Zwischen Theokratie und Republik – So funktioniert Irans Machtapparat – und was jetzt auf dem Spiel steht
Der Tod des Obersten Führers Ali Chamenei erschüttert das Machtzentrum der Islamischen Republik. Doch wie funktioniert dieses einzigartige System aus Wahlen, Wächterrat und religiöser Letztentscheidung überhaupt?
02.03.2026
Seit Samstag greifen die USA gemeinsam mit Israel den Iran an. Offiziell geht es um den Sturz des Regimes in Teheran. Militärexperte Marcel Berni von der ETH Zürich warnt: Washington gehe ein enormes Risiko ein – und setze alles auf eine Karte.
Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen
- Die USA und Israel haben militärische Angriffe auf den Iran gestartet und sprechen offen von einem möglichen Regimewechsel.
- Militärexperte Marcel Berni sieht die Eskalation als lange vorbereitet, warnt aber vor hohen Risiken für Washington.
- Europa hält sich zurück, China und Russland greifen nicht ein – der Iran steht laut Berni weitgehend isoliert da.
Seit Samstag tobt im Nahen Osten ein neuer Krieg. Nach wochenlangen Spannungen greift das US-Militär gemeinsam mit Israel den Iran an. Offiziell geht es der Regierung von US-Präsident Donald Trump um den Sturz des Mullah-Regimes. Er fordert sie auf, nach Abschluss der militärischen Operationen «eure Regierung zu übernehmen».
«Das wird wahrscheinlich eure einzige Chance für Generationen sein», sagt Trump in einer Ansprache am Samstag. «Viele Jahre lang habt ihr Amerika um Hilfe gebeten, aber ihr habt sie nie bekommen. Jetzt habt ihr einen Präsidenten, der euch gibt, was ihr wollt – also sehen wir, wie ihr darauf reagiert.»
Doch was steckt wirklich hinter dem Angriff? Militärexperte Marcel Berni von der Militärakademie der ETH Zürich verfolgt die Geschehnisse genau. Für ihn ist klar: «Dass es irgendwann zur Eskalation kommen würde, war absehbar. In den vergangenen Wochen haben die USA zahllose militärische Mittel in die Golfregion verschoben, zudem stockten die diplomatischen Bemühungen. Und Donald Trump hat gezeigt, dass er kein Friedenspräsident ist, sondern stark auf die militärische Karte setzt.»
Bewusste Regionalisierung durch das Regime
Überrascht habe ihn allerdings, sagt Berni, wie stark Trump auf das Militär gesetzt habe. «Ich denke aber, dass ihn die aus seiner Sicht erfolgreiche Operation in Venezuela vor einigen Wochen stark beflügelt hat. Das hat ihm gezeigt, was mit militärischen Mitteln möglich ist.»
Berni verfolgt zahlreiche Konflikte in der Welt, auch im Ukraine-Konflikt hat er sich als Experte einen Namen gemacht. Zwar gebe es gewisse Parallelen bei der Kriegsführung, dennoch würden sich die Konflikte grundlegend unterscheiden, sagt er. Etwa bei der Regionalität: «Anders als in der Ukraine hat der Krieg sehr schnell auf eine gesamte Region übergegriffen, etwa mit Drohnenangriffen auf die Golfstaaten. Im aktuellen Konflikt eskaliert die Lage von Tag zu Tag mehr.»
Das habe vor allem mit dem iranischen Regime zu tun. «Für sie ist der Krieg existenziell. Deshalb kamen alle Pläne zum Tragen, die das Regime in den vergangenen Jahrzehnten aufgebaut hat. Mit den gezielten Angriffen auf die Golfstaaten versucht der Iran, Druck auf den Westen auszuüben – mit der Blockade der Strasse von Hormus wird zudem wirtschaftlicher Druck ausgeübt.» Eine tatsächliche und dauerhafte Blockade der Strasse von Hormus wäre jedoch ein massiver internationaler Eskalationsschritt – mit unmittelbaren Folgen für den globalen Energiemarkt.
Aus militärischer Sicht gebe es Anzeichen, dass der Konflikt bewusst regionalisiert werde – also über Iran und Israel hinaus Wirkung entfalten solle. Dennoch glaubt Berni nicht, dass dieser Plan aufgehen wird. «Die Länder rund um den Iran haben sich auf die Seite der USA geschlagen. Der Iran steht völlig isoliert da – China hat aktuell kein Interesse an einem Eingriff, Russland hat keine Kapazitäten für einen weiteren Krieg. Das bringt den Iran in eine schwierige Position.»
Europa bleibt noch aussen vor
Dennoch: Nicht nur für das Mullah-Regime steht viel auf dem Spiel, auch die Amerikaner sind unter Druck, erklärt Berni. «Die USA pokern extrem hoch. Sie setzen darauf, dass sich eine organisierte Opposition innerhalb des Landes das Regime stürzt. Doch alle Waffen befinden sich in den Händen des Regimes, die Opposition hat keine militärischen Mittel. Wie der Kampf im Inneren des Iran ausgehen wird, bleibt abzuwarten.» Sollte dieser Regimewechsel ausbleiben, stünden die USA vor der Frage, was sie militärisch eigentlich erreicht haben – und wie sie den Einsatz innenpolitisch erklären wollen.
Bislang aussen vor steht Europa. Sowohl Deutschland als auch Frankreich haben zwar angekündigt, dass auch ein militärischer Eingriff nicht ausgeschlossen sei. Dass es aber tatsächlich so weit kommen wird, bezweifelt Berni. «Es geht hier mehr darum, ein Signal an die USA zu senden. Man will Trump keinesfalls verärgern. Zudem brauchen die Europäer auf Gedeih und Verderb den amerikanischen Support, etwa bei der Ukraine-Politik. Das merkt man momentan klar. Staaten, welche die Ukraine stark unterstützen, etwa Deutschland oder Frankreich, senden viel stärkere Signale als etwa Spanien.» Wie wirkungsvoll europäische Beiträge wie Luftverteidigung oder Seegefechtsgruppen in einer solchen Konfliktlage tatsächlich wären, sei zudem fraglich – die strategische Hauptlast liege klar bei den USA.
Berni glaubt denn auch, dass die Europäer den Krieg weniger stark spüren werden als die Amerikaner. «Natürlich werden die wirtschaftlichen Konsequenzen auch hier spürbar sein. Aber einen direkten militärischen Eingriff kann ich mir aus europäischer Sicht aktuell kaum vorstellen.»
Wie geht es nach dem Krieg weiter?
Auffällig ruhig bleibt es auch um China. Zwar hat die Regierung den Angriff verurteilt, ansonsten hält sich Peking bislang aber zurück. «Auch hier ist ein klares Interesse zu erkennen», sagt Berni. China stehe kurz vor einem Handelsdeal mit Trump, diesen wolle man nicht gefährden. «Es ist ein typisch chinesisches Verhalten, die aktuelle Angelegenheit mal auf die lange Bank zu schieben und abzuwarten, was weiter passiert.»
Doch wie geht es im Krieg mit dem Iran weiter? Berni glaubt nicht, dass der Krieg Monate oder gar Jahre dauern wird. «Die Amerikaner wollen diesen Krieg schnell hinter sich bringen», ist er überzeugt. «Jahrelange Einsätze wie der Afghanistan-Krieg oder auch Vietnam haben tiefe Spuren hinterlassen. uch im Ukraine-Krieg ist erkennbar, dass alle Seiten in einem langen Krieg leiden. Deswegen dürfte der Westen bestrebt sein, den Krieg schnell zu beenden. Das gilt allerdings nur begrenzt für das iranische Regime. Das will Trump um jeden Preis vermeiden.»
Zudem stehen im Herbst die Midterm-Wahlen an. «Die Republikaner wollen dann sicherlich nicht mit einem andauernden Krieg in Verbindung gebracht werden. Ich denke, Trump ist jetzt schon einen Schritt weiter gegangen, als er sich vor einigen Monaten vorstellen konnte. Er erfährt Widerstand von der Hardcore-MAGA-Bewegung und von Isolationisten. Sein Ziel dürfte es sein, den Krieg bald wieder zu beenden.»
Aktuell zu deeskalieren, sei schwierig, sagt Berni. Vorerst werde das militärische Geschehen den diplomatischen Lösungen vorgezogen. «Aber mittel- und langfristig wird es wichtig sein, dass die Staaten gemeinsam aufzeigen, dass ein Krieg allen schadet.»
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