Late Night USA

«Wo ist Will Smith, wenn man ihn braucht?»

Von Philipp Dahm

8.4.2022

«Sie könnte ein Super-Bösewicht sein»: Jimmy Kimmel schreibt während seiner Show einen Brandbrief an Batman.
Screenshot: YouTube

Inspiriert von Will Smith geht's Schlag auf Schlag: Jimmy Kimmel fetzt sich erst mit Marjorie Taylor Greene, watscht dann Matt Gaetz ab, um zuletzt mit dem Texaner Ted Cruz den dritten Republikaner aufs Korn zu nehmen.

Von Philipp Dahm

8.4.2022

«Ich habe das verrückteste Leben, wirklich», rapportiert Jimmy Kimmel, die Hände in den Hosentaschen, am Anfang seines Monologs. «Ich stecke mal wieder mitten in einem Getöse, weil ich anscheinend mit der wohl schlimmsten Frau amerikanischer Politik aneinandergeraten bin: Marjorie Taylor Greene [MTG].»

Was die Republikanerin gegen den «Jimmy Kimmel Live»-Host hat, erklärt der Betroffene selber: «Die ‹Kongress-Person› aus dem 14. Bezirk Georgias ist sauer. Sie ist besonders sauer auf mich.» Es geht um die Show vom Dienstag, in der der Gastgeber mit der «Klan Mom» nicht gerade galant umgegangen ist, wie schon der mütterliche Übername mit der Ku-Klux-Klan-Anspielung andeutet. 

Des einen Freud, des anderen Leid: Jimmy Kimmel erntet bei der Aufzeichnung seiner Show in Los Angeles Applaus, aber zieht sich durch seine Arbeit auch den Zorn republikanischer Politiker zu.
Screenshot: YouTube

Kimmel hat seine Gründe. Der 54-Jährige kann nicht nachvollziehen, was MTG über ihre drei Parteikollegen tweetet, die die von den Demokraten nominierte Bundesrichterin Ketanji Brown Jackson durchgewinkt haben. Für Greene ist das Trio wegen dieser Bestätigung «pro Pädophilie». «Das ist so nett, sowas zu sagen», hat Kimmel Mühe, seinen Sarkasmus im Zaum zu halten, «also habe ich einen Witz gemacht. Ich fragte: ‹Wo ist Will Smith, wenn man ihn braucht?›»

Taylor Greene habe das mitbekommen und beschlossen, politisches Kapital daraus zu schlagen, fährt der Moderator fort. Per Twitter lässt sie Kimmels Muttersender ABC wissen, dass die wegen der «Gewaltandrohung» die zuständige Capitol Police eingeschaltet habe.

«Das muss die cancel culture sein, von der sie immer reden»

Kimmel: «Sie hat nicht nur die Polizei gerufen, sondern ebenjene Polizei, der sie keine Kongress-Medaille für die Verteidigung des Kapitols gegen den Aufstand zugestehen wollte, den sie am 6. Januar mitangefacht hat. Sie hat die angerufen, denen sie die Mittel streichen wollte. Es ist erstaunlich, wie schnell man von ‹Diese Liberalen, man darf gar nichts mehr sagen› zu ‹Was sagst du? Ich rufe die Polizei› kommt. Das muss die cancel culture sein, von der sie immer reden.»

Es sei ihm natürlich noch nie passiert, dass er für einen Witz verzeigt wurde, lacht Kimmel und zeigt, was er auf den MTG-Tweet geantwortet hat:

Die Antwort hat «die süsse, kleine Mimose» offenbar gereizt: Das sei kein Witz gewesen, antwortet MTG. «Du versteckst deinen Frauenhass und deinen Rassismus hinter deinen ‹Scherzen› auf ABC. Das war eine Hundepfeife für die gewalttätige Linke, damit sie mich angreift oder Schlimmeres tut, und du inspirierst bereits Gewaltfantasien gegen mich. Wie viele Todesdrohungen werde ich von deinen Fans bekommen?»

«Und jetzt wählt sie den Notruf, weil man sich lustig macht»

Kimmel kontert, die Abgeordnete würde höchstens Fantasien der Stille inspirieren: «Vielleicht solltest du das dem Tierschutz melden», feixt er mit Blick auf – oder besser: dem Ohr an – «der Hundepfeife». Es sei zwar nett, dass sie denke, er habe Fans, doch auch der Moderator erhält nach eigenen Angaben «Dutzende« Drohungen von «den Spinnern, die auf [MJTs] Linie liegen».

«Ich finde es ausserdem ziemlich bemerkenswert, dass eine Person, die das in ihrer Wahlwerbung macht, plötzlich wegen Gewaltfantasien rumheult», legt Kimmel nach und zeigt untenstehendes Bild. Sie sei doch diejenige, die haltlose Verschwörungstheorien verbreite und wiederholt signalisiere, sie sei für die Exekution prominenter Demokraten. «Und jetzt wählt sie den Notruf, weil man sich über sie lustig macht.»

Zielgerichtet: So sah Marjorie Taylor Greene während ihres letzten Wahlkampfs aus.
Screenshot: YouTube

Sie sei gleichzeitig sowohl eine Mimose als auch eine Soziopathin – eine «Mimoziopathin», ulkt der vierfache Familienvater. Als Rächer schreibt Kimmel ab Minute 3:35 Uhr einen Brief an «Batman» und die «Justice League».

«Bleib drinnen: Pfadfinderinnen verkaufen wieder Guetzli»

Der Sturm im Wasserglas hat auch «den früheren Belästiger» Matt Gaetz auf den Plan gerufen. Der republikanische Abgeordnete, der ein Verfahren wegen des Vorwurfs von sexuellen Handlungen mit Minderjährigen am Hals hat, hat ebenfalls Twitter ausgewählt, um einen medienpolitischen Diskurs anzustossen.

Gaetz zwitschert, dass nicht nur Taylor Greenes Gatte kurzen Prozess mit Kimmel machen würde, sondern auch die streitbare Politikerin selbst. Sollte der Moderator zu «unprovozierter, schrecklicher Gewalt gegen diese Abegordnete» auffordern, würde er nicht lange überleben. Die Antwort des Late-Night-Hosts an Gaetz: «Bleib drin: Die Pfadfinderinnen verkaufen wieder Cookies.»

Late Night USA – Amerika verstehen
blue News

50 Staaten, 330 Millionen Menschen und noch mehr Meinungen: Wie soll man «Amerika verstehen»? Wer den Überblick behalten will, ohne dabei aufzulaufen, braucht einen Leuchtturm. Die Late-Night-Stars bieten eine der besten Navigationshilfen: Sie sind die perfekten Lotsen, die unbarmherzig Untiefen bei Land und Leuten benennen, und dienen unserem Autor Philipp Dahm als Komik-Kompass für die Befindlichkeit der amerikanischen Seele.

Das sei aber vielleicht bloss der zweitdümmste Hollywood-gegen-Washington-Streich der Woche, berichtet der Gastgeber: Republikaner Ted Cruz legt sich mit Mr. T an –  und wenn der Republikaner dem A-Team-Star die Meinung geigt, dann natürlich auf Twitter.

Voilà, die «Lebensart»

Mr. T «hat niemanden angesprochen und einfach bloss gesagt, er würde weiterhin Maske tragen. Doch Senator Cruz hat darauf geantwortet, obwohl er nicht angesprochen war.» Sein Punkt: Bei Joe Bidens Rede zur Lage der Nation habe auch keiner Maske getragen.

Kimmel süffisant: «Und ich frage nochmals: Wo ist Will Smith, wenn man ihn braucht?» Mr. T sei fast 70 Jahre alt, legt er nach: «Er hat den Krebs überlebt. Er hatte eine seltene Form von Lymphkrebs. Ted Cruz greift ihn an, weil er sein eigenes Gesicht mit einer Maske bedeckt. Heuchelei ist Ted Cruz das, was Scientology für Tom Cruise ist: eine Lebensart.»

«Still not good enough for Hollywood»: Kimmel mit dem mittlerweile gelöschten Tweet des texanischen Senators Ted Cruz.
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Im weiteren Monolog ab Minute 6:40 spricht Kimmel noch über den Weltgesundheitstag, Nancy Pelosis Covid-Erkrankung, die Ernennung von Bundesrichterin Ketanji Brown Jackson, Baseball und über «This Week in Florida». Bei Minute 9:16 gibt es sogar noch Feedback auf den Brandbrief an Batman.

Den Abschluss bildet ein Clip, bei dem Aussagen von Fox-News-Moderator Sean Hannity über Joe Biden gegen Bilder aus der Ära von Donald Trump geschnitten werden. Fallen solche Spitzen eigentlich auch unter die Rubrik «Hollywood gegen Washington»? Man weiss es nicht. Das Stück gibt es als Extra-Video, darunter dann der ganze Monolog im Bewegtbild.