.12.2025

Hegseth zu Angriff auf Drogenboot: «Ich habe keine Überlebenden gesehen»

Hegseth zu Angriff auf Drogenboot: «Ich habe keine Überlebenden gesehen»

STORY: Den ersten Angriff habe er live verfolgt, sagte US-Verteidigungsminister Pete Hegseth am Dienstag über den US-Angriff auf ein mutmassliches venezolanisches Drogenschmuggelboot im September. Zum zweiten, tödlichen Angriff sagte Hegseth bei einer Kabinettssitzung mit US-Präsident Donald Trump:  «Ich habe persönlich keine Überlebenden gesehen, weil das Ding in Flammen stand. Es ist in Flammen und Rauch explodiert. Das kann man digital nicht sehen. Das nennt man den Nebel des Krieges."  Der Republikaner, den die Trump-Regierung «Kriegsminister» nennt, verteidigte den Einsatz gegen Kritik: «Ich ging zu meinem nächsten Treffen. Ein paar Stunden später erfuhr ich, dass dieser Kommandeur die Entscheidung getroffen hatte, wozu er die volle Befugnis besass. Und Admiral Bradley hat die richtige Entscheidung getroffen, das Boot zu versenken und die Bedrohung zu beseitigen. Er versenkte das Boot und beseitigte die Bedrohung, und es war die richtige Entscheidung. Wir stehen hinter ihm.» Zur Rechtmässigkeit der Massnahmen gibt es parteiübergreifend jedoch Zweifel. Einem Bericht der «Washington Post» zufolge hatte der für den Einsatz verantwortliche Kommandeur, Admiral Frank Bradley, einen zweiten Angriff angeordnet, um zwei Überlebende, die sich an Wrackteile klammerten, auszuschalten und damit der Anweisung des Pentagon-Chefs nachzukommen, alle zu töten. Zwei US-Beamte erklärten gegenüber Reuters, dass Hegseth die tödlichen Angriffe auf Drogenboote, einschliesslich des fraglichen Bootes, angeordnet habe. Sie bestätigten jedoch nicht die Beteiligung des Verteidigungsministers an der Entscheidung, den zweiten Angriff durchzuführen.

03.12.2025

Die Kritik an US-Verteidigungsminister Pete Hegseth reisst nicht ab, nachdem öffentlich wurde, dass seine Streitkräfte bei einem Zweitschlag zwei Schiffbrüchige getötet haben. Nun stolpert er über ein Video von 2016.

Philipp Dahm

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Die Diskussion um die Legalität eines US-Zweitschlages auf ein mutmassliches Drogenboot in der Karibik hält an.
  • Pete Hegseth giesst mit einem Bild auf «X» Öl ins Feuer, auf dem eine Kinderfigur mit einer Panzerfaust auf Drogenboote schiesst.
  • Erste konservative Kommentatoren und Politiker gehen auf Distanz zum Verteidigungsminister.
  • Ein Video von 2016 zeigt Hegseth, wie er selbst darüber spricht, dass illegale Befehle verweigert werden müssten – sogar, wenn sie vom Präsidenten kommen.

Es sind die letzten Tage des Zweiten Weltkrieges: Der Ire Murphy ist Matrose an Bord der Mount Kyle, als ein deutsches U-Boot den Frachter vor der südamerikanischen Küste versenkt. Die Überlebenden nehmen die Nazis mit einem Maschinengewehr unter Feuer: Nur Murphy überlebt.

Die Szene ist nicht real, sondern stammt aus dem Film «Murphy's War» von 1971 mit Peter O'Toole in der Hauptrolle. Aber natürlich ist es im Zweiten Weltkrieg zu solchen Vorfällen gekommen. So versenkt etwa U-852 am 13. März 1944 im Südatlantik die SS Peleus – und Kapitänleutnant Heinz-Wilhelm Eck befiehlt seiner Crew, auf die Überlebenden zu schiessen.

Das ist ein klares Kriegsverbrechen, für das der deutsche U-Boot-Kapitän geradestehen muss: Er wird zusammen mit zwei weiteren Offizieren am 30. November 1945 in seiner Heimatstadt Hamburg für diese Tat erschossen, nachdem die Briten dem Trio den Prozess gemacht haben.

Kinderfigur mit Panzerfaust: Hegseth provoziert

80 Jahre später geht es erneut um Schiffbrüchige, die getötet worden sind: US-Verteidigungsminister Pete Hegseth soll einen Zweitschlag angeordnet haben, der zwei Überlebende getötet hat. Zuvor war ein mutmassliches Drogenboot von einer Rakete getroffen worden. Der Republikaner gerät wegen der Affäre zunehmend ins Kreuzfeuer.

Während Experten darüber streiten, ob die Attacken in internationalen Gewässern legitim, Mord oder ein Kriegsverbrechen sind, giesst Hegseth selbst Öl ins Feuer: Der 45-Jährige postet auf «X» ein manipuliertes Bild der kanadischen Zeichentrickfigur Franklin, auf dem die Schildkröte aus einem Helikopter auf Drogenboote schiesst. «Für eure Weihnachtswunschliste», heisst es dazu.

I’m hoping they show this Hegseth post at his sentencing hearing.

[image or embed]

— Jon Cryer (@mrjoncryer.bsky.social) 1. Dezember 2025 um 14:42

Der Verlag, der Franklin herausgibt, ist entsetzt: Die Figur stehe «für Freundlichkeit, Empathie und Inklusivität». «Wir verurteilen aufs Schärfste jede verunglimpfende, gewalttätige oder unbefugte Verwendung von Franklins Namen oder Bild, die diesen Werten direkt widerspricht», schreibt Kids Can Press zu Hegseths Post.

Konservative rücken von Hegseth ab

Dieses Gebaren und die zunehmende Diskussion um die Liquidierungen in der Karibik rufen inzwischen auch im rechten Lager Kritiker auf den Plan. «Der Vorwurf der vorsätzlichen Tötung von Wehrlosen ist schwerwiegend genug, um eine genaue Prüfung durch den Kongress zu rechtfertigen», kommentiert das konservative «Wall Street Journal». «Dazu gehört auch, dass Herr Hegseth unter Eid Rechenschaft ablegen muss».

‘An amateur person’: GOP Rep. Bacon says Hegseth should go The Nebraska lawmaker is the first House Republican to recommend the president fire the secretary of Defense www.politico.com/news/2025/04...

[image or embed]

— Timothy McBride (@mcbridetd.bsky.social) 26. April 2025 um 02:24

Auch der frühere Richter, Dozent und Autor Andrew Napolitano, der einst mit Hegseth bei «Fox News» zusammengearbeitet hat, hält sich beim rechten Sender «Newsmax» nicht zurück: «Das ist ein Kriegsverbrechen, wenn Überlebende, die nach dem Gesetz gerettet werden müssten, ermordet werden. Es gibt überhaupt keine legale Grundlage dafür.»

Judge Andrew Napolitano, Princeton Class of 1972, weighs in on Pete Hegseth, Princeton Class of 2003; calls his actions a war crime:

[image or embed]

— Sam Wang (@samwang.bsky.social) 3. Dezember 2025 um 04:24

Der Jurist betont, dass die gesamte Befehlskette zur Rechenschaft gezogen werden müsste. Hegseth selbst schreibt ganz öffentlich auf «X, Admiral Frank Bradley habe den Befehl zum tödlichen Zweitschlag gegeben – während er ihm gleichzeitig den Rücken stärke. Die «New York Times» ergänzt, Bradley habe den Schlag angeordnet, weil einer der Überlebenden per Funk um Hilfe gerufen habe.

Demokraten von Hegseth stark kritisiert 

Die Diskussion um die Befehlskette und die Legalität der Angriffe ist Wasser auf den Mühlen jener sechs Demokraten, die vor Kurzem mit einem Video für Aufregung gesorgt haben: Darin erinnern sie Sicherheitsdienste und Militär daran, dass sie keine illegalen Befehle befolgen müssen. Neben seinen Parteikollegen hat auch Pete Hegseth das Video scharf kritisiert.

Es sei «verachtenswert, rücksichtslos und falsch»: «Unsere Krieger dazu zu ermutigen, die Befehle ihrer Kommandeure zu ignorieren, untergräbt jeden Aspekt von ‹guter Ordnung und Disziplin›. Ihre törichten Äusserungen säen Zweifel und Verwirrung – was unsere Krieger nur in Gefahr bringt», schreibt der 45-Jährige auf «X» – und greift Senator Mark Kelly auch persönlich an.

In dieser Gemengelage taucht nun ein Video aus dem Jahr 2016 auf, das den Minister alt aussehen lässt: Darin spricht Pete Hegseth darüber, dass Soldaten illegale Befehle nicht befolgen dürften – selbst wenn sie vom Präsidenten kämen. «Es muss Konsequenzen für verachtenswerte Kriegsverbrechen geben», sagt Hegseth ausserdem.

Und was sagt Trump dazu? Noch steht er hinter seinem Verteidigungsminister, doch dass die Angelegenheit auch für ihn noch Konsequenzen haben wird, kann nicht ausgeschlossen werden.


Weihnachten als Patriotenshow – Melania Trump macht das Weisse Haus zur Festung in Blau und Rot

Weihnachten als Patriotenshow – Melania Trump macht das Weisse Haus zur Festung in Blau und Rot

Melania Trump schmeisst die Weihnachtsmaschine an. 51 Bäume, Kränze im Überfluss und 10'000 blaue Schmetterlinge: Patriotismus-Glitzer deluxe. Und mittendrin als echter Hingucker: Trumps Attentatsbild.

02.12.2025