Der unsichtbare MachtzirkelWarum Trump Irans Führung fatal falsch liest
Sven Ziegler
24.4.2026
Iran spottet über Trump – Dramatische Eskalation im Iran-Krieg?
Eskalation befürchtet: Im Krieg zwischen den USA und dem Iran rückt der Ablauf eines Ultimatums näher. US-Präsident Donald Trump fordert, dass Teheran die Strasse von Hormus bis Mittwochnacht öffnet. Andernfalls droht er mit der Zerstörung iranischer Kraftwerke. Irans Militärführung verspottet die Warnung und bezeichnet Trump als «wahnhaft».
07.04.2026
Donald Trump spricht von einer «ernsthaft zerbrochenen» Führung in Teheran. Doch Iran-Experten widersprechen entschieden. Ihre Diagnose: Nicht Schwäche prägt das Regime nach dem Tod von Ayatollah Ali Khamenei – sondern eine neue, militärisch dominierte Härte.
Seit dem US-israelischen Angriff vom 28. Februar, bei dem der oberste iranische Führer Ali Khamenei getötet wurde, hat sich in Teheran keine reformorientierte Führung durchgesetzt. Stattdessen rückte ein enges Machtkartell aus Revolutionsgarden und Sicherheitsapparat nach vorn. Genau das macht die Lage so brisant: US-Präsident Donald Trump glaubt, militärisch gewonnen zu haben – und will gleichzeitig verhandeln. Doch beides wird zunehmend unvereinbar.
Ein Blick in die Vergangenheit des Irans zeigt vor allem ein Muster der Verhärtung. Nach dem Ende des Iran-Irak-Kriegs 1988 gewann die Führung zwar unter Akbar Hashemi Rafsanjani pragmatischere Züge, gleichzeitig wurden die Revolutionsgarden aber zu einer dauerhaften Machtinstitution. Nach der Niederschlagung der Grünen Bewegung 2009 war die Opposition weitgehend zerschlagen, der Machtkampf verlagerte sich stärker ins konservative Lager.
Und nach den Mahsa-Amini-Protesten 2022 stärkten Repression und spätere Machtkonsolidierung erneut die Hardliner. Vieles deutet darauf hin, dass sich dieses Muster auch diesmal wiederholt.
Trump glaubt an «Zusammenbruch»
Am 21. April schrieb Trump auf Truth Social, er verlängere den brüchigen Waffenstillstand, weil «die Regierung Irans ernsthaft zerbrochen ist, nicht unerwartet». Bereits zuvor hatte er von einem faktischen «Regimewechsel» gesprochen und erklärt, man verhandle nun mit «einer völlig neuen Gruppe von Leuten».
President Trump on TruthSocial: STATEMENT OF PRESIDENT DONALD J. TRUMP:
Based on the fact that the Government of Iran is seriously fractured, not unexpectedly so and, upon the request of Field Marshal Asim Munir, and Prime Minister Shehbaz Sharif, of Pakistan, we have been asked… pic.twitter.com/DGQwmFUI5D
— Donald J Trump Posts TruthSocial (@TruthTrumpPost) April 21, 2026
Trump folgt damit weiterhin seiner politischen Linie. Er verlangt einen Deal zu Bedingungen, die einer Kapitulation gleichkommen: die Stilllegung zentraler Atomanlagen, die Übergabe angereicherten Urans und ein langfristiges Verbot der Anreicherung. Anfang März formulierte er das unmissverständlich: «Es wird keinen Deal mit dem Iran geben ausser UNBEDINGTER KAPITULATION!»
Die These eines «zerbrochenen» Regimes passt allerdings gar nicht ins Bild. Die angekündigte Kapitulation bleibt bislang aus – und Fristen werden verschoben, obwohl Teheran kaum Zugeständnisse macht.
Doch genau hier setzt die Kritik an. Viele Experten glauben nicht, dass Trump einen Regimewechsel im Iran erreichen wird.
«Ich halte das für ein ernstes Missverständnis», sagte Mehran Kamrava von der Georgetown-Universität auf CNN. «Die iranische Führung war bemerkenswert kohärent – im Krieg wie in den Verhandlungen.»
Trita Parsi vom Quincy Institute sieht sogar das Gegenteil von Trumps Diagnose: Der Krieg habe «die radikalste Version der Islamischen Republik aller Zeiten hervorgebracht». Und Andreas Krieg vom King’s College London bringt es auf den Punkt: «Die Revolutionsgarden sind nun fest an der Macht.»
Das Machtvakuum nach Khameneis Tod
Nach dem Tod Khamenei zeigte sich: Das iranische System war perfekt auf einen solchen Schlag vorbereitet. Die iranische Spitze vereint religiöse und militärische Macht. Der Oberste Führer steht an der Spitze, kontrolliert Armee, Justiz und strategische Entscheidungen.
Nahost-Konflikt
Immer wieder kommt es zu Eskalationen im Nahen Osten. Jüngst sorgten die USA und Israel mit Angriffen auf den Iran für Unruhen. blue News informiert dich laufend über alle wichtigen Entwicklungen in Nahost.
Gewählt wird er vom Expertenrat, dessen Mitglieder wiederum vom Wächterrat vorgeprüft werden. Parallel dazu operieren die Revolutionsgarden als eigenständiger Machtblock mit militärischen, wirtschaftlichen und geheimdienstlichen Strukturen.
Nach Khameneis Tod übernahm zunächst ein Übergangsgremium die Führung. Wenige Tage später wurde sein Sohn Mojtaba Khamenei zum neuen Obersten Führer gewählt. Damit ist klar: Das Machtvakuum wurde nicht von zivilen Kräften gefüllt – sondern von jenen Akteuren, die bereits zuvor den grössten Einfluss hatten.
Die iranische Führung profitiert
Für viele Beobachter ist die Entwicklung eindeutig. Der Iran wird nicht pluralistischer, sondern geschlossener – und militärischer.
Ali Vaez von der International Crisis Groupformuliert es so: «Trump hat das Regime verändert – aber in ein deutlich radikaleres.» Auch die US-Denkfabrik RAND kommt in einem Paper zu einem ähnlichen Schluss. Ihr wahrscheinlichstes Szenario: eine stärkere Dominanz der Revolutionsgarden, verbunden mit harter Kontrolle im Innern und wachsender Konfrontation nach aussen.
Laut Experten dürften sich die Fronten eher noch verhärten.
Bild:Stringer/dpa
Afshon Ostovar schreibt in «Foreign Affairs», dass nach einer solchen Krise vor allem jene Kräfte übrig bleiben, die eng mit den Revolutionsgarden verbunden sind – oder direkt aus ihnen stammen. Sanam Vakil des Think-Thanks Chatham House ergänzt: Nachfolgephasen stärken typischerweise sicherheitsorientierte Fraktionen. Und der amerikanische Politikwissenschaftler Vali Nasr beobachtet aktuell einen Generationswechsel innerhalb der Garden, der die strategische Ausrichtung weiter verschärfen könnte.
Das Ergebnis ist kein einheitlicher Machtblock, sondern eine Koalition aus Hardlinern, die gleichzeitig konkurrieren und kooperieren. Die entscheidende Trennlinie verläuft nicht mehr zwischen Reformern und Konservativen, sondern innerhalb des Hardliner-Lagers selbst.
Ein Problem für Trump
Für Washington verschlechtert diese Entwicklung die Ausgangslage deutlich.
Erstens könnte die Zurückhaltung vor einem nuklearen Schlag sinken. Khamenei hatte einen Einsatz von Atomwaffen stets aus religiösen Gründen abgelehnt. Ob diese unter einer neuen, stärker militärisch geprägten Führung noch gilt, ist unklar.
Zweitens fehlen potenzielle Vermittler. Mehrere Figuren, die als pragmatisch galten, wurden in den vergangenen Wochen militärisch von Trump ausgeschaltet. Damit schrumpft der Kreis möglicher Gesprächspartner.
Drittens ist unklar, wer überhaupt Entscheidungen trifft. US-Beamte räumten ein, dass selbst für amerikanische Unterhändler nicht eindeutig sei, ob die iranischen Verhandler ein klares Mandat besitzen.
Was die Region sieht
Auch in der Region wird die Entwicklung als Verschärfung wahrgenommen. Israel hat angekündigt, künftig jede neue Führung in Teheran als legitimes Ziel zu betrachten. Saudi-Arabien droht mit Gegenmassnahmen bei weiteren Angriffen. Europäische Staaten erhöhen den Druck durch zusätzliche Sanktionen.
Parallel dazu intensivieren Iran-nahe Milizen ihre Aktivitäten – etwa im Irak, wo es zu einer Serie von Angriffen auf US-Ziele kam. Beobachter sprechen von einer «Mosaik-Strategie»: Dezentrale Akteure, die autonom agieren und damit schwer kontrollierbar sind, übernehmen zunehmend die Kontrolle. blue News hat den aktuellen Wandel bereits hier ausführlich beleuchtet.
Trumps zentrale Annahme hält damit einer genaueren Analyse kaum stand. Ja, die iranische Führung ist nach dem Tod Khameneis im Umbruch. Doch dieser Umbruch führt wohl kaum zu Schwäche – sondern zu einer neuen Form von Stabilität innerhalb eines radikalen Systems.
Die eigentliche Ironie liegt darin, dass Trumps eigene Strategie genau jene Kräfte gestärkt hat, die einem Deal am skeptischsten gegenüberstehen. Er kann den Waffenstillstand verlängern, so oft er will. Doch mit jeder Verzögerung wird es schwieriger, überhaupt noch verhandlungsfähige Partner zu finden.
Die Revolutionsgarden haben gezeigt, dass sie militärischem Druck standhalten. Ob sie auch zu einem politischen Kompromiss bereit sind, entscheidet inzwischen eine Generation, für die der Krieg nicht Niederlage ist, sondern Bestätigung.