Spannungen USA – Iran «Das Risiko eines ungewollten Kriegsausbruchs ist erheblich»

Gil Bieler

21.6.2019

Der damalige Bundesrat Johann Schneider-Ammann (l.) gratuliert Lars-Erik Cederman im September 2018 zur Auszeichnung mit dem Marcel-Benoist-Wissenschaftspreis.
Der damalige Bundesrat Johann Schneider-Ammann (l.) gratuliert Lars-Erik Cederman im September 2018 zur Auszeichnung mit dem Marcel-Benoist-Wissenschaftspreis.
Bild: Keystone/Peter Schneider

Das Säbelrasseln zwischen den USA und dem Iran wird lauter und lauter. Lässt sich ein Krieg noch vermeiden? «Bluewin» hat bei Konfliktforscher Lars-Erik Cederman von der ETH Zürich nachgefragt.

Den vorläufigen Höhepunkt der Feindseligkeiten am Persischen Golf bildete die Genehmigung von amerikanischen Luftschlägen auf den Iran, die US-Präsident Donald Trump erst im letzten Moment stoppte. Mit dieser Drohkulisse reagierte Trump auf den Abschuss einer amerikanischen Aufklärungsdrohne durch den Iran in der Nacht auf Donnerstag. 

Erst in der vergangenen Woche hatten sich die Erzrivalen wegen Angriffen auf zwei Öltanker im Golf von Oman angefeindet. Die USA machen den Iran dafür verantwortlich, Teheran weist das zurück. Und weitere Konflikte zeichnen sich bereits ab: Washington will 1’000 weitere Soldaten in den Nahen Osten entsenden, und das Mullah-Regime ritzt am internationalen Atomabkommen, aus dem die USA schon im vergangenen Jahr ausgestiegen sind.

Ist eine Eskalation noch vermeidbar? «Bluewin» hat Lars-Erik Cederman, Professor für Internationale Konfliktforschung an der ETH Zürich, um eine Einschätzung gebeten.

Herr Cederman, wenn man sich die Schlagzeilen der letzten Wochen ansieht, scheint es, als ob die USA und der Iran unmittelbar vor einem Krieg stehen. Täuscht der Eindruck?

Nein, der Eindruck ist korrekt. Seit der amerikanischen Kündigung des Atomabkommens mit dem Iran ist die Lage angespannter geworden. Die Spannung ist in den letzten Tagen sogar noch gestiegen, und das Risiko eines ungewollten Kriegsausbruch durch beidseitige Fehleinschätzung ist erheblich.

Die USA erhöhen bereits seit Wochen den Druck auf den Iran. Hätten die Amerikaner überhaupt ein Interesse an einem neuen bewaffneten Konflikt in der Region?

Es gibt sicherlich Politiker in den USA, die an einem Konflikt Interesse hätten, inklusive Falken wie dem Sicherheitsberater John Bolton und andere «Neokonservative». Interessanterweise scheint Präsident Donald Trump von dieser Idee weniger angetan, weil er einsieht, dass ein Krieg in der breiten Bevölkerung unbeliebt und riskant wäre.

Wie sieht denn die Strategie dieser Falken aus?

Bolton weigert sich immer noch einzusehen, dass der Irakkrieg einen Irrtum dargestellt hat. Da die meisten nüchternen Sicherheitsexperten meinen, ein direkter Angriff auf den Iran wäre noch schwieriger und riskanter, ist es rätselhaft, wie er räsoniert, aber höchst wahrscheinlich unterschätzt er die Risiken und Kosten eines bewaffneten Frontalangriffs auf den Iran massiv. Es scheint klar, dass er seit sehr langer Zeit, zusammen mit israelischen Falken und anderen neokonservativen Kollegen, sehr gern die Bedrohung des Iran ein für alle Mal aus dem Weg räumen will.

Und wie sieht es auf der Seite des Iran aus: Was bezweckt Teheran mit diesem Säbelrasseln?

Die Uhr läuft gegen den Iran: Der Würgegriff der Sanktionen wird enger. Zuerst hat Teheran sicher damit gerechnet, man könnte Trumps Abwahl abwarten, aber diese Taktik hat man offensichtlich aufgegeben.

Beide Parteien schaukeln den Konflikt derzeit mit Provokationen hoch. Sehen Sie überhaupt noch eine Chance für eine Deeskalation?

Es gibt keinen Determinismus in dieser Entwicklung. Ein Joker im Spiel ist Trump selber. Falls der amerikanische Präsident wirklich keinen Krieg will, hat er gute Chancen, ihn zu stoppen – vor allem, weil er keinen Respekt für Fakten hat. Aber es gibt natürlich keine Garantien.

Wer könnte denn zwischen den beiden Lagern noch vermitteln?

Es ist schwierig, sich vorzustellen, dass Trump eine externe Einmischung dulden würde. Er denkt, dass er allen Situationen mächtig ist, und dass er eigenhändig einen besseren Deal aushandeln kann.

Tanker-Angriffe: USA legen neue Beweise vor

Was müsste passieren, dass es effektiv zu einem Krieg kommt?

Ein einzelner Vorfall könnte gut ausreichen – dass ein amerikanischer Kampfflieger heruntergeschossen werden würde zum Beispiel.

Falls es tatsächlich zu einem Krieg kommt, dürfte das einen richtigen Flächenbrand auslösen.

Die Folgen des Irakkriegs sind schlimm genug gewesen. Das Potenzial von Konfliktdiffusion und Grossmachtsinterventionen wäre in diesem Fall gegeben.

Zur Person: Lars-Erik Cederman ist Professor für internationale Konfliktforschung an der ETH Zürich. Im vergangenen Jahr erhielt er den mit 250'000 Franken dotierten Wissenschaftspreis der Marcel-Benoist-Stiftung für seine Erkenntnisse zur politischen Friedensbildung. Das Interview wurde schriftlich geführt. 

Die Bilder der Woche

Zurück zur Startseite