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Jetzt meldenVorwürfe sexueller Gewalt belasten Graham Platner schwer. Der neueste Shootingstar des linken Flügels der US-Demokraten lässt seine politische Zukunft offen, sein Team spricht von Einflussnahme durch seine Gegner*innen innerhalb der eigenen Partei.
Gegen den Widerstand seiner eigenen Partei und trotz einer selbst im aktuellen politischen Klima beachtlichen Anzahl an Skandalen hat sich Graham Platner zum demokratischen Kandidaten seines Bundesstaates Maine für den US-Senat gemausert. Umfragen zufolge könnte er die republikanische Amtsinhaberin Susan Collins schlagen.
Nun sieht sich der neueste Hoffnungsträger des progressiven Flügels der Demokraten mit den schwerwiegendsten Vorwürfen seiner kurzen politischen Karriere konfrontiert: Eine Ex-Partnerin Platners bezichtigt ihn eines sexuellen Übergriffes. Platner bezeichnet die Vorwürfe als «beunruhigend, schwerwiegend und falsch» – und wittert eine von der Führungsriege seiner eigenen Partei initiierte Schmierkampagne. blue News erläutert die Hintergründe.
Kurz gesagt: ein Nazi-Tattoo, kontroverse Online-Posts und sexuelles Fehlverhalten. Das Tattoo – ein Totenkopf, der dem Logo der Waffen-SS sehr stark ähnelt – hat Platner überstechen lassen. Er beteuert, nichts von der Verbindung des Bildes zu den Nationalsozialisten gewusst zu haben.
Für Posts auf der Online-Plattform Reddit, die als beleidigend unter anderem gegenüber Opfern sexueller Gewalt, Veteranen und der LGBTQ-Community gewertet wurden, hat sich Platner ebenso entschuldigt wie für sexuelle Online-Kontakte mit anderen Frauen, als er bereits verheiratet war.
Die «New York Times» veröffentlichte ausserdem die Aussagen mehrerer Frauen, die von toxischem und «beunruhigendem» Verhalten Platners im romantischen oder sexuellen Kontext berichteten.
Laut Platner ist sein Fehlverhalten unter anderem auf seinen inzwischen überwundenen Alkoholismus sowie im Einsatz als Soldat im Irak sowie in Afghanistan erlittene posttraumatische Belastungsstörung zurückzuführen.
In einem am Montag von dem im politischen Spektrum in der linken Mitte angesiedelten Polit-Magazin «Politico» veröffentlichten Artikel wirft Jenny Racicot, eine ehemalige Partnerin Platners, ihm vor, sie 2021 vergewaltigt zu haben. Konkret habe er eine Textnachricht, in der sie von dem Bedürfnis nach einer Massage sprach, als Aufforderung fehlverstanden.
Kurz darauf sei er, stark alkoholisiert, durch eine nicht abgeschlossene Tür in ihre Wohnung gekommen und habe gegen ihren Willen den Geschlechtsakt initiiert. Entgegen energischer Proteste Racicots habe er nicht aufgehört und sie missbraucht. Am nächsten Tag habe er sich nicht mehr an den Vorfall erinnert. Danach habe sie sämtliche Kontakte zu ihm abgebrochen.
Jenny Racicot gehört auch zu den Frauen, die von der New York Times interviewt worden waren. Dass sie dort nicht explizit von sexuellem Missbrauch sprach, begründete sie mit Furcht vor einem öffentlichen Stigma sowie mit Sympathien für Platners politische Plattform.
Graham Platner streitet Racicots Vorwürfe ab. «Die Vorwürfe sind beunruhigend, schwerwiegend und falsch», sagte er in einem Statement gegenüber «Politico». «Jeder Vorwurf von Verhalten, das auf keinem Konsens basiert, ist kategorisch unwahr.»
In einem weiteren Statement äusserte Platners Wahlkampfteam den Verdacht, dass die Vorwürfe von «Funktionären das Establishments» der Maine-Demokraten koordiniert worden seien.
«Ein Jahr lang haben Gegner*innen dieser Kampagne Graham vorgeworfen, was sie konnten. Sie nannten ihn einen Nazi, einen Kriegsverbrecher und einen Kommunisten. Nichts davon war wahr und das ist hier nicht anders.» Das Statement endet kämpferisch: «Graham hat diese Kampagne begonnen, um für ein Maine zu kämpfen, in dem jeder mit Würde behandelt wird und die Bewohner*innen von Maine erste Priorität haben, und keine Anzahl verzweifelter Verleumdungsversuche wird unsere Bewegung davon abhalten, diese Vision in die Tat umzusetzen.»
In einem Video auf X deutet Platner jedoch darauf hin, dass er seine Kandidatur durchaus zurückziehen könnte. Er verneint weiterhin jegliches Fehlverhalten, sagte aber auch, dass man nun überlege, «was für den Staat, den ich liebe, die Menschen, die ich liebe, die politische Bewegung, der ich angehöre, und dem Ziel, Susan Collins zu schlagen, der beste Weg ist».
Viele politische Beobachter*innen und sogar politische Verbündete Platners sind zu dem Schluss gekommen, dass die von Jenny Racicot vorgebrachten Vorwürfe glaubwürdig sind. Racicots Angaben sind detailliert und ein paar Kernaspekte ihrer Schilderungen können unabhängig überprüft werden.
So haben eine Therapeutin sowie ein späterer Partner Racicots bestätigt, von ihr über den Vorfall unterrichtet worden zu sein, lange bevor Platners politische Laufbahn begann. Racicot legte ausserdem Textnachrichten an eine Bekannte offen, in denen sie diese vor Platner warnte, weil dieser «was Konsens angeht rücksichtslos» sei.
Es wäre zumindest nicht das erste Mal, dass dem progressiven Flügel der Demokraten von der Parteiführung Steine in den Weg gelegt werden. So war der grösste Rivale von New Yorks progressivem Bürgermeister Zohran Mamdani mit dem ehemaligen Gouverneur von New York, Andrew Cuomo, kein Republikaner, sondern ein Demokrat, der nach seiner Niederlage in den Vorwahlen als unabhängiger Kandidat antrat und bis zum Ende die Unterstützung von Spitzenpolitiker*innen der Demokraten erhielt, unter anderem von Ex-Präsident Bill Clinton. Dass zumindest Teile der Partei 2016 gegen Bernie Sanders arbeiteten, um eine Kandidatur Hillary Clintons zu garantieren, legen geleakte interne E-Mails nahe.
Auch das jeweilige Timing der Vorwürfe spielt denjenigen, denen Platners Aufstieg ein Dorn im Auge ist, auffällig in die Hände. Erste Vorwürfe kamen auf, als Platners grösste parteiinterne Rivalin, Maines amtierende Gouverneurin Janet Mills, ihre Kandidatur ankündigte. Die «New York Times» veröffentlichte ein Stück über die schlechten Erfahrungen von Platners Ex-Partnerinnen kurz vor den Vorwahlen.
Das Timing der jetzigen Vorwürfe ist jedoch besonders brisant: Nach dem Wahlrecht von Maine könnte die Demokratische Partei, wenn Platner sich bis um 13. Juli aus dem Rennen zurückzieht, seine*n Ersatzkandidat*in selbst bestimmen, also ihre*n Wunschkandidat*in einsetzen.
Dass einflussreiche Zentrist*innen wie Chuck Schumer, Fraktionsführer der Demokraten im Senat, Platner zum Rückzug auffordern, dürfte kaum verwundern. Doch auch hochrangige, dem linken Flügel der Demokraten angehörige Politiker*innen wie Elizabeth Warren und Ro Khanna haben ihre Unterstützung wieder zurückgezogen.
Zohran Mamdani hält einen Rückzug Platners ebenfalls für «die einzige angebrachte Reaktion». Und auch linke politische Kommentator*innen wie Hasan Piker distanzierten sich. «Das ist ein ganz klarer Fall von nachweisbarer sexueller Gewalt», sagte Piker. «Das ist unentschuldbar.»
Besonders schwer wiegt der Vertrauensentzug von Platners einflussreichstem Fürsprecher: «Ich habe mit Graham Platner darüber gesprochen, was jetzt der beste Weg für Maine ist», sagte Bernie Sanders in einem Statement. «Angesichts dieser sehr schwerwiegenden Vorwürfe habe ich ihm nahegelegt zurückzutreten.»
Ohne den Rückhalt dieser zentralen Figuren der progressiven Bewegung innerhalb der demokratischen Partei scheint es unwahrscheinlich, dass Graham Platner eine politische Zukunft hat.