Late Night USA

«Heute sind wir im Mittelalter»

Von Philipp Dahm

28.6.2022

Mittelalterlicher Hofnarr und TV-Satiriker: Stephen Colbert.

Die Pille danach, künstliche Befruchtung und selbst Spiralen werden nun zum Problem: Stephen Colbert klagt das Oberste Gericht der USA an, dem Land seine Moralvorstellungen aufzudrücken.

Von Philipp Dahm

28.6.2022

«Ich weiss nicht, ob ihr Leute letzte Woche geguckt habt: Seit unserer letzten Show am Donnerstag haben wir die Location gewechselt. Am Donnerstag waren wir im Ed Sullivan Theatre [in New York]», beginnt Stephen Colbert seine «Late Night»-Show. «Und heute Abend sind wir im Mittelalter. Jeder bekommt ein halbes Poulet und eine Kanne voller Kobolde.»

Der Grund ist das Urteil des Obersten Gerichts im Fall Roe v. Wade, das unter dem Vorsitz von Samuel Alito die Uhr in Sachen Abtreibung 50 Jahre zurückgedreht hat, erklärt der Gastgeber unter lautem Buhen des Studio-Publikums. Das Fortpflanzungsrecht habe damit weniger lange überdauert als die 49 Staffeln lange Soap-Opera «The Young and the Restless».

Ein Entwurf des Urteils ist bereits im Mai öffentlich geworden. «Alles, was sich seither geändert hat, ist die Schrift», weiss Colbert. «Das Oberste Gericht hat statt Times New Roman nun Very Old Times Roman genommen.» Er habe auch schon vor eineinhalb Monaten darüber geredet, sagt Colbert – und sein Pulver damals eigentlich schon verschossen.

Moral der Geschichte

Late Night USA – Amerika verstehen
Blue News

50 Staaten, 330 Millionen Menschen und noch mehr Meinungen: Wie soll man «Amerika verstehen»? Wer den Überblick behalten will, ohne dabei aufzulaufen, braucht einen Leuchtturm. Die Late-Night-Stars bieten eine der besten Navigationshilfen: Sie sind die perfekten Lotsen, die unbarmherzig Untiefen bei Land und Leuten benennen, und dienen unserem Autor Philipp Dahm als Komik-Kompass für die Befindlichkeit der amerikanischen Seele.

Doch natürlich ist zu dem Thema noch nicht alles gesagt: Mit Roe v. Wade ist auch ein hängiges Urteil von 1992 gekippt worden. Der Fall heisst Planned Parenthood v. Casey. «Im Kern geht es darum, dass Leute mit einem guten Gewissen in dieser tiefsinnig moralischen und philosophischen Frage uneins sein können. Aber das Gericht sagte damals: ‹Unsere Pflicht ist es, die Freiheit aller zu definieren und nicht unsere eigene Moralvorstellung zu vertreten.›»

Nun mache das Oberste Gericht genau das, meint Colbert: Es vertrete seine eigenen Moralvorstellungen. Die Richter würden dem widersprechen, führt er aus, denn sie überlassen es laut ihrem Urteil ja den Bundesstaaten, Abtreibungen zu erlauben oder zu verbieten – und ihren gewählten Abgeordneten.

Doch das ist für Colbert der springende Punkt: «Habt ihr mal die Volksvertreter getroffen? Ich schon. Louie Gohmert ist einer von ihnen. Ich bin mir nicht sicher, ob er weiss, wo Babys herkommen.»

Quod erat demonstrandum: Louie Gohmert fordert, die Mondbahn zu ändern, um den Klimawandel zu bekämpfen.

Veraltete Inspirationen

Trotz des Leaks des Entwurfs sei Amerika nicht auf den Schock vorbereitet gewesen, so Colbert: Zum ersten Mal überhaupt habe das Oberste Gericht ein verfassungsmässiges Recht auf die Autonomie über den eigenen Körper eliminiert. «Und persönliche Rechte sind Amerikas Ding», sagt der 58-Jährige. «Wir haben's erfunden.»

Das Urteil des Obersten Gerichts sei, als hätte Kentucky Fried Chicken seinen Slogan von «We Do Chicken Right» in so etwas geändert, vergleicht Colbert.

Die konservativen Richter argumentieren hingegen, Abtreibung sei «in der Geschichte und Tradition der Nation» nicht tief verwurzelt und deshalb als Recht nicht geschützt. «Hey [Uncle] Sam, vielleicht muss nicht alles, was wir in Amerika tun, von dem Zeugs inspiriert sein, das man vor 200 Jahren gemacht hat.» Die Gesundheitsbehörde rate ja auch nicht dazu, Affenpocken mit Blutegeln zu behandeln.

Der Entzug der Rechte ist beim Volk entsprechend schlecht angekommen: Es gibt Demonstrationen von der Ost- bis zur Westküste. «Sogar in Salt Lake City», ruft Colbert aus – es ist die Hauptstadt des religiös geprägten Mormonen-Staates Utah. «Habt ihr eine Idee, wie schwer es ist, für Utah zu konservativ zu sein?»

Trump: «Es muss eine Form von Bestrafung geben»

Umfragen zufolge seien von zehn Befragten mehr als acht für eine teilweise oder vollständig legalisierte Form der Abtreibung. «Aber Mehrheiten sind nicht wichtig. Und so haben wir dieses Oberste Gericht bekommen», feixt Colbert. Der Hintergrund: Hillary Clinton bekam bei der Wahl 2016 mehr Stimmen, verlor das Rennen aber, weil Donald Trump im Electoral College mehr Wahlleute gewonnen hatte.

Viele Bundesstaaten hätten nach dem Urteil umgehend Abtreibungen verboten oder eingeschränkt, so Colbert. Die Gesetze dazu seien sehr unterschiedlich, «aber viele Staaten versuchen, Abtreibungspillen einzudämmen, in dem sie den Post-Versand für illegal erklären.» Nun müsse sich nur noch jemand finden, der bereit sei, illegale Drogen zu verkaufen, unkt der Moderator.

Trump 2016: «Es muss eine Form von Bestrafung [für die Frau] geben.»

Und wenn eine Frau illegalerweise doch so eine Pille nimmt? «Es muss eine Form von Bestrafung [für die Frau] geben», sagt Donald Trump in einem Clip von 2016. Das Studio-Publikum buht. «Bitte, vier Jahre mit dir waren Bestrafung genug», ätzt Colbert. 

Nach dem Urteil dürften nun die Pille danach, künstliche Befruchtung sowie Spiralen und Levonorgestrel alias Plan B ins juristische Visier geraten, warnen Experten. «Wer nicht schwanger werden will, muss sich also auf Plan C verlassen und sich Richter Samuel Alito nackt vorstellen», kalauert Colbert.