Intubiert ohne Betäubung

AP/toko

17.4.2021

epa09139940 Patients are treated for Covid-19, at the Pedro Dell Antonia Municipal Campaign Hospital, in Santo Andre, SP, Brazil, 15 April 2021 (issued 16 April 2021). For the first time since the start of the coronavirus pandemic, people under 40 years of age are the majority among patients admitted to ICUs in Brazil, a country that is experiencing a second wave more virulent and lethal than the first, with an average of 3,000 deaths per day. EPA/Sebastiao Moreira ATTENTION EDITORS: FACES PIXELATED BY SOURCE
Zum ersten Mal seit Beginn der Pandemie ist die Mehrheit der Covid-Patienten auf brasilianischen Intensivstationen unter 40 Jahre alt.
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Den brasilianischen Spitälern gehen wichtige Medikamente aus — das jüngste Problem in dem schwer von der Corona-Pandemie betroffenen Land. Die Kliniken bitten verzweifelt um Hilfe.

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17.4.2021

Seit Wochen warnen Gesundheitsexperten davor, dass in brasilianischen Spitälern wichtige Medikamente knapp werden. Nun werden erste Berichte laut, wonach Klinikmitarbeiter Patienten ohne Beruhigungsmittel intubieren müssen. Im städtischen Albert-Schweitzer-Spital in Rio de Janeiro hatten die Beschäftigten zuvor über Tage hinweg Sedativa verdünnt, damit die Vorräte länger reichen, wie ein Arzt der AP sagte. Seit diese aufgebraucht seien, müssten Krankenschwestern und Mediziner neuromuskuläre Blocker nutzen und Patienten an ihren Betten fixieren.

«Man entspannt die Muskeln und führt die Prozedur leicht durch, aber wir haben keine Beruhigungsmittel mehr», erklärte der Arzt, der bei dem heiklen Thema nicht namentlich zitiert werden wollte. «Manche versuchen zu reden, wehren sich. Sie sind bei Bewusstsein.»



Der Mangel an notwendigen Medikamenten ist das jüngste Problem, mit dem Brasilien infolge von Covid-19 zu kämpfen hat. Das Land steht aktuell im Zentrum der Pandemie, die Intensivstationen sind voll. Täglich sterben im Durchschnitt hier etwa 3000 Menschen und damit ein Viertel aller Covid-19-Toten weltweit.

Sogenannte Intubations-Kits enthalten üblicherweise Betäubungs- und Beruhigungsmittel und andere Medikamente, um schwerkranke Patienten an Beatmungsgeräte anzuschliessen. Das Gesundheitsamt von Rio erklärte, gelegentliche Engpässe im Albert Schweitzer seien auf Lieferprobleme am Weltmarkt zurückzuführen. Die Mittel würden so ersetzt, dass bei der Behandlung kein Schaden entstehe.

Verzweifelte Verwandte telefonieren Spitäler ab

Die Tageszeitung «O Globo» berichtete am Donnerstag über ähnliche Zustände in weiteren Spitälern im Grossraum Rio. Angehörige telefonierten verzweifelt andere Kliniken ab, um an Beruhigungsmittel für ihre erkrankten Verwandten zu kommen. Auch in anderen Regionen warnen Experten vor bevorstehenden Knappheiten.

Im bevölkerungsreichsten Staat São Paulo sprach der örtliche Gesundheitsminister Jean Carlo Gorinchteyn am Mittwoch von einer katastrophalen Lage in den Spitälern. Am Donnerstag standen nach offiziellen Angaben mehr als 640 Häuser vor dem Kollaps, Engpässe drohten innerhalb weniger Tage. Gorinchteyn bat die brasilianische Bundesregierung um Hilfe. «Das ist keine Notwendigkeit für São Paulo; es ist eine Notwendigkeit für das ganze Land», sagte er. Die Gesundheitsämter in seinem Staat beantragten über einen Zeitraum von 40 Tagen neun Mal Intubationsmedikamente beim Gesundheitsministerium. Die jüngste Lieferung reichte nur für sechs Prozent des monatlichen Bedarfs, wie Beamte der AP sagten.

FILE - In this April 13, 2021, file photo, Health workers treat a COVID-19 patient at the emergency unit of a field hospital set up to treat COVID patients in Ribeirao Pires, greater Sao Paulo area, Brazil. The global death toll from the coronavirus topped a staggering 3 million people Saturday, April 17, 2021, amid repeated setbacks in the worldwide vaccination campaign and a deepening crisis in places such as Brazil, India and France. (AP Photo/Andre Penner, File)
Der Mangel an notwendigen Medikamenten ist das jüngste Problem, mit dem Brasilien infolge von Covid-19 zu kämpfen hat.
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Der neue brasilianische Gesundheitsminister Marcelo Queiroga erklärte am Mittwoch, binnen zehn Tagen sei eine Lieferung von Beruhigungsmitteln zu erwarten. Diese geht auf einen Vertrag mit der Panamerikanischen Gesundheitsorganisation zurück. Zudem bemüht sich die Regierung laut Queiroga auf zwei weiteren Wegen auf dem internationalen Markt um Arzneimittel, «um diesen täglichen Kampf zu beenden».

Zu wenig Sauerstoff

Ein weiteres Problem waren wochenlang logistische Hindernisse zur Verteilung von Sauerstoff an Spitäler im ganzen Land. Die Situation bereite immer noch täglich Sorge, sagte Queiroga. Aufgrund der Ausbreitung der ansteckenderen Virusvariante P.1 in diesem Jahr brauchen Patienten nach Angaben von Ärzten und Schwestern deutlich mehr Sauerstoff als im vergangenen Jahr.

Zur Überwindung der Engpässe sprang auch die Privatwirtschaft ein. Eine Gruppe aus sieben grossen Unternehmen spendete 3,4 Millionen Dosen an Intubationsmitteln an das Gesundheitsministerium. Diese reichen für 500 Betten über einen Zeitraum von sechs Wochen aus.

Die Knappheit ist nicht auf den öffentlichen Sektor begrenzt. Der Verband der brasilianischen Privatkliniken veröffentlichte am Donnerstag eine Umfrage, wonach neun von 71 Häusern nach eigenen Angaben nur noch für fünf Tage oder weniger Vorräte haben. Etwa die Hälfte erklärte, noch genug für eine Woche zu haben. Die privaten Spitäler bemühen sich dem Verband zufolge um Importmedikamente aus Indien, brauchen dafür aber noch eine behördliche Genehmigung.

Die Stadt Itaiopolis im südbrasilianischen Staat Santa Catarina meldete einen Mangel an Beruhigungsmitteln und Sauerstoff, auch im benachbarten Rio Grande do Sul wurden die Bestände knapp. Die Gesundheitsministerin von Rio Grande do Sul, Arita Bergmann, sprach am Donnerstag von einer verzweifelten Situation: «Das Gesundheitsministerium muss schnell die Vorräte der Spitäler auffüllen, sonst können intubierte Patienten ohne Medikation aufwachen, und das wäre furchtbar.»