«Tochter eines Märtyrers» In Venezuela reagiert nun eine «Tigerin» – wer ist Delcy Rodríguez?

Lea Oetiker

8.1.2026

Delcy Rodríguez ist nach der Festnahme des venezolanischen Machthabers Nicolás Maduro an die Spitze des Landes gerückt.
Delcy Rodríguez ist nach der Festnahme des venezolanischen Machthabers Nicolás Maduro an die Spitze des Landes gerückt.
Bild. Keystone

Präsident Nicolás Maduro nennt sie eine «Tigerin», eine «mutige Frau» und «Tochter eines Märtyrers». Doch wer ist Delcy Rodríguez, die Frau, die nun an der Spitze der venezolanischen Regierung steht?

Lea Oetiker

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Nach der Festnahme von Nicolás Maduro übernimmt seine Stellvertreterin Delcy Rodríguez die Regierung Venezuelas. Zumindest vorübergehend.
  • Die 56-Jährige hat eine steile politische Karriere hinter sich und gilt als regimetreu.
  • Gegenüber den USA zeigt sie sich mittlerweile verhandlungsbereit und spricht von einer «ausgewogenen und respektvollen» Beziehung zwischen den beiden Ländern.

Nur wenige Stunden nach der Gefangennahme des venezolanischen Machthabers Nicolás Maduro durch US-Soldaten rückt seine Stellvertreterin Delcy Rodríguez an die Spitze der Regierung. Am Montag wurde sie vereidigt.

Die 56-Jährige warf der Trump-Regierung zuerst eine Invasion des Landes und die Entführung seines Staatsoberhaupts vor. Sie sprach von «Barbarei», nannte Maduro den einzigen rechtmässigen Präsidenten Venezuelas und forderte seine Freilassung.

Wer ist die Frau, die jetzt die Übergangspräsidentin ist?

Delcy Rodríguez (l.) bei ihrer Vereidigung am Montag.
Delcy Rodríguez (l.) bei ihrer Vereidigung am Montag.
Bild: Keystone/EPA/Miraflores Palace

Rodríguez kam 1969 in der Hauptstadt Caracas zur Welt. Sie ist die Tochter von Jorge Antonio, einem marxistischen Guerillakämpfer. Als sie sieben Jahre alt war, starb er im Gefängnis. Er wurde zu Tode gefoltert, weil er in den Siebzigerjahren den US‑Geschäftsmann William Niehous entführte. Der Amerikaner wurde drei Jahre lang im Dschungel festgehalten.

Ihr Vater gehörte zu den Mitgründern der «Liga Socialista», einer kleinen linken Partei, die später Teil des Bündnisses um Hugo Chávez, Maduros Mentor und Amtsvorgänger, wurde. In diesem Machtapparat stieg auch Rodríguez auf – und das rasant.

«Eine mutige Frau und Tochter eines Märtyrers»

Nach ihrem Abschluss an der Universidad Central de Venezuela war die Juristin von 2013 bis 2014 Kommunikations- und Informationsministerin. Nach der Machtübernahme von Maduro wurde sie Aussenministerin. In dieser Zeit versuchte sie, sich nach dem Ausschluss Venezuelas aus dem Handelsblock Mercosur gewaltsam Zutritt zu einem Gipfeltreffen in Buenos Aires zu verschaffen.

Im Jahr 2017 leitete sie zudem die regierungstreue verfassungsgebende Versammlung, die Maduros Machtbefugnisse erweiterte. Im Juni 2018 wurde Rodríguez schliesslich zur Vizepräsidentin ernannt. Damals beschrieb Maduro sie auf «X» als «eine junge, mutige, erfahrene Frau, Tochter eines Märtyrers, Revolutionärin und in tausend Schlachten erprobt». Seit 2020 war sie zudem Ministerin für Wirtschaft, Finanzen und Öl, sowie Direktorin der venezolanischen Zentralbank.

Delcy Rodríguez (l.), zusammen mit ihrem Bruder Jorge Rodríguez (M.) und dem eigentlichen Präsidenten von Venezuela, Nicolás Maduro (r.).
Delcy Rodríguez (l.), zusammen mit ihrem Bruder Jorge Rodríguez (M.) und dem eigentlichen Präsidenten von Venezuela, Nicolás Maduro (r.).
Bild: Keystone

Im Jahr 2020 machte Delcy Rodríguez noch anderweitige internationale Schlagzeilen – und zwar mit «Delcygate». Da landete sie mit einem Privatflugzeug auf dem Flughafen von Madrid, um sich für einige Stunden mit dem spanischen Verkehrsminister José Luis Ábalos zu treffen. Dies, obwohl sie zu den 25 Personen des Maduro-Regimes gehört, denen der Aufenthalt im Schengen-Raum durch die Europäische Union wegen Menschenrechtsverbrechen und dem Abbau der Demokratie in Venezuela untersagt ist.

Im Oktober 2025 sorgte ein Bericht des «Miami Herald» erneut für Wirbel um Rodríguez. Laut dem Artikel sollen sie, ihr Bruder, sowie einflussreiche venezolanische Funktionäre den USA vorgeschlagen haben, eine Übergangsregierung ohne Maduro zu bilden, um die politische Stabilität des Landes zu sichern. Rodríguez wies die Darstellung jedoch als Lüge zurück und sprach von einer gezielten Verbreitung falscher Informationen.

Auch ihr Bruder Jorge Rodríguez ist in der Politik. Aktuell ist er Minister für Kommunikation und Information. Unter Chávez war er ab 2007 ein Jahr lang Vizepräsident.

Die überzeugte Sozialistin

Die Geschwister sind politische Hardliner an der Seite Maduros. Delcy Rodríguez gilt als überzeugte Sozialistin, als regimetreu. Sie wird prominent, wenn das Regime unter internationalem Druck steht, wie während der Isolation Venezuelas von 2017 bis 2019 durch Sanktionen vieler Länder oder im Machtkampf 2019 gegen Oppositionsführer Juan Guaidó. «Tigerin» nennt Maduro die Frau, die stets in auffälligen, knallbunten Outfits gekleidet ist.

Sie bezeichnete sich selbst als «Feindin des US-Imperiums». Doch obwohl ihre früheren Aussagen und jene kurz nach Maduros Entführung scharf und unnachgiebig waren, hat sich ihr Ton gegenüber den USA inzwischen deutlich gemässigt.

Sie zeigt sich verhandlungsbereit und spricht von einer «ausgewogenen und respektvollen» Beziehung zwischen den USA und Venezuela. «Wir laden die Regierung der Vereinigten Staaten ein, gemeinsam mit uns an einer Kooperationsagenda zu arbeiten, die auf eine gemeinsame Entwicklung, im Rahmen des internationalen Rechts, ausgerichtet ist, und zur Stärkung eines dauerhaften, gemeinschaftlichen Zusammenlebens beiträgt», schreibt sie am Montag auf Instagram.

Und weiter: «Präsident Trump, unsere Völker und unsere Regionen verdienen Frieden und Dialog, nicht Krieg.» Das sei auch stets die Haltung von Präsident Nicolás Maduro und des ganzen Volkes gewesen. «Das ist das Venezuela, an das ich glaube, dem ich mein Leben gewidmet habe.»

Zuvor hatte US-Präsident Donald Trump Rodríguez in einem Interview mit der Zeitung «The Atlantic» gedroht. «Wenn sie nicht das Richtige tut, wird sie einen sehr hohen Preis zahlen, wahrscheinlich höher als Maduro», zitiert ihn die Zeitung.

Wie es jetzt mit Venezuela weitergeht, weiss niemand so genau. Sicher ist nur: Das politische Schachspiel zwischen Caracas und Washington hat gerade erst eine neue Phase erreicht.


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