«Beleidigung der Opfer»Morettis Freilassung versetzt Italien in Rage – Bund versucht zu beschwichtigen
Philipp Fischer
25.1.2026
Die Aufhebung der U-Haft gegen den Bar-Betreiber Jacques Moretti sorgt in Italien für heftige Kritik.
Archivbild: sda
Unter strengen Auflagen kommt nach dem tödlichen Brand in Crans-Montana Bar-Besitzer Moretti frei. Italiens Regierung spricht von einem «schweren Affront» und zieht den Botschafter ab.
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Keystone-SDA, Redaktion blue News
25.01.2026, 12:46
25.01.2026, 13:13
Philipp Fischer
Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen
Die italienische Regierung hat die Freilassung des Betreibers der abgebrannten Bar in Crans-Montana scharf kritisiert.
In einer Erklärung von Ministerpräsidentin Meloni und Aussenminister Tajani heisst es, die Entscheidung sei ein Affront gegen die Familien der Opfer.
Der italienischen Botschafter in der Schweiz wurde nach Rom zurückbeordert.
Nach der Brandkatastrophe in Crans-Montana VS wurde der Besitzer der Bar «Le Constellation», Jacques Moretti, aus der Untersuchungshaft entlassen. Das Zwangsmassnahmengericht gab am Freitag die Aufhebung seiner Untersuchungshaft nach Zahlung einer Kaution bekannt. Die Reaktionen in Italien fallen harsch aus – und sorgen für Wut und heftige Kritik.
Giorgia Meloni protestiert
Unter den 40 Todesopfern des Feuers sind sechs italienische Staatsangehörige. Elf weitere Italiener*innen sind verletzt worden. Die Betroffenheit in Italien ist gross.
Italiens Regierung kritisiert die Aufhebung der Untersuchungshaft für den Besitzer der Bar mit scharfen Worten. Die Entscheidung eines Schweizer Gerichts, Jacques Moretti unter Auflagen freizulassen, stelle einen «schweren Affront» und einen «weiteren Schmerz» für die Familien der Opfer und die Verletzten dar, hiess es. Man sei über den Vorgang zutiefst empört.
Minsterpräsidentin Giorgia Meloni meldet sich persönlich zu Wort: «Ich bin empört über die Nachricht von der Freilassung von Jacques Moretti, dem Besitzer des Lokals Le Constellation in Crans-Montana» schreibt sie auf X und fügt hinzu: «Ich halte dies für eine Beleidigung der Opfer der Tragödie von Silvester und eine Kränkung ihrer Familien, die unter dem Verlust ihrer Angehörigen leiden. Die italienische Regierung wird die Schweizer Behörden zur Rechenschaft ziehen.»
Ganz Italien schreie nach Wahrheit und Gerechtigkeit, betonte die Regierungschefin. Die Entscheidung des Gerichts stelle «ein schweres Vergehen» dar, schrieb Meloni weiter. Sie sei «eine weitere Wunde für die Familien der Opfer der Tragödie von Crans-Montana».
Sono indignata dalla notizia della scarcerazione di Jacques Moretti, proprietario del locale Le Constellation di Crans-Montana. La considero un oltraggio alla memoria delle vittime della tragedia di Capodanno e un insulto alle loro famiglie, che stanno soffrendo per la scomparsa…
Ministerpräsidentin Meloni und Aussenminister Antonio Tajani beordern nach dem Gerichtsurteil den italienischen Botschafter in der Schweiz, Gian Lorenzo Cornado, zurück nach Rom, um «die weiteren zu ergreifenden Schritte festzulegen», wie die Regierung mitteilt.
Was am Freitag im Wallis geschehen sei, habe ihn und Meloni «zutiefst empört», fügte Tajani an. «Hier geht es nicht um Sicherheitsvorkehrungen, sondern um objektive Fakten.» Es sei inakzeptabel, eine Person freizulassen, die objektiv für das Geschehene verantwortlich sei.
Weiter schreibt Antonio Tajani auf X: «Ich bin sprachlos angesichts der Freilassung von Jacques Moretti in der Schweiz. Diese Entscheidung ist ein echter Affront gegenüber den Familien, die ihre Kinder in Crans-Montana verloren haben, und ignoriert die Trauer und den tiefen Schmerz, den diese Familien mit dem italienischen Volk teilen.»
Non ho parole per commentare la scarcerazione in Svizzera di Jacques Moretti. È un atto che rappresenta un vero oltraggio alla sensibilità delle famiglie che hanno perso i loro figli a Crans-Montana, che non tiene conto del lutto e del dolore profondo che queste famiglie…
«Wir werden unsere Unterstützung und Solidarität mit den Eltern der Opfer dieses unglaublichen Unglücks verstärken», so Tajani. Er betont schliesslich, man werde «weiterhin zusammenarbeiten, damit die Schweizer Behörden die Wahrheit und die Verantwortlichkeiten für das Geschehene aufklären.»
Quella di Crans-Montana è una tragedia che poteva e doveva essere evitata. La scarcerazione di Moretti è una vergogna. Sono deluso, offeso e indignato come padre e come nonno. È una decisione priva di senso. pic.twitter.com/6aRMmrAK0E
Man könne den Tod von so vielen Menschen nicht mit einer Kaution von 200'000 Franken aufwiegen, fuhr Tajani fort. Der Aussenminister fordert die Schweizer Justiz auf, das Strafverfahren zu beschleunigen. «Die Gefühle des italienischen Volkes dürfen nicht auf diese Weise verletzt werden», beschliesst er sein Statement.
Cassis versucht sich in Schadensbegrenzung
Inzwischen hat sich der Schweizer Aussenminister Ignazio Cassis mit seinem italienischen Amtskollegen Antonio Tajani über die Brandkatastrophe in Crans-Montana ausgetauscht. Sie hätten die Bereitschaft der Schweiz und Italiens bekräftigt, sich in dieser gemeinsamen Tragödie gegenseitig zu unterstützen, so Cassis.
«Wie Italien trauert auch die Schweiz um die 40 Opfer und die vielen Verletzten der Tragödie von Crans-Montana. Wir verstehen den Schmerz, denn es ist auch unser Schmerz», beantwortete Cassis auf der Plattform X die heftige Reaktion aus Italien. Man wolle Klarheit und verfolge die Arbeit der Justiz im Kanton Wallis aufmerksam.
Come l’Italia, anche la Svizzera piange le 40 vittime e i tanti feriti della tragedia di Crans Montana. Capiamo il dolore, perché è anche il nostro dolore. Vogliamo chiarezza. Seguiamo con attenzione il lavoro della giustizia del canton Vallese.
Ähnliche Worte wählte auch Tajani. Er habe in einem langen Gespräch erneut die Solidarität der Schweizer Regierung erfahren, sagte der italienische Aussenminister in Rom. Gleichzeitig habe er Cassis erzählt, wie empört das italienische Volk ist.
Walliser Staatsanwältin wehrt sich
Die Walliser Generalstaatsanwältin Beatrice Pilloud bestätigt, dass sie am Samstagvormittag vom italienischen Botschafter in der Schweiz kontaktiert worden sei. Sie habe ihn informiert, dass der Entscheid zur Freilassung des Barbesitzers von Crans-Montana nicht von der Staatsanwaltschaft angeordnet worden sei.
Pilloud reagiert damit auf eine Forderung der italienischen Regierung. Diese hatte Gian Lorenzo Cornado, den italienischen Botschafter in der Schweiz, gemäss einer Mitteilung vom Samstag angewiesen, sich «umgehend» mit Pilloud in Verbindung zu setzen und ihr die «tiefe Empörung» der italienischen Regierung über den Entscheid des Zwangsmassnahmengericht vom Vortag zu übermitteln.
Sie habe dem Botschafter erklärt, dass am Freitag das Zwangsmassnahmengericht entschieden habe, schrieb Pilloud auf Anfrage der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Gleichzeitig habe sie ihm empfohlen, sich für weitere Informationen an das Gericht oder die Bundesbehörden zu wenden.
«Ich möchte nicht für einen diplomatischen Zwischenfall zwischen unseren beiden Ländern verantwortlich sein», teilt die Generalstaatsanwältin weiter mit. Sie betont, dass sie keinem möglichen Druck der italienischen Behörden nachgeben werde und habe dem italienischen Botschafter daher geraten, seine Bedenken über den Entscheid an die nationalen Behörden zu richten.
Bundespräsident und Botschafter versuchen Italien zu besänftigen
Derweil in Italien am Wochenende unter anderem gefordert wurde, dass die italienischen Skirennfahrerinnen und -fahrer die alpinen Weltcuprennen in der kommenden Woche in Crans-Montana aus Protest boykottieren sollen, versucht die Schweiz zu beschwichtigen - und in Italien auch zu erklären.
Ein Grundprinzip des Schweizer Strafrechts sei es, dass der Angeklagte auf freiem Fuss bleibe, sagte der Schweizer Botschafter in Rom, Roberto Balzaretti, am Sonntag in einem Interview mit der Zeitung «La Stampa». Nicht die Polizei oder die Staatsanwaltschaft entschieden über eine Inhaftierung, sondern die Richter. «Es ist ein Prinzip unserer Demokratie und des Rechtsstaats, das uns alle schützt, und ich würde es nicht ändern», erklärte Balzaretti. Der Botschafter räumt aber auch ein, dass es Lücken in den Ermittlungen gegeben habe.
Bundespräsident Guy Parmelin äusserte sich am Samstag am Rand der Delegiertenversammlung der SVP Schweiz in Näfels GL in einem Interview mit Schweizer Radio und Fernsehen (SRF). Er zeigte Verständnis für die italienische Sicht, sagte aber auch: «Ich glaube, Italien betrachtet das Schweizer Vorgehen durch die Brille des italienischen Rechts.» Die Gewaltentrennung sei zu respektieren.
So begründet das Gericht die Entlassung Morettis aus der U-Haft
Am Freitag wurde Jacques Moretti aus der Untersuchungshaft entlassen. Das Zwangsmassnahmengericht setzte die Kaution auf 200’000 Franken fest. Den Betrag hat die Staatsanwaltschaft beantragt, das Gericht hat diesen als angemessen und abschreckend beurteilt. Die Summe sei noch am selben Tag auf das Konto der Staatsanwaltschaft überwiesen worden, heisst es weiter.
Anstelle der Untersuchungshaft hat das Zwangsmassnahmengericht Ersatzmassnahmen angeordnet, um dem beim Beschuldigten bestehenden Fluchtrisiko entgegenzuwirken. Dabei handelt es sich um das Verbot, das Schweizer Staatsgebiet zu verlassen, die Pflicht, alle Identitäts- und Aufenthaltsdokumente bei der Staatsanwaltschaft zu hinterlegen, die Pflicht, sich täglich bei einer Polizeistelle zu melden sowie die Verpflichtung, die festgelegten Sicherheiten zu leisten.
Heftige Kritik an den Ermittlungen – seit dem Tag nach der Katastrophe
Der Staatsanwaltschaft werfen verschiedene Seiten schwere Fehler bei den bisherigen Ermittlungen im Fall Crans-Montana vor – und das, praktisch seit dem ersten Tag nach der Katastrophe. So wurde zwar direkt nach dem Unglück ein Durchsuchungs- und Beschlagnahmungsbefehl für die Privat- und Geschäftsräume von Jacques Moretti verfügt, nicht aber für seine Ehefrau Jessica. Die Ein gleicher Befehl für seine Ehefrau Jessica, die Mitbetreiberin der Bar war, wurde jedoch erst am 5. Januar erlassen. Durchsucht wurden die Räumlichkeiten der Morettis erst am 7. Januar, fast eine Woche nach dem verheerenden Unglück.
Zudem haben die Ermittlungskräfte die Mobiltelefone der Morettis erst am 9. Januar beschlagnahmt. Auf den Geräten hätten sich wichtige Informationen befunden. «Moretti hatte in seiner ersten Einvernahme am 1. Januar – noch als Auskunftsperson – in seinem Telefon nachgeschaut, wer in der Bar in der Silvesternacht gearbeitet hatte», berichtet die «NZZ».
Särge der italienischen Opfer von Crans-Montana werden verladen
Am Flughafen Sion werden am Montag (19. Januar) fünf Särge in ein Transportflugzeug verladen. Es handelt sich um Opfer der Brand-Katatstrophe von Crans-Montana, die nach Italien zurückgeflogen werden.