Carbonara-Zoff in Brüssel Warum Italiens Minister wegen einer Sauce ausrastet

Sven Ziegler

20.11.2025

Eine Carbonara-Sauce sorgt in Italien für schlechte Laune
Eine Carbonara-Sauce sorgt in Italien für schlechte Laune
KEYSTONE

Im Supermarkt des EU-Parlaments entdeckt Italiens Agrarminister Francesco Lollobrigida eine «italienische» Carbonara-Sauce mit Pancetta, Rahm und Tricolore auf dem Etikett – und schlägt Alarm. Rom spricht von «Fake Italian», der Bauernverband von Milliardenschäden.

Sven Ziegler

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Italiens Landwirtschaftsminister Lollobrigida hat im EU-Parlamentsmarkt in Brüssel Fertigsaucen entdeckt, die mit italienischer Flagge und «Italiaanse pancetta» werben, aber nicht aus Italien stammen.
  • Rom sieht darin ein Beispiel für «italienisch klingende» Produkte, von denen der Bauernverband Coldiretti einen jährlichen Schaden von rund 120 Milliarden Euro für die italienische Wirtschaft ableitet.
  • Die Delhaize-Saucen weisen zwar italienische Zutaten aus, behaupten aber nicht ausdrücklich, in Italien produziert zu sein. 

Italien hat einen neuen Pasta-Skandal – und diesmal spielt er nicht in Rom, sondern in einem Supermarkt des Europäischen Parlaments in Brüssel. Dort hat Agrarminister Francesco Lollobrigida Gläser mit Fertigsaucen entdeckt, die aussehen sollen wie «echte» italienische Klassiker, aber aus seiner Sicht genau das nicht sind. Die Folge: ein öffentlicher Aufschrei und der nächste politische Schlagabtausch um die Frage, wie viel Italien in «Italian Style» tatsächlich stecken muss.

Der Minister aus der rechtsnationalen Fratelli-d’Italia-Partei von Regierungschefin Giorgia Meloni stiess auf eine Carbonara-Sauce, die mit «Italiaanse pancetta» wirbt – also mit Bauchspeck –, sowie auf eine Tomatensauce mit Zwiebeln «aus Kalabrien».

Für Puristinnen und Puristen ist das gleich mehrfach ein Sakrileg: Klassische römische Carbonara wird mit Guanciale, gepökelter Schweinebacke, zubereitet – und ohne Rahm. Eine der Saucen besteht gemäss dem «Guardian» aber zu fast 40 Prozent aus Rahm.

Italien kämpft seit Jahren

Auf Facebook wetterte Lollobrigida, diese Produkte verkörperten «das Schlimmste» des Phänomens der «italienisch klingenden» Lebensmittel. Es sei «inakzeptabel», dass solche Gläser ausgerechnet in einem Laden innerhalb des EU-Parlaments verkauft würden, und er habe «sofortige Kontrollen» angeordnet.

Der Ärger kommt nicht aus dem Nichts. Italien kämpft seit Jahren gegen sogenannte «Italian sounding»-Produkte – Waren, die mit Farben, Namen oder Symbolen italienischer Herkunft spielen, ohne tatsächlich aus Italien zu stammen. Der Bauernverband Coldiretti spricht von einem wirtschaftlichen Schaden von rund 120 Milliarden Euro pro Jahr und warnt, dass weltweit mehr als zwei Drittel aller «italienisch» vermarkteten Agrarprodukte gar keinen Bezug zu Italien hätten. Die grössten Fälscher sässen paradoxerweise in Industrieländern wie den USA, heisst es in einer Stellungnahme.

Diese Carbonara-Sauce sorgt in Italien für Rote Köpfe.
Diese Carbonara-Sauce sorgt in Italien für Rote Köpfe.
Delhaize

Gerade bei Pasta und Käse ist der Markt mit Nachbauten voll: von «Parmesan» aus Wisconsin bis zu Pseudo-Mozzarella. Für Rom geht es dabei nicht nur um Geld, sondern auch um kulinarische Identität – und um die Hoheit über Rezepte, die längst globalisiert sind.

Die jetzt kritisierten Saucen stammen von der Eigenmarke der belgischen Supermarktkette Delhaize und tragen auf der Verpackung eine italienische Flagge, wie der «Guardian» weiter berichtet.

Zeitpunkt ist wohl kein Zufall

Nach EU-Recht kann ein Produkt als irreführend gelten, wenn Etikett und Aufmachung einen anderen Ursprung nahelegen, als tatsächlich vorliegt. Genau hier setzt Lollobrigida an, wenn er behauptet, die Kundschaft könne über den wahren Ursprung getäuscht werden.

Allerdings weisen die Saucen laut Berichten aus Brüssel weder ausdrücklich «Made in Italy» aus, noch leugnen sie ihren belgischen Hintergrund; sie enthalten lediglich einzelne Zutaten aus Italien.

Ob damit tatsächlich eine «Täuschung» im juristischen Sinn vorliegt, müssten Aufsichtsbehörden erst prüfen. Der Minister hat nach Angaben italienischer Medien die zuständigen Stellen um eine formelle Untersuchung gebeten.

Der Zeitpunkt der Empörung ist kein Zufall: Italien wartet derzeit auf die Entscheidung der Unesco, ob die italienische Küche als immaterielles Kulturerbe anerkannt wird. Eine Zusage würde Rom zusätzlich Munition liefern, um auf internationaler Bühne gegen vermeintliche «Verwässerungen» der eigenen Esskultur vorzugehen.

Parteien wie die Fratelli d’Italia nutzen das Thema zudem, um kulturelle Abgrenzung zu inszenieren – aus dem Kampf gegen «Fake Italian» wird schnell ein identitätspolitisches Signal an die eigene Wählerschaft. Dass die Betroffenen im Alltag trotzdem weiterhin Tiefkühllasagne und Fertigsaucen kaufen, gehört zu den Widersprüchen dieser Debatte.

Delhaize hat sich bisher nicht öffentlich zu der Kritik geäussert.

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